Kommentar

Oh, Raf!

Karl finde ich exzentrisch, Marc irgendwie zu laut, Michael ein bisschen glatt und Alexander zu hibbelig. Gut, Dries ist wirklich großartig. Wer aber mein Herz im Sturm erobert hat, ist – Raf.

Nein, Karl & Co. zählen nicht zu meinen Exfreunden. Sie sind viel mehr Inbegriff meiner Modebegierde. Allesamt renommierte und erfolgreiche Modedesigner, die ihre eigenen Labels und den Modehäusern, für die sie arbeiten oder gearbeitet haben, zu Höhenflügen verhalfen. Einer sticht aus dieser Reihe von Supertalenten heraus: Raf Simons. Ich kann nicht anders…ich werde zum schwärmerischen Groupie, wenn es um ihn geht. Vielleicht liegt es daran, dass ich Raf Simons persönlich erleben durfte. Vor rund sechs Jahren in Zürich im Rahmen der Verleihung der Swiss Textiles Awards. Im Vorfeld des Galaabends gab es die Möglichkeit an Talks teilzunehmen. An einem für mich unvergesslichen nahm Raf Simons teil. Da saß er also unmittelbar vor mir, fast zum Greifen nahe. Ich lauschte andächtig jedem einzelnen seiner mit Bedacht gewählten Worte. Der Designer, der nun nach dreieinhalb Jahren als Chefdesigner des Hauses Christian Dior überraschend sein kreatives Zepter niederlegte, strahlte damals eine Ruhe, Tiefsinnigkeit und Klarheit aus, die mich sofort für ihn einnahm. Von Exzentrik und Inszenierung keine Spur. Er saß da einfach in dunkler, schlichter Kleidung und entspannter Pose. Damals dachte ich mir, dass Raf Simons das meditative Zen löffelweise geschluckt haben muss. Scheinbar hat es ihn nun verlassen und er musste deshalb die Notbremse ziehen: Rückzug von Dior, Besinnung auf das eigene Label und sein Privatleben.

Christian Dior ohne Raf Simons: ein herber Verlust

Raf Simons ist für mich – und für ganz viele andere Modemenschen – ein kreatives Wunder. Er hat eine Handschrift, die ihn unverkennbar macht. Egal, ob er nun gerade Chefdesigner von Jil Sander, Dior oder seiner eigenen Kollektion ist. Er versteht es, seine DNA mit der DNA des Modehauses zu verschmelzen, ohne dabei sich selbst zu verlieren oder die Wurzeln seiner Arbeitgeber zu verleugnen. Feminin und minimalistisch zugleich. Dabei prächtig, ohne überladen zu sein. Eine seltene Form von entspannter Eleganz. Dabei schafft er Silhouetten, die Kultpotential haben. Denken Sie an die Jil Sander-Kollektion für Spring 2011! Diese Hammerlooks aus bodenlangen, bauschigen Röcken, die in der Taille sitzen. Dazu ein schlichtes Shirt oder ein simples weißes Hemd. Grandios. Und zeitlos.

Dior und ich: Raf Simons ganz persönlich

Der 47-jährige Feingeist zeigte seine erste Couture Kollektion für Dior im Juli 2012. Von der Erstellung eben jener erzählt die 2014 erschienene Dokumentation »Dior und ich«. Für das Haus Christian Dior hing von dieser Kollektion viel ab, Simons selbst stand dabei wie nie zuvor im Scheinwerferlicht. Dass zwischen erster Skizze und Triumph auch Tränen liegen, zeigt dieser Film und kommt Raf Simons damit sehr nahe. Noch näher als ich ihm damals in Zürich kam.

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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