Kommentar

Halbzeit in Berlin: Fisch und Fleisch

Die Zeiten einer halb ausgegorenen Mercedes Benz Fashion Week sind vorbei.

Und dass die Stadt in diesen paar Tagen Mode wirklich lebt, merkt man bereits am Flughafen. Ein junger Fotograf drängelt sich am Kofferband, er habe es eilig, müsse zur Show & Order. Ein Shooting. Natürlich. Er kommt ins Plaudern, erzählt, dass er nach der Messe noch ein paar weitere Modetermine hätte, danach aber unmittelbar nach Las Vegas weiterfliege. Wieder ein Shooting. Diesmal von der World Poker Series. Das verleitet zu einem Schmunzeln – und zum Gedanken, dass dieser Spagat zwischen Fashion und Glücksspiel gar nicht so weit hergeholt ist, wie der Trip Berlin-Las Vegas zunächst vermuten ließe. Eigentlich trifft er die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Mode wird gerade in der heutigen Zeit auch immer mehr zum Spiel – wer den Einsatz nicht klug und überlegt macht, verliert schnell. Das Radio plärrt einem im Taxi entgegen, dass Fashion Week ist: »Also nicht erschrecken, wenn ihr dünne Menschen in komischen Klamotten seht«, spöttelt der Radiomoderator. Da hat er vielleicht gar nicht so unrecht. In den vergangenen Jahren stand die deutsche Modewoche oft im Kreuzfeuer der Kritik. Sie sei zu kommerziell. Überhaupt zu unbedeutend neben Paris, Milano und New York. Sie war weder Fisch noch Fleisch. Etwas unausgegoren.

Berlin im Wandel

Diese Zeiten sind vorbei. Und dies soll an jener Stelle wirklich mit Betonung verstanden werden. Berlin hat sich gewandelt, ist gereift, ist rund. Berlins Modewoche ist nicht entweder-oder, sie ist Fisch und Fleisch. Das Konzept hat sich erneuert: Die Panorama ist zur bedeutenden und stabilen Messe herangewachsen, die Premium ist starker Leader. Drumherum tolle Messen, die ein vielfältiges Publikum ansprechen und spannende Neuigkeiten auf hohem Niveau präsentieren: Seek, Bright, Show & Order, Green Showroom, Selvedge Run. Mittendrin die Mercedes Benz Fashion Week Berlin, die wegen der EM diesmal im Eisstadion stattfindet. Und der Berliner Mode Salon, der sich als Highlight etabliert, aber dazu später. Hinzu kommen Plattformen wie #FashionTech, die eine eindeutige Bereitschaft Berlins zu Innovation und Future zeigen. Apropos Zukunft: Den Kick-Off zur Fashion Week lieferte Zalando in einem supercoolen Retro-Freizeitcenter. Direkt neben Outdoorpool und Indoor-Basketballplatz verkündete das Berliner E-Commerce-Unternehmen seine aktuellsten Pläne zur neuen »Bread & Butter«, die von 2. bis 4. September stattfindet.

Weg vom E-Commerce, hin zum Laufsteg

Direkt am Catwalk lässt sich dieses Gefühl am besten spüren. Dieses Vibrieren, diese Spannung, wenn das Licht ausgeht bzw. die Musik angeht. Hier wird Mode zu Fashion. First Show: Hien Le. Eine tolle Kollektion, die mit akkuraten Schnitten, sportiven Silhouetten und eleganten monochromen Outfits überzeugt. Der junge deutsche Designer zeigt seine Kollektion im Rahmen des Berliner Mode Salons im Kronprinzenpalais. Diese Initiative ist das Beste, das Berlins Modewoche passieren konnte. Nicht nur Hien Le profitiert von dieser einmaligen Plattform, die deutsches Modedesign zu Recht pusht. Auch Malaikaraiss, Marina Hoermanseder, Odeeh oder Augustin Teboul fühlen sich im Berliner Mode Salon gut aufgehoben. Das Highlight der Fashion Week, das bereits zur Halbzeit feststeht: das erste Defilee des deutschen Designer-Duos Odeeh in Berlin. Die Location: das zukünftige Humboldt-Forum, das momentan noch Komplettbaustelle ist. Eine Show im Rohbau mit Blick auf den Berliner Dom. Genial! Odeeh – das ist Modemagie. Hier ist der Trend zu sportlichen Details und athletischen Anklängen ebenfalls spürbar. Die Kollektion macht Spaß. Kombiniert Prints, Volants und Rüschen mit Bermudas und Kapuzenjacke. Tupfen und Goldglanz zu Trackpants. Applaus! Auch Dorothee Schumacher, die supercoole und stilvolle Grande Dame der Fashion Week, spielt mit dieser Mischung aus Sport und Femininität. Ihre Kollektion präsentiert eine #Traumwelt. Diesen Anspruch erfüllt sie: außerirdisch-schöne Prints, Volantshorts zu Rüschenbluse mit nackten Schultern, aufgeschlitzte Ärmel, elektrisierendes Blau, lose Bänder, zarte Kleider, lässige Jacken. Diese Mischung aus Tragbarkeit, Verspieltheit und hoher Qualität geht für Berlins Mode voll auf. Ach, und eine letzte Info noch, bevor es in die zweite Hälfte der Modewoche geht: Blogger heißen jetzt Influencer. Man merke sich das, will man richtig verstanden werden. Take your chance. Berlin hat seine Chance wahrgenommen.

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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