Fashion

Gucci F/S 2020 Show: Wann geht Mode zu weit?

Während der Gucci F/S 2020 Show in Mailand hielt ein Model beide Hände in die Höhe auf denen stand »Mental health is not fashion«. Ihr friedlicher Protest während der Show bezog sich auf die dort präsentierte Mode. Wann geht Mode zu weit?

Die Musik ist laut. Der Bass so dumpf, dass er Herzschläge aus dem Rhythmus bringt. Das Licht ist grell und kühl und erinnert an ein leeres Krankenhaus um zwei Uhr morgens. Auf einem Rollband fahren Models in weißen Jacken und Hosen an den Zuschauern vorbei. Ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet. Sie verziehen keine Miene. Wirken teilnahmslos, fast schon apathisch. Auf ihrer Brust sind Schnallen versehen und die Ärmel sind so lang, dass sie die Hände verdecken. Würde das Gucci-Logo nicht über dem Laufsteg prangen, könnte man fast annehmen, man wäre in einer geschlossenen Anstalt für psychische Erkrankungen aus den 1950ern und nicht auf der Mailänder Modewoche.

»Mental health is not fashion«

Das sah auch die 26-jährige Ayesha Tan-Jones so. Das Model veranstaltete während der Show einen friedlichen Protest. Während sie selbst in der Kollektion steckte und an den Zuschauern vorbeirollte, hielt sie ihre Hände hoch, auf denen sie »Mental health is not fashion« (dt.: »Psychische Gesundheit ist keine Mode«) geschrieben hatte. Mit ihrem Statement wollte sie auf die unangebrachte Verwendung von Zwangsjacken in der aktuellen Kollektion aufmerksam machen. In einem Instagram-Post am Sonntag schrieb Tan-Jones nachträglich: »Als Künstlerin und Model habe ich meine eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gemacht. Ich habe Familienmitglieder und Angehörige, die von Depressionen, Angstzuständen, bipolarer Störung und Schizophrenie betroffen sind. Daher ist es kränkend und unsensibel für ein großes Modehaus wie Gucci, diese Krankheiten als Konzept für einen flüchtigen Modemoment zu verwenden.«

BuzzFeed News teilte Tan-Jones am Montag mit, dass sie in letzter Minute beschlossen hätte, gegen Gucci zu protestieren, nachdem eine Kollegin kurzfristig »den Job gekündigt hatte«, weil sie von den Klamotten »angewidert« war. Sie selbst nahm dies zum Anlass die Plattform zu nutzen und das Problem auf eine friedliche Weise hervorzuheben.

Freiheit als zentrales Thema

Gucci nahm ebenfalls in einem Instagram-Post am Sonntag Stellung, dass die »Uniformen«, einschließlich Zwangsjacken, als »Statement für die Modenschau« gedacht seien und nicht an Kunden verkauft würden. Der Designer Alessandro Michele habe die »weiße Kleidung« kreiert, um »die extremste Version einer Uniform darzustellen, die von der Gesellschaft und von denen, die sie kontrollieren, diktiert wird.«

Im Anschluss an das Trauerspiel zeigte Gucci auch farbenfrohe Kleidung, die als »Gegenmittel zur Eindämmung der Identität und des Selbstausdrucks der Gesellschaft« gesehen werden sollte, so die Marke gegenüber der New York Times. »Für mich war die Show der Weg aus der Konformität hin zu Freiheit und Kreativität«, so der Designer im Times-Interview. Gucci war der Ansicht, dass das Model aufgrund des zentralen Themas Show »Freiheit« frei protestieren dürfen sollte.

Ist politische Mode zum Trend geworden?

Ist es zu einem Modetrend geworden, Kleidung zu politischen und gesellschaftlichen Zwecken einzusetzen?“ Basierend auf der Anzahl der Kollektionen, die politische Aussagen während der Modewochen 2017 enthielten, wäre die Antwort: Ja. Dazu gehörten die pinkfarbenen »Pussy Hats« bei Missoni, die auf Trump anspielten. Es gab weiße Bandanas als Symbol für soziale Eingliederung bei Tommy Hilfiger, Phillip Lim und Diane von Furstenberg. Währenddessen zeigte Dior schwarze Barettes à la Guerilla und ließ Models in T-Shirts mit der Aufschrift »We should all be feminists« auf den Laufsteg marschieren. Demna Gvasalia kleidete seine Armee in »Bern-lenciaga«-Logos und bezog damit während der US-Präsidentschaftswahlen klare Stellung: Bernie for President.

Politische Mode geht aber weit über Laufstege hinaus. Angefangen hat alles mit den Hosenanzug-Partys, die 2016 in Solidarität mit der US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton stattfanden. Kürzlich schlenderten auch Stars und Sternchen bei der 75. Verleihung der Golden Globes Award in schwarzer Kleidung über den roten Teppich – in Solidarität zum Times Up-Movement.

Wann geht Mode zu weit?

Auch wenn diese politischen Modestatements gut und wichtig sind, wann gehen sie zu weit und übertreten eine unangenehme Grenze? In ihrem Instagram-Post schrieb Tan-Jones, die ihr gesamtes Honorar der Show einer Wohltätigkeitsorganisation spenden möchte, dass Zwangsjacken »ein Symbol für eine grausame Zeit in der Medizin sind, in der psychische Erkrankungen nicht verstanden und Patienten missbraucht und gefoltert wurden.« Diese als kapitalistische Requisiten zu verwenden, ist für das Model »vulgär, einfallslos und beleidigend«.

Tan-Jones‘ Protest schlug Wellen der Bewunderung und Unterstützung. Model und Schauspieler Hari Nef allerdings lobte die Inszenierung des italienischen Modehauses. Gegenüber der Times sagte er: »Die klinische weiße Kollektion, die die Show eröffnete, waren verstörend – aber absichtlich. Sie sind eine provokative Erinnerung an Unterwerfung, als eine Verherrlichung von Geisteskrankheiten.«

Gucci geriet dieses Jahr auch unter Beschuss, weil es für die Bewerbung einer schwarzen Sturmhaube aus Strick rassistische Bilder verwendete. Die Marke entschuldigte sich im Februar und entfernte sie aus dem Online- und stationären Handel. Im Mai dieses Jahres wurde Gucci wegen des blauen Turbans aus der Herbst/Winter-Kollektion 2018/19 der kulturellen Aneignung beschuldigt.

Die Modebranche hat eine solide Bilanz darin, politische und gegenkulturelle Bewegungen, marginalisierte Gruppen und nicht-westliche Kulturen als Inspiration herzunehmen, um dann einen guten Profit daraus zu ziehen. Daran ist auch an sich nichts Falsches, wenn daraus Veränderung resultieren würde. Mode hat aber ein Verfallsdatum und in diesem Fall ist nach einer Saison die politische Aktion für die geworben wurde, leider auch wieder vergessen.

Von: Márcia Neves