Kommentar

Rocket Internet denkt groß

Hinter dem Erfolg von Zalando steht die Software-Schmiede Rocket Internet. Was jeder von diesem Unternehmen lernen kann: Groß zu denken.

»We build companies« lautet der Leitspruch von Rocket Internet, jener Berliner Start-up-Schmiede, die hinter Unternehmen wie dem Modeversender Zalando, dem Klingelton-Anbieter Jamba, dem Möbel-Shop Home24, der Partnerbörse eDarling oder dem Lieferdienst Lieferheld steht. Rocket Internet baut also Unternehmen. Und wie: »Von der Idee bis zum fertigen Geschäftsmodell dauert es bei uns zwei Wochen. Und in 100 Tagen sind wir damit am Markt«, erklärte Unternehmenssprecher Andreas Winiarski am jüngsten Versandhandelstag des Handelsverbands. Geschwindigkeit ist das wichtigste im Internet-Geschäft, darum auch die »Rakete« im Firmennamen. Nicht, wer eine Idee als erster hat, gewinnt. Sondern der, der sie als erster und am besten umsetzt.

Copycat

»5 % sind die Idee, 95 % die Durchführung und der richtige Zeitpunkt«, stellt Winiarski klar. Nicht umsonst werden Rocket Internet und seine Gründer, die berühmt-berüchtigten Gebrüder Samwer, gerne als »Kopier-Könige« tituliert. Die bisher erfolgreichste Gründung der Samwer-Brüder, Zalando, basierte etwa auf dem Vorbild des US-Online-Schuhhändlers Zappos. Kopiert wird auch heute noch gerne bei Rocket Internet – bloß in globalem Maßstab. Mit dem Online-Shop Lazanda etwa wurde ein Amazon-Klon aufgebaut. Doch dieser beackert nicht die gesättigten westlichen Märkte, in denen sich Amazon längst als Marktführer etabliert hat. Sondern kaum weniger attraktive, große, hungrige Märkte wie Indonesien, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Singapur oder Taiwan – allesamt Länder, in denen der große US-Konkurrent über kein eigenes Angebot verfügt. Dass Rocket Internet einfach nur Ideen von Wettbewerbern klaut, will Winiarski freilich nicht auf sich sitzen lassen. »Wir schauen, was es schon gibt, und machen es besser«, formuliert er keck.  

Fokus auf die Südhalbkugel  

Der Ansatz ist so schlüssig wie simpel: »85 % des globalen Venture Capitals wird in China und den USA investiert«, sagt Winiarski. Mit dem Effekt, dass die Konkurrenz auf diesen Märkten beinhart ist. »Wir glauben immer, wir sind der Nabel der Welt. Doch die Welt ist riesig.« In Afrika etwa ist Rocket Internet heute der größte Online-Anbieter. »Dort müssen wir nicht einmal mit Shopping Malls konkurrieren«, so Winiarski, »gibt es nämlich keine.« Dafür aber eine wachsende Mittelklasse, die sich durchaus etwas leisten kann und will. Genau wie in Indonesien, mit 240 Mio. Einwohnern das viertgrößte Land der Welt, oder in einigen südamerikanischen Märkten. Dort setzt man auf Konzepte, die in den westlichen Ländern schon erprobt sind. »Was hierzulande funktioniert, funktioniert natürlich auch in Jakarta, Nairobi und Russland.«

Acht Verlust-Jahre sind normal  

Wobei: Wann ist ein e-Commerce-Unternehmen erfolgreich? Bekanntermaßen dauerte es ja etwa bei Zalando (2008 gegründet) auch bis 2014, bis erstmals ein Gewinn geschrieben wurde. Und auch da nur vor Zinsen und Steuern. Für Winiarski von Rocket Internet ist das Teil des Online-Geschäfts: »E-Commerce-Unternehmen sind in der Regel zwischen dem sechsten und dem neunten Jahr profitabel.« Da braucht es also einen langen Atem. Wer in der klassischen Realwirtschaft tätig ist, ist nach acht Verlustjahren längst weg vom Fenster.

Doch Online gelten andere Gesetze. Rocket Internet selbst gibt es übrigens seit 2007, und im Geschäftsjahr 2014 wurde ein Verlust von 20 Mio. € ausgewiesen. »Am Ende ist alles ein Marathon, kein Sprint«, meine CEO Oliver Samwer jüngst bei der Präsentation der Geschäftszahlen. »Die Alternative wäre, ich folge dem klassischen deutschen Ansatz und sage, nach zwei Jahren muss man profitabel sein. Nur, dann brauchen wir uns gar nicht mit dem Silicon Valley oder China anlegen.«


Von: Manuel Friedl

Kommentar

In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

Lesen Sie mehr!