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Großes Kino auf der Pitti Uomo

Die weltweite Leitmesse für Männermode - der Pitti Uomo in Florenz - festigt ihren Ruf.

Schon im Vorfeld der Pitti Uomo verkündeten die Messemacher das Leitthema zur 93. Ausgabe: PITTI LIVE MOVIE. Und versprachen ein »Filmfestival« verschiedenster Stil- und Genrerichtungen. Freilich nicht auf Zelluloid und Leinwand, sondern in Form von Männermoden- und Lifestyle-Kollektionen zum Anschauen, Angreifen und zum regen Besprechen. Wie schön, dass Messe (noch) nicht im Internet stattfindet! Bei der enormen Bandbreite, die da in der Fortezza da Basso gezeigt wurde, nur den einen - absolut trendweisenden - roten Faden zu finden, war wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch bestätigte sich in Italien, was auch die mitteleuropäischen Modeproduzenten in ihren aktuellen Kollektionen propagieren: Karo ist das Statement der Saison, Cord feiert sein Comeback, Mantel & Weste werden vom Neben- zum Hauptdarsteller.

Mehr internationale Einkäufer

Am Ende der vier Tage auf der Pitti Uomo in Florenz fiel das Resümee äußerst positiv aus: Knapp 25.000 Einkäufer (unter den insgesamt 36.000 Messebesuchern) bedeuteten ein Plus von 600 Personen in dieser wohl relevantesten Publikumsgruppe. Besonders stark wuchs im Vorjahresvergleich die Zahl der nichtitalienischen Buyer: 9.200 Personen stellen ein Plus von 4 % dar, gar zweistellig legten Russland, Türkei, USA, Holland und Südkorea zu. Doppelt so stark gestiegen wie der Schnitt - nämlich um 8 % - soll die Zahl der Entscheider über Limits und deren Vergabe aus Österreich gewesen sein: 176 Einkäufer wurden offiziell gezählt. Trotz einer gefühlten Marathon-Distanz zickzack durchs Messegelände sah ich nur einen Bruchteil davon. Doch sei's drum, man kennt ja das Verhältnis der Italiener zu Zahlen. Und Scheppern gehört bekanntlich zum Handwerk…

Apropos Scheppern

Inszenieren - das wurde in der Renaissance-Stadt am Arno erneut perfekt beherrscht, auf und neben der Pitti Uomo. Beispiele gefällig? Die Weberei Luigi Ricceri projizierte ihre Stoffdessins in der Galleria dell'Accademia auf den bekanntlich nackten David von Michelangelo. Les Benjamins präsentierte seine Streetwear als Performance im antiken Teatro Niccolini. Brooks Brothers - ältester noch bestehender Herrenausstatter der USA - begann sein zweihundertstes Jubiläumsjahr nicht nur mit einer fulminanten Fashion Show, sondern auch mit einer Ausstellung im Palazzo Vecchio. Und zeigte dort von der Nickelbrille des Gründers bis zur Kostümausstattung der letzten Gatsby-Verfilmung etliche Artefakte. So auch Lincolns Pelerine - immerhin kleidete man von bislang 45 amerikanischen Präsidenten 40 ein. Mehr der textilen Kunst denn dem kaufmännischen Kalkül widmeten sich die vom Messeveranstalter Pitti Immagine ausgerichteten Modeschauen: Im alten Zollamt präsentierten zwei koreanische Labels ihre Kreationen von clownesk überzeichnet (Beyond Closet) bis stofflich überschwänglich (Bmuette). Und in der Stazione Leopolda - einem ehemaligen Bahnhof, der sich zum Kulturtreff mit morbidem Charme gewandelt hat - zeigten die diesjährigen Pitti-Gastdesigner Undercover und Takahiromiyashita The Soloist ihre Show: Japanische Männermode voller Zitate an Stanley Kubricks filmischem Meisterwerk »2001: Odyssee im Weltraum« samt einem überraschenden Schlussbild, wo gut zwei Dutzend männlicher Models mit entblößtem Oberkörper und dem gleichen weißen Plissee-Rock über den Catwalk geschickt wurden. Suzy Menkes - 74-jährige Grand Dame unter den Modejournalistinnen und bekannt auch ob ihrer markanten Haartolle - saß selbstverständlich in der Front Row. Und wird sich im Nachbericht zur Pitti Uomo auf VOGUE Online darüber auslassen, dass Gender-Neutralität zur Moderealität wird.

Pitti ist Kult

Nicht zuletzt solcherlei Side Events der Pitti Uomo - zu denen diesmal auch die Präsentationen des International Woolmark Prize, der Guest Nation Finland sowie des Tokyo Fashion Award zählten - lockten ebenso rund 3.000 Moderedakteure, Blogger und Influencer nach Florenz. Dass zeitgleich zur Messe Gucci Garden - ein Mix aus Firmenmuseum, Merchandising Store für Fans von Chefdesigner Alessandro Michele und Hauben-Restaurant - eröffnete, war Tagesgespräch in der Modeszene. Männliche Fashionistas und Peacocks, die sich für den Pitti ganz speziell aufbrezelten und hundertfach abgelichtet wurden (s. unsere Pitti People-Fotogalerie), sind da nur mehr die sprichwörtliche Kirsche am Schlagobershäubchen. Unterm Strich: die Pitti Uomo ist Kult, absolut international und unbestrittene Leitmesse für Men's Fashion. Mir stellt sich nur die Frage: Warum gibt's weltweit keine Entsprechung für Damenmode?

Von: Christian Derflinger