Kommentar

La famiglia grande

Fashion Week in Berlin ist Show Time. Sie feiert laut, manchmal leiser. Die deutsche Modewoche ist bunt. Zu bunt? Eine persönliche Einschätzung.

Ich weiß nicht, ob Sie gerade im Dschungelfieber sind. Jedenfalls schickt ein deutscher Privatsender dieser Tage abgehalfterte Pseudoprominenz zu ekeligen Prüfungen und der Zuschauer ergötzt sich an exhibitionistischen Auftritten und fragwürdigen Dialogen im Regenwaldcamp down under. Die Survivaltruppe nennt sich übrigens selbst »La Famiglia Grande«. Warum ich Ihnen von dieser absoluten Belanglosigkeit erzähle? Weil ich eine Parallele zur Fashion Week in Berlin erkenne. Da sind einerseits wirklich unwichtige C-Promis, die Front Rows besetzen, sich inszenieren, schrill sind – und dabei doch nur peinlich. Und dann ist da dieses Familiending, dieses Vertraute und Heimelige, der Zusammenhalt. Dieses verbindende Gefühl eint selbst verhaltensauffällige Scheinwerfersucher und stilbewusste Modeprofis. 

Der Charakter der Fashion Week Berlin. 

Beide genießen es nämlich: das unangepasste, das rohe, das nach wie vor enorm inspirierende Flair Berlins. Die Debatte, dass Berlin nicht New York sei und schon gar nicht Paris, habe ich noch nie verstanden. Warum muss sich eine Stadt vergleichen, die stolz auf ihre Identität sein kann, auf ihre Geschichte – ja, auf ihre Mode. Cool, was Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp dazu verlauten ließ: Berlin dürfe gar nicht sein wie all die anderen Modemetropolen, »sonst gäbe es ja keinen Grund, herzukommen«. Ich war auf Fashion Weeks in New York, in Kopenhagen und zum Designer-Interview in Paris. Aber mein Herz hab ich an Berlin verloren. Weil es diese besonderen Momente gibt. Etwa wenn man die neue Fashion Week Location (Abwechslung schadet nie!) betritt, das Kaufhaus Jandorf. Außen hui, innen abgerockt. Da bröckelt der Putz von der Wand, da ist der Boden schief, da hängen Kabel von der Decke. Und ich denke nur: Genau so! Neben mir zwei junge Bloggerinnen, die urteilen: »Nice. Diese Location ist typisch Berlin.« Dass es im Kaufhaus viel zu heiß und auch ein bisserl zu kuschelig (sprich eng) war, sei verziehen. Ist ja so ein Familiending. Da drückt man auch mal ein Auge zu und ist weniger streng. Witzig ist, dass viele deutsche Moderedakteure und Blogger über Berlin herziehen, zu national, zu unbedeutend, zu wenige große Namen, um letztendlich wieder alle zu erscheinen. Sie sind dem Zauber von Berlin erlegen. La famiglia grande. Ob sie wollen oder nicht. 

It’s show time in Berlin. 

Fashion Week ist Show Time in Berlin. Und dabei geht der Spaß in zwei unterschiedliche Richtungen. Die zwei Gesichter der deutschen Modewoche, wenn Sie so wollen. Da gibt es die Clowns, die einfach voll auf die Pauke hauen und die Grenzen des guten Geschmacks auch mal entspannt ignorieren. Welche Entwürfe über den Laufsteg geschickt werden, erscheint zweitrangig. Was zählt sind bekannte Gesichter in der ersten Reihe, dutzende Blogger, die sich aufrüschen, und viel Drumherum am Catwalk – Tänzer, Sänger, Live-Band. Das ist schon ein Unikum an Berlin. Mir bleiben meist ein kleines Kopfschütteln und ein mildes Lächeln. In München würde man sagen: Jo mei. Und dann gibt es die ernstzunehmenden Artisten. Die Akrobaten, die modische Kunststücke vollbringen und weniger die Show, als die Show-Pieces in den Mittelpunkt rücken. Was soll ich sagen, wenn Odeeh, Perret Schaad oder Dorothee Schumacher ihre Kollektion präsentieren, hüpft mein Herz regelmäßig vor Freude. Auf Chi-Chi wird verzichtet, die Mode selbst ist der Event. Applaus, Applaus. Die wunderbarste Errungenschaft der deutschen Fashion Week ist ohne Zweifel der Berliner Mode Salon. Er bietet den Designern Raum, die Atmosphäre ist von stiller Eleganz, das Gefühl, wenn ich ins Kronprinzenpalais eintrete, einfach schön. Hier fühlt sich Mode nach Mode an. Inspiration ist hier nicht nur hohles Schlagwort, sondern fühl- und erlebbare Tatsache. Wunderbares von Perret Schaad, Hien Le, Marina Hoermanseder oder Tim Labenda und Lala Berlin. All das ist Berlin. Eine große Familie.

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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