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»Rette dich selbst, sonst bist du verloren«

Claudia Fleimisch ist Steuerberaterin und Modehändlerin. In einem Gastbeitrag kritisiert sie die Hilfsmaßnahmen als unzureichend, die vollmundigen Versprechen wurden nicht eingelöst.

Phase 1 der Corona-Pandemie scheint überstanden. Die Lichter in den Geschäften sind wieder an, unsere Mitarbeiter stehen wieder auf der Fläche. Der Zeitpunkt des Shutdowns war für den Handel einfach nur tragisch. Die Frühlingsware hat sich gerade begonnen zu drehen, die Sommerware war ausgeliefert. Hoch waren Warendruck und die Eingangsrechnungen.

Am Samstag, dem 14. März 2020, die Türe zuzusperren, ohne zu wissen, wann es wieder weiter geht, glich einem Ende. Den Betrieb runter zu fahren kostete viel Energie. Die Situation belastete mich als Unternehmerin und meine Mitarbeiter existentiell und beanspruchte auch emotional stark.

Wir mussten zusperren, es war unverschuldet und unverhandelt. Es gab keine Informationen wie lange und wir hatten keine Perspektive. Wir mussten darauf reagieren und versuchen Maßnahmen zu setzen um den Schaden zu minimieren. Es fühlte sich an wie Fahren ohne Orientierung und Ziel.

Die Kommunikation der Bundesregierung auf den Pressekonferenzen ließ Anfangs Hoffnung aufkommen, dass der wirtschaftliche Schaden gepuffert wird: »Koste es, was es wolle.«

Rechts- und Planungssicherheit fehlen

Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass die Pressekonferenzen der Bundesregierung Wahlkampfauftritten gleichen. Angekündigte Maßnahmen und Veränderungen werden erst Tage, manchmal sogar Wochen später rechtsverbindlich veröffentlicht. Es fehlt uns Unternehmern an Rechts- und Planungssicherheit und durch die späte Veröffentlichung fehlt wertvolle Zeit, die richtigen Maßnahmen einzuleiten. Tage- oder wochenlang nur allgemeine Informationen auf der Homepage der WKO zu lesen und auf dieser Basis zu entscheiden ist frustrierend.

Die legistische Qualität und die Ausgestaltung von spät veröffentlichten Richtlinien und Verordnungen sind ein Kapitel für sich. Sie sind häufig unvollständig und praktisch nicht umsetzbar. Die Härtefallfonds 1 und 2 sind trotz erfolgter Korrekturschleifen für die Betroffenen eine große Enttäuschung. Auch der Fixkostenzuschuss wird uns vermutlich finanziell kaum retten.

Die Corona-Kurzarbeit schreit nach einer umfassenden Neugestaltung, damit sie endlich korrekt abrechenbar wird und wir Betriebe zur Abrechnung und Auszahlung der Kurzarbeitsbeihilfe kommen. In unserem Betrieb haben wir uns für die Corona-Kurzarbeit entschieden. Ich wusste, dass der Knackpunkt die Vorfinanzierung ist. Ich wusste auch, dass die einvernehmliche Auflösung monetär betrachtet günstiger ist mit deutlich weniger Verwaltungsaufwand. Aber wir tragen Verantwortung für unsere Mitarbeiter und ihre Familien.

Wahlkampfversprechen statt Krisenbewältigung

Ich habe – wie vermutlich viele meine Händlerkollegen – viel Zeit damit verbracht, Newsletter zu lesen, WKO-Info-Seiten zu studieren und nach verlässlichen und korrekten Informationen zu suchen. Ich habe versucht zu berechnen, wie hoch der voraussichtliche Fixkostenzuschuss für meinen Betrieb sein wird. Ich weiß, dass diese Berechnung unvollständig, wahrscheinlich falsch sein wird. Warum? Es gab keine Richtlinie. Was ich jedoch abschätzen kann, ist dass der Zuschuss nicht hoch sein wird.

Ich habe unter meinen Klienten keinen einzigen Fall, für den der Härtefallfonds die volle Förderung in Höhe von € 6.000 auszahlt. Wieso? Einfach ausgedrückt: Es war ein Wahlkampfversprechen. Die inhaltliche Ausgestaltung des Härtefallfonds ist meiner Ansicht nach systemwidrig, fast ein bisschen zynisch. Die Pauschalsätze der Corona-Kurzarbeit sind zu niedrig und somit nicht richtlinienkonform. Selbst bei AMS und Steuerberaterkammer kennt sich keiner aus. Immer noch sind sich die Sozialpartner über Details uneinig. Und wir Unternehmer bleiben auf der Strecke.

Hoffnungen lösten sich in Luft auf

Unternehmerische Pläne für heuer und das kommende Jahr haben wir auf Eis gelegt oder auch schweren Herzens begraben. Dadurch haben wir etliche Vorleistungen und Ressourcen vernichtet. Und wie so oft in dieser Zeit müssen wir Entscheidungen treffen unter unvollständigen Vorgaben und Informationen.

Wie werden sich Frequenz und Umsatz heuer entwickeln? Werden wir auf einen Teil unserer Frühlings-Sommer-Ware sitzen bleiben? Die Vorordern für Herbst/Winter 2020 wurden vor Corona platziert. Haben wir zu viel geordert? Wie entwickelt sich das Geschäft im 2. Halbjahr?

Wir durften mit 14. April wieder eröffnen. Seit vier Wochen begrüßen wir wieder Kunden in unserem Geschäft. Unsere Mitarbeiter sind gesund und munter. Wir haben gespürt, wie gerne wir beraten und verkaufen. Wir führen wieder einen geregelten Alltag. Wir haben wieder Perspektive und das Gefühl selbstbestimmt zu entscheiden. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass »Koste es, was es wolle« eine leere Versprechung ist und wenig Hoffnung auf vernünftige Entschädigung und Unterstützung besteht. Ich rate jedem Unternehmer seine Schritte und Entscheidungen selbstbestimmt anzugehen um den entstandenen Schaden zu minimieren, getreu dem Motto: »Rette dich selbst, sonst bist du verloren.«

 

Mag. (FH) Claudia Fleimisch ist Steuerberaterin und führt in 2. Generation das Wäsche-Fachgeschäft Wäsche Fleimisch in Teesdorf (Bezirk Baden). Seit ihrem 12. Lebensjahr arbeitet sie im Familienbetrieb mit und übernahm vor 4 Jahre den elterlichen Betrieb und führt das Geschäft erfolgreich weiter.

Ihr beruflicher Schwerpunkt ist die Steuerberatung. In ihrer Steuerberatungskanzlei mit Sitz in Wien berät sie Klein- und Mittelbetriebe.