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Wiederöffnung des Handels: »Weit weg vom Hurra«

Lange Schlangen bei Elektronikketten, Möbelhäusern und Frisiersalons und wenig Andrang bei Modehändlern: Nur für manche Händler lief der erste Tag nach dem Shutdown gut.

Nach fast sieben Wochen Corona-Shutdown haben am Samstag auch Einkaufszentren, Friseure sowie alle Geschäfte mit über 400 Quadratmetern Verkaufsfläche wieder aufgemacht. »Bei der Elektronik und bei Ikea hatten wir am Samstag das Baumarktphänomen«, spielte Rainer Trefelik, Modehändler und Obmann des Handels in der Wiener Wirtschaftskammer, auf die langen Warteschlangen an, die sich zwei Wochen zuvor am ersten Öffnungstag von den Heimwerker-Stores gebildet hatten. »Aber ansonsten ist das Sackerlaufkommen noch sehr ausbaufähig«, beschrieb Trefelik die generell noch gebremste Kauflaune.

Wien: Schlangen vor MediaMarkt und Saturn

Auf Österreichs größter Einkaufsmeile, der Mariahilfer Straße in Wien, herrschte am Samstag um die Mittagszeit ordentlich Trubel. Den großen Ansturm dürften H&M, Peek & Cloppenburg und Co. nach eineinhalb Monaten Schließzeit aber trotzdem noch nicht gehabt haben. In den Filialen war recht viel Platz, Warteschlangen gab es dort nicht. Beim Kaufhaus Gerngross mussten die Kunden hingegen bereits beim Eingang auf Einlass warten. Ein genauerer Blick zeigte jedoch, dass der große Andrang einzig einem einzigen Mieter geschuldet war: Die Schlange zur der Saturn-Filiale, die im vierten und fünften Stock beheimatet ist, begann bereits im ersten Stock. Die anderen Geschäfte im Gebäude konnten von einem solchen Ansturm nur träumen. Selbst beim ansässigen Sportartikelhändler konnte man ohne Anstehen reinspazieren. Ein ähnliches Bild zeigte sich in der Lugner City: Während es im Haus selbst recht wuselte, waren die Shops selbst höchstens mäßig mit Menschen gefüllt – mit einer Ausnahme: der Media Markt-Filiale. Auch dort nahmen Dutzende Menschen langes Anstehen in Kauf.

»Frühlingsschnäppchen« in Salzburg

Auch in der Salzburger Altstadt war von großer Kauflust und riesigem Kundenandrang wenig zu spüren. Immerhin: Die Stadt war belebt, die Menschen gingen wieder einkaufen. Vor dem Bekleidungsgeschäft Dantendorfer standen einige Frauen in der Schlange vor dem Eingang. »Bitte warten, es sind zu viele Kunden im Geschäft«, hieß es auf einem Hinweisschild an der Tür. Auch in einem nahen Trachtengeschäft herrschte reger Andrang, beim Eingang wurde Mundschutz aus buntem Dirndlstoff angeboten. Vor dem Nespresso-Shop in der Getreidegasse hatte sich gegen Mittag eine lange Schlange gebildet; ein paar Geschäfte weiter waren Verkäuferinnen ganz allein in einer Boutique und warteten, dass endlich jemand ins Geschäft kommt. Von der früheren Fußgängerdichte war die Altstadt weit entfernt. Mit Mund-Nasen-Schutz-Maske fehlt ein bisschen die Leichtigkeit des Flanierens. Außerdem fehlen die Touristen als Umsatzbringer. »The Show must go on«, hatte ein Schuhgeschäft in seinen Auslagen plakatiert, andere hatten sich schönen Blumenschmuck und aufwendige Dekorationen einfallen lassen, um die Freude am Einkaufen anzukurbeln. (Viele) andere setzten einfach aufs Preisargument: »Smile – it’s sale – 50 %« war da zu lesen, oder: »Frühlingsschnäppchen bis zu – 50 %«, oder: »Mid-Season-Sale bis zu – 30 %«, oder: »Danke mit – 25 % auf alles«.

Steinecker trotz 60 % Minus »zufrieden«

Modehändler Gottfried Steinecker, blickt ganz zufrieden auf den ersten Eröffnungstag zurück: »Der Umsatz lag bei 40 Prozent von einem normalen Samstag und zwar an allen drei Standorten, in Steyr, Krems und Amstetten. Wobei es in Amstetten doch besser lief, dort haben wir mehr Stammkunden.« Für den Brautmodenspezialisten fehlt »natürlich das Festtagsgeschäft». Der Top-Unternehmer, der in den vergangenen Jahren viel investiert hat, sorgt sich jetzt auch nicht um die ersten Wochen, sondern »um die nächsten 8 bis 10 Monate«, wie er sagt.

»Schwächerer Samstag« in den Einkaufszentren

Im Murpark in Graz lag die Kundenfrequenz am Samstag bei 60 % im Vergleich zu einem normalen Samstag. Schlangen bildeten sich vor allem vor dem Sporthandel, und auch der Elektroniksektor war stark nachgefragt. Eher zögerlich lief es dagegen im Modebereich. Im Salzburger Europark sei um gut ein Viertel weniger los gewesen als an anderen regnerischen Einkaufssamstagen, sagte Centermanager Manuel Mayer. Im Messepark in Dornbirn verglich Geschäftsführer Burkhard Dünser den Besucherstrom »mit einem eher schwächeren Samstag«. Fehlten im Europark die Kunden aus Bayern, waren es in Dornbirn jene aus der Schweiz. Auch dass die gesamte Gastronomie noch geschlossen hat, sei in der Frequenz zu spüren, betonte Dünser. Schlangen gab es auch im Messepark (zeitweise) einzig vor den Filialen von MediaMarkt und Nespresso.

Obwohl die Einkaufszentren am ersten Samstag teils über den Erwartungen liegende Frequenzen erzielt haben, blieb der Mode-Handel doch deutlich unter der allgemeinen Benchmark. Dazu kamen noch ein paar organisatorische Hoppalas: Zara soll einen Komplettausfall der Bankomatkassen gehabt haben und konnte nur Bargeld akzeptieren. Andere Modehändler taten sich mit der Quadratmeter-Regelung schwer und wussten nicht, wie sie die Kunden im Geschäft zählen sollten. Die das im Griff hatten – wie C&A – schockten den Mitbewerb mit Rabatten »bis zu 70 Prozent«. Für SES-Geschäftsführer Marcus Wild war noch ein Trend deutlich: »Die Bons pro Kunden waren überdurchschnittlich hoch. Es gab doch sehr viele Bedarfskäufe.« Vor allem bei den Sportartikelhändlern und in den Möbelhäusern. „Langsame Normalität“ erwartet Wild erst mit der Öffnung der Gastronomie am 15. Mai: »Wir brauchen die Gastronomie für das Gesamteinkaufserlebnis.«

Hoffen auf Gastro-Öffnung

Eine Einschätzung, die er mit Rainer Will teilt, dem Geschäftsführer des Handelsverbands. Auch dieser glaubt an eine Frequenzsteigerung in Innenstädten, Einkaufsstraßen und Shoppingcentern und eine damit verbundene Umsatzstabilisierung erst ab dem 15. Mai – aber auf niedrigerem Niveau als vor der Krise. Weiterhin fordert der Handelsverband eine vorgezogene Steuerreform, um die Konjunktur und die Konsumausgaben anzukurbeln.

»Man wird dort und da noch Umsatz reinholen«, hofft WKÖ-Handelsobmann Peter Buchmüller. Klar sei aber: »Am Jahresende wird ein Umsatzminus übrigbleiben.« Finanziell werde es für zahlreiche Handelsbetriebe »sehr knapp«. Bei den Überbrückungskrediten mahnt Buchmüller zu mehr Schnelligkeit bei der Abwicklung. Wenn es mehr Liquidität für die Unternehmen erst in ein paar Monaten gebe, dann sei es vielleicht schon zu spät. »Es wird Händler geben, die es nicht überstehen«, so der WKÖ-Handelsobmann.

Warnung vor Rabattschlachten

Wolfgang Ziniel von der KMU Forschung Austria beziffert den Umsatz im Einzelhandel für April nach vorläufigen Schätzungen mit 3,6 Mrd. € netto, um 1,6 Mrd. € weniger als im April 2019. Ohne Berücksichtigung des Lebensmitteleinzelhandels sowie anderer Branchen, die offenhalten durften, sei der verbleibende Einzelhandel mit durchschnittlichen Ausfällen von 67 % konfrontiert. Selbst Geschäfte, die bereits nach den ersten Lockerungen nach Ostern aufgemacht haben, hätten Umsatzausfälle zwischen 70 und 90 % verzeichnet. »Innenstädte ohne Gastronomie und Konsumzurückhaltung bringen viele Unternehmen in eine bedrohliche Lage«, so Ziniel.

Unterm Strich sei der Handel also auch nach der zweiten Phase der Wieder-Eröffnung noch »weit weg vom Hurra«, fasst der Wiener Branchensprecher Rainer Trefelik zusammen. Er warnt abermals vor Rabattschlachten: »Das ist höchstens eine schnelle Liquiditätsbeschaffung, aber keine nachhaltige Krisenbewältigung Man müsse sich jetzt Tag für Tag nach oben hanteln, bis sich bei den Kunden das Shopping-Erlebnis trotz Corona-Maßnahmen wieder einstelle.

Von: Manuel Friedl