Fashion

The future is female: Frauen an der Spitze der größten Modehäuser

Mit Virginie Viard als Creative Director für Chanel gewinnt die Modebranche, nach Maria Grazia Chiuri für Dior, die zweite Frau an der Spitze eines der größten Modehäuser.

Mode wird vielerorts als Frauenfeld abgestempelt. Schaut man aber genauer hin, befinden sich kaum Frauen in Führungspositionen und schon gar nicht Designerinnen. Karl Lagerfeld übernahm direkt nach Coco die kreative Führung von Chanel und bekam dafür einen lebenslangen Vertrag mit dem Haus. Viele in der Branche fragten sich, wer im Falle seines Ablebens den Thron übernehmen würde. Die Gerüchteküche brodelte. An der Spitze war Hedi Slimane und hin und wieder hörte man von Marc Jacobs als Nachfolger für Kaiser Karl. Es ist aber Virginie Viard, Karls rechte Hand seit 1987 und eine Frau, die in seine Fußstapfen tritt. Sie war stets da gewesen, aber immer unscheinbar geblieben. Und genau deshalb ist die Überraschung so groß oder vielleicht genau deshalb doch nicht.

The Future is Female

Schon 2016 machte die Modebranche eine Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Frau und ernannte Maria Grazia Chiuri zu Artistic Director für Dior - die erste Frau an der Spitze des Hauses nach sieben Jahrzehnten männlicher Führung. In dieser kurzen Zeit zeigt sich ihr Einfluss auf die Maison und die Gesellschaft. Chiuri nutzt Laufstege und Kampagnen, um nicht nur künstlerische, sondern und vor allem auch feministische und politische Botschaften zu verbreiten.

So ist es, bei genauerem Hinsehen, nicht verwunderlich, wenn nach über drei Jahrzehnten der diktatorischen Herrschaft Kaiser Karls, genau jetzt eine Frau zum Vorschein kommt - zum ersten Mal seit Coco selbst. Viard, die in einem Interview mit der Elle bekannt gab, 1987 als Praktikantin bei Chanel begonnen und kurze Zeit später bereits die Leitung des Ateliers übernommen zu haben, hält sich im Hintergrund und meidet das Blitzlichtgewitter. Wenn Karl auf die Bühne ging, blieb sie Backstage. Bis letztes Jahr blieb Viard größtenteils hinter dem Vorhang, und zeigte sich erstmals nach der Cruise-Show 2019 mit Lagerfeld, und dann alleine, als er seinen Auftritt bei der Couture Show im Jänner in Paris krankheitsbedingt ausfallen ließ.

Kaiser Karl, der Modediktator

Viele glauben Viard sei die Reinkarnation Cocos, die sich frauenfreundliche Alternativen zu Mieder, Taillenkorsetts, gepolsterten Büstenhaltern und schweren Röcken wünschte. Alles Dinge, die männliche Designer Frauen aufzwängten. Genau wie Karl es tat. Nicht umsonst wurde er Kaiser genannt. Auch wenn er der größte Visionär in der Modegeschichte war und es schaffte die Maison zu verjüngen und voranzutreiben, war er dennoch ein Modediktator, der auf dem Laufsteg Beifall erntete, aber von Kennern auch scharf kritisiert wurde. Seine Meinung, wie eine Frau auszusehen hat, gab er ungeniert von sich. »Niemand will kurvige Frauen sehen«, sagte er 2009 der Zeitschrift Focus und verteidigte dadurch seine Entscheidung oftmals zu dünne Models auf den Laufsteg zu schicken. Die Sängerin Adele prangerte er immer wieder öffentlich an: »[Sie] ist bezaubernd, ihre Stimme göttlich. Aber sie ist leider ein wenig zu fett«, erklärte er der Pariser Zeitung Métro.

Von Frau zu Frau

Viard tritt in sehr große Fußstapfen. Dennoch sind sich viele sicher, was die Modewelt jetzt braucht, ist die Feinfühligkeit einer Frau. Coco Chanel machte den Anfang. Ihre größte Errungenschaft waren freundlichere und alltäglichere Frauenkleidung. Ihr verdanken wir das kleine schwarze Kleid, den Tweedanzug und die gesteppte Chaneltasche. Mit Viard erhoffen sich viele »zurück zu den Wurzeln« zu kehren und, dass sie Chanel zwar zukunftsorientiert leitet, gleichzeitig aber Cocos Message - Von Frau zu Frau - weiterträgt. Sie ist die stille Revolution in einer männerdominierten Branche.

Von: Márcia Neves