Kommentar

»Warum erst jetzt?«

Ein bisschen mehr Bodenhaftung - und vor allem Kundenorientierung - würde der gesamten Branche gut tun. Ein Kommentar von ÖTZ-Chefredakteurin Brigitte Pfeifer-Medlin.

Wenn die New York Times einen offenen Brief veröffentlicht, muss der Absender prominent und/oder das Anliegen gewichtig sein. Das war dieser Tage offensichtlich gleich beides der Fall, als sich Designer wie Dries van Noten oder Tory Burch an die Leserschaft des ehrwürdigen Blattes wandten. Die Taktung der Mode sei in den letzten Jahren vollkommen falsch gewesen, wer braucht denn schon Bikinis im November? Jetzt, da alles nach hinten rückt, sei es der beste Zeitpunkt, den falschen Rhythmus zu korrigieren, die heurigen Messe-, Order-, Auslieferungstermine beizubehalten, um der Mode endlich wieder jene »Magie der Kreativität zu verleihen«, die sie in den letzten Jahren schrittweise verlor.

Themenwechsel – wenn auch nicht ganz. Durch die Bekleidungsindustrie und die Modeagenturen geht gerade ein Seufzen der Erleichterung, dass erstens die neuen Ordertermine (wie sagte weiland Ex-Gott-sei-bei-uns Karl-Heinz-Müller zu einer Journalistin über die Bread & Butter: »Nenn‘ es niemals Messe, Schätzchen«) feststehen und sie zweitens um zwei bis vier Wochen nach hinten rücken. »Es wäre doch fantastisch, wenn wir uns jetzt auf Termine verständigen könnten, die den Bedürfnissen unserer Kunden und den Jahreszeiten entsprechen würden«, höre ich immer wieder in Gesprächen.

Hat es wirklich erst eine Pandemie gebraucht, um aus dem Ruder gelaufene Messeveranstalter und Konzernmarken, für die das Weihnachtsgeschäft Anfang August beginnt, an die kurze Leine zu nehmen? Wer, bitte, außer Lieferanten, Händler UND VOR ALLEM KUNDEN, gibt denn vor, WANN WAS stattzufinden hat? Von wem kam denn die Idee, mitten im Winter mit Cruise-Kollektionen auch jene Kunden zu belästigen, die noch nie vorhatten, im Jänner auf Kreuzfahrt zu gehen?

Kurz gesagt: Alle Veränderungen, die die Krankheitswelle jetzt auslöst, sind gut und richtig, aber: Warum erst jetzt? Warum erkannte man nicht schon früher, dass die Weisheit, wonach nur der frühe Vogel den Wurm pickt, in der Mode in einem einzigen Durcheinander endet? Warum nahm man (viel zu frühe) Messetermine ohne Protest zur Kenntnis, nur um die Launen von »early adopters« und Influencern zu befriedigen?

Auch der Handel gewinnt gerade neue Erkenntnisse aus der Corona-Krise, aber: Warum gibt es nicht schon längst modisches Lieferservice nach Hause? Warum erkennen so viele Unternehmen den Wert echter Dienstleistung erst dann, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht?

»Magie der Kreativität« fordert die Designer-Elite jetzt ein. Und meint damit wohl auch ein bisschen mehr Bodenhaftung. Die wird allen guttun, mit und ohne Corona.

Von: Brigitte Pfeifer-Medlin