Kommentar

Greenshowroom & Ethical Fashion

Mit 166 internationalen Labels starteten der Greenshowroom und die Ethical Fashion Show mit einer Rekordbeteiligung in die Wintersaison.

Zwischen Wertewandel und ehrenwertem Verfall

Themen wie Nachhaltigkeit, Ökologie und soziale Verantwortung haben sich längst über die Lebensmittelbranche hinweg emanzipiert. Dem bitteren Beigeschmack, dass die Teile maximal in die Ecke eines »3. Weltladens« passen, begegnet die Branche mit extrem viel Fashion Appeal. Schluppenblusen mit Retromustern und Wickelröcke im 1970er-Look stehen neben schmal geschnittenen Culottes und extravaganten Turtleneck-Pullis. Auch wenn die Themen, die diese Branche besonders hervorhebt, oftmals unbequem sind, darf dennoch gekuschelt werden: Luxuriöse Fasern wie Yak, Alpaka, Kaschmir und Baby-Kamelhaar (natürlich aus kontrolliert biologischer Tierhaltung) vereinen sich zu hochwertigen Cardigans, flauschigen Ponchos, Capes, Pullis und Schals. Spätestens bei den großen Catwalk Shows wird klar: Der modische Wertewandel ist bei den »Gutmenschen« angekommen – keine Spur mehr von Jesuspatschen und Jutesäcken.  

Die Großen »brauchen Öko nicht«

Die Öko-Designer haben ihre Hausaufgaben gemacht, und trotzdem: Nach Bildern von Kleinkindern, die in den Giftbrühen der Färbereien baden, toten Menschen in eingestürzten Textilfarbriken in Bangladesch und lebend gehäuteten Hunden in China, hat es der Handel noch immer nicht begriffen, dass Mode ohne Gewissen (hoffentlich) ein Ablaufdatum hat. Ungeniert zelebriert man den ehrenwerten Verfall auf der Premium, einer Messe, auf der vor allem Labels ausstellen, die es sich ohne weiteres leisten könnten, auch einmal einen Blick hinter die Herstellungskulissen zu werfen. Die wohl dreisteste Antwort eines italienischen Lifestyle-Labels aus Veneto, auf die Frage, wie man mit dem Thema Nachhaltigkeit umgeht, war: »Unsere Teile sind so trendy, dass wir das nicht brauchen.« Zugegeben eine ehrlich Antwort, aber abgesehen davon, dass die Ressourcen unseres Planeten nicht unerschöpflich sind, werden viele Kunden in Zukunft genau aus diesem Grund dieses Label nicht mehr brauchen. Klar, den Kampf um das billigste Leiberl von Primark & Co. wird es immer geben, genauso wie den Run auf Diskont-Lebensmittel. Aber ganz still und leise entwickelt sich neben dem Massenmarkt eine Bewegung, die kritisch ist, nachfragt, wissen will, was man da am Körper trägt und die vor allem über das Geld verfügt, sich das gute Gewissen auch leisten zu können.

Irgendwo zwischen Schockstarre und Innovationswille bewegt sich hier der stationäre Handel, wo derzeit nur wenig im »grünen Bereich« ist. Das Damoklesschwert des Online-Handels sitzt im Nacken – nirgendwo so stark, wie im nachhaltigen Modesegment, denn keine anderen Kunden wurden dank der stationären Ignoranz für das Thema so stark in die Online-Schiene gedrängt wie diese. Vielleicht wäre es deshalb in der kommenden Messesaison ratsam, nicht nur den kostenlosen Shuttle-Dienst zwischen Premium, Panorama und Seek in Anspruch zu nehmen, sondern vielleicht auch mal abseits gewohnter Messepfade zu schreiten?

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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