Fashion

I (don’t) want you to panic

Trendanalyst Carl Tillessen macht sich in einem Gastkommentar Gedanken darüber, welche Rolle Mode im permanenten Ausnahmezustand spielen kann. Statt Eskapismus ist Beruhigung und Trost gefordert.

„I don't want your hope, I don't want you to be hopeful. I want you to panic, I want you to feel the fear I feel every day. And then I want you to act.“ Mit diesen Worten hat Greta Thunberg die Welt in Panik versetzt. Seither haben die Menschen Angst vor dem Klimawandel. Und zwar, weil sie sich dafür entschieden haben, Angst vor dem Klimawandel zu haben. Greta hat sie davon überzeugt, dass – angesichts der Dringlichkeit der Sache – Angst die einzig angemessene und zielführende Haltung ist.

Dabei hatten die Menschen ohnehin schon Angst vor allem Möglichen: In einer letztes Jahr veröffentlichten Studie über die größten Ängste der Leute landete der Klimawandel nur auf Platz 12. Am meisten Angst haben die Menschen in unseren Breiten immer noch vor Flüchtlingen und Ausländern. Sie haben Angst vor der Weichheit der Politiker im eigenen Land und vor der Härte der Politiker in anderen Ländern. Sie sehen die Demokratie in Gefahr. Sie haben Angst vor sozialem Abstieg durch steigende Mieten, steigende Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit, Alter und die Kosten der Europäischen Union. Und zu diesen bereits vorhandenen Sorgen sind mit der Pandemie und ihren unabsehbaren Folgen für unsere Gesundheit und unseren Wohlstand jetzt noch zusätzliche hinzugekommen.

Doch wie kann die Mode auf all diese, zum Teil sehr berechtigten, Ängste reagieren? Denn bei Mode ging es ja bislang eigentlich immer nur darum, der Wirklichkeit zu entfliehen. Angesichts der eskalierenden globalen Probleme wird dieser Eskapismus jedoch zunehmend als unangebracht empfunden. In der allgemeinen Weltuntergangsstimmung kann selbst die Mode nicht länger so tun, als wäre alles in bester Ordnung.

Dystopischer Zeitgeist, düstere Kollektionen

So hatte der dystopische Zeitgeist bereits in den Kollektionen für den Winter 2019/2020 klare Spuren hinterlassen. Während Greta Thunberg in Davos ihren Sorgen und Ängsten mit der eingangs zitierten Rede Ausdruck verlieh, verliehen die Modedesigner in Paris, Mailand und New York ihren Sorgen und Ängsten durch düstere Kollektionen Ausdruck. Daniel Lee zum Beispiel traf mit seinen postapokalyptischen Entwürfen für Bottega Veneta genau den Nerv der Zeit. Auch Dries van Noten eröffnete seine Schau mit Looks, die strenger und herber waren als je zuvor. Schließlich – so der Designer damals – seien ja auch die Zeiten härter als früher. Auch die Prada-Kollektion war so düster wie noch nie. Unsere Zeit sei eben nicht nur von Romantik, sondern auch von Angst geprägt, erklärte Miuccia Prada dazu im Interview.

Doch all diese Marken, die damals düstere Kollektionen gemacht hatten – Kollektionen, die sich in dem Moment genau richtig angefühlt hatten – mussten sich in den darauffolgenden Monaten eingestehen, dass sie die langfristige Belastbarkeit des Publikums überschätzt hatten. Die Kollektionen selbst konnte man selbstverständlich nachträglich nicht mehr ändern. Aber die Kampagnen dazu. Also hat man noch einmal kräftig nachgebessert. Auch Miuccia Prada bekam Angst vor der eigenen Angst. Mit der Kollektion, die sie Anfang 2019 gezeigt hatte, wollte sie die Menschen beunruhigen. Mit der Kampagne, die sie ein paar Monate später fotografieren ließ, wollte sie sie wieder beruhigen. Und dazu wählt sie ein Mittel, das besonders geeignet ist, Menschen zu beruhigen, nämlich die Natur – Blumen, Gras, Moos, Farn.... Die Blumigkeit, die der schwarzen Kleidung selbst fehlt, wurde ihr durch die Kampagnen-Inszenierung hinzugefügt.

Zurück zur Natur

Christian Mikunda, der sich mit der Psychologie von Inszenierungen beschäftigt, hatte so etwas im letzten Sommer vorausgesagt: „Wenn ich etwas prophezeien müsste, würde ich sagen, ‚nature priming’ wird ganz wichtig werden. Allein schon wegen unserer Klimakrise. Priming durch Natur macht uns gleichgültig gegen allzu Negatives in der Welt, es erzeugt Resilienz. Wir können besser mit Hitze, Lärm, Überfüllung, Teuerung oder Gestank umgehen, wenn eine Vorinszenierung in Form von Natur stattfindet.“

Und tatsächlich: Wohin man bei den letzten Herbst/Winter-Kampagnen auch schaut – überall Nature Priming. Nicht nur Prada, sondern auch Gucci, Tod’s, Miu Miu, Marni, JW Anderson, Alexander McQueen, Chloé, Loewe, Ulla Johnson, Stella McCartney, Burberry, Kenzo, Emilio Pucci und Valentino fotografierten ihre Kollektionen im Grünen. Dieses plötzliche Bedürfnis nach intensivem Kontakt mit der Natur ist keineswegs schon der Versuch, die vom Klimawandel bedrohte Natur zu retten, sondern zunächst einmal nur der unmittelbare Reflex, sich ihrer zu versichern. Es beruhigt die Menschen, zu sehen und zu spüren, dass sie noch da ist.

Auch Hedi Slimane überkam das Bedürfnis nach Nähe zur Natur so akut und so dringlich, dass er die bereits fertige, im Studio fotografierte Herbst/Winter-Kampagne für Celine wieder einstampfte und die gleichen Outfits noch einmal im Grünen fotografierte. Diese Rückrufaktion ist ein sehr bezeichnendes Beispiel dafür, wie bei vielen harten Kollektionen die Besänftigung kurzfristig nachgerüstet wurde.

Ausnahmezustand als Dauerzustand?

Die Designer sind genauso hin- und hergerissen wie ihr Publikum: Einerseits sind die globalen Probleme so akut geworden, dass sie sie nicht mehr verleugnen können und nicht mehr verdrängen wollen. Sie wollen sich den Problemen stellen. Sie sind bereit, die Angst zuzulassen. Aber andererseits kann man auch nicht in permanenter Panik leben. Inzwischen ist es anderthalb Jahre her, dass Greta Thunberg den Notstand ausgerufen hat. Als man damals beschlossen hatte, durch Panik die Welt zu retten, hatte man sich das wohl eher als einen Sprint vorgestellt. In der Praxis erweist sich das Retten der Welt jetzt aber eher als ein Langstreckenlauf. Der Ausnahme-Zustand ist zum Dauer-Zustand geworden. Man hat sich seine Kräfte nicht gut eingeteilt und braucht Verschnaufpausen. Bei all der Schnappatmung wünscht man sich auch mal Momente des ruhigen Durchatmens.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

„I don't want your hope, I don't want you to be hopeful. I want you to panic, I want you to feel the fear I feel every day. And then I want you to act“, hatte Greta Thunberg gefordert. Damit hatte sie gleichzeitig sehr Recht und sehr Unrecht. Sie hatte Recht, weil wir alle einen Gang hochschalten müssen, um die akuten globalen Probleme zu bewältigen. Gleichzeitig hatte sie Unrecht, weil Hoffnungslosigkeit demotivierend ist und eben nicht dazu führt, dass man handelt. Und darüber hinaus hatte sie Unrecht, weil Angst – wie man so sagt – ein schlechter Ratgeber ist. Das gilt ganz besonders in der Mode. Angst ist ein schlechter Designer. Angst ist ein schlechter Einkäufer. Und Angst ist ein schlechter Verkäufer. All das hat sich im zurückliegenden Jahr einmal wieder sehr deutlich gezeigt. Mode kann es sich gar nicht leisten, alles schwarz zu sehen.

Es ist für die Mode aber auch noch nicht der Moment, wieder die rosa Brille aufzusetzen und zu dem üblichen Verdrängen und Ablenken zurückzukehren. Denn wer die Ängste der Leute verdrängt, nimmt sie nicht ernst. Wer einfach nur versucht, die Menschen abzulenken, verleugnet ihre Probleme. Und das kommt im Moment gar nicht gut an. Wenn man hingegen jemanden beruhigt, zeigt man damit, dass man seine Ängste kennt. Wer einen anderen tröstet, geht damit auf dessen Probleme ein.

In der Vergangenheit war Mode eigentlich immer nur Eskapismus. Angesichts der wachsenden Ängste der Menschen findet sie jetzt eine neue Bestimmung. Im Moment fällt der Mode offenbar vor allem die Aufgabe zu, den Menschen ein Seelenpflaster zu sein. Die Leute wollen, dass Mode sie beruhigt und tröstet, um sie aus ihrer Angst-Starre zu erlösen, damit sie die Probleme beherzt angehen können. Es gilt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken und das wachsende Wissen und Bewusstsein über die Probleme unserer Zeit zu nutzen, um sie möglichst schnell zu lösen. Im Idealfall bietet die Mode selbst Problemlösungen an. Und zwar Problem-Lösungen bei denen in der Wahrnehmung des Kunden nicht die Probleme, sondern die Lösungen im Vordergrund stehen.