Kommentar

Wo soll die Lust auf Mode denn plötzlich herkommen?

Ein Kommentar von Chefredakteurin Brigitte Pfeifer-Medlin

Seit zehn Tagen haben Läden bis 400m² wieder geöffnet, das Fazit der Modehändler, die diesen Tag eigentlich herbeigesehnt hatten, fällt verheerend aus. Tagesumsätze, oft unter der 100-Euro-Grenze, entfallen mehrheitlich auf Masken. So sieht das „Zurück zur Normalität“ also aus: gekauft wird ausnahmslos, was gebraucht wird – und allen zynischen Kommentaren zum Trotz: da gehören Artikel aus dem Bauhaus oder dem Gartencenter oftmals dazu. Dass sich bei vielen Einzelhändlern jetzt Verzweiflung einstellt, muss nicht verwundern. Die Schaufenster wurden neu und liebevoll dekoriert, die Frühjahrsware ist um nichts weniger attraktiv als zum Saisonstart, alles, was fehlt, sind Kunden, die mehr als Socken und Unterhosen kaufen.

Jetzt liegen alle Hoffnungen am 2. Mai – aber auch hier ist gesunder Pessimismus angesagt. Denn abgesehen von Einzelhandel und Arbeitsplatz (bei all jenen, die aus dem Home-Office wieder zurückgeholt werden), herrscht weiterhin kein öffentliches Leben in Österreich. Kein Restaurant-Besuch, kein Kabarett-Abend, keine Einladung bei Freunden. Die Absagen von Großveranstaltungen wie Volksfesten oder Festivals bis zum Ende des Sommers wird unser gesellschaftliches Leben über Monate hinweg beeinflussen. Und: Vorsicht und Ängstlichkeit werden zumindest in den kommenden Wochen das Kaufverhalten der Menschen mehr prägen als die Lust aufs neue Outfit. Wo sollte die Lust auf Mode denn herkommen?

Viele Händler wehren sich mit Kraft und Energie gegen ihr Schicksal. Bieten auch für Mode ein Lieferservice an (warum gab es das eigentlich nicht auch schon vor Corona?), bemühen sich um jeden einzelnen Kunden, mit dem man über soziale Medien kommuniziert – oder ganz einfach einmal anruft. Manche Unternehmer schreiben sogar sehr persönliche Briefe, um auf die neue Ware und/oder ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen.

Kommt am 2. Mai der große Sale? Und wenn ja: wird der Abverkauf die Shopping-Lust der Kunden zurückbringen, aber die Saison noch tiefer ins Minus ziehen? Nicht der 14. April, der 2. Mai wird zeigen, ob die Österreicher in ihrer Schockstarre verharren – oder wirklich zurück ins Leben finden werden. Übrigens: In Teilen Deutschlands sperrten vor ein paar Tagen alle Läden bis 800m² auf. Und auch hier reagierten die Verbraucher so, wie man es uns seit Wochen eintrichtert: sie gingen auf Abstand.

Von: Brigitte Pfeifer-Medlin