Kommentar

Die Leiden eines Bekleidungskontrolleurs

Am elegantesten Ball Oberösterreichs will man keine bekleidungstechnischen Ausrutscher. Die Überwachung der Etikette ist ein ehrenamtlicher, aber kein leichter Job.

Es sei der Opernball von Linz, sagt man. Doch nicht Bühne und Parkett des Musiktheaters geben die Tanzfläche, sondern der prunkvolle Festsaal des Palais Kaufmännischer Verein. Unter den Gästen ist die Promidichte hoch: vom Landeshauptmann, Bundeswirtschaftskammerpräsident und Europaparlamentarier abwärts. Auch Minister hat man hier schon begrüßt. Für so viel Noblesse in der (aus Wiener Sicht) Provinz braucht's eine Bekleidungsetikette: langes Abendkleid für die Dame, Frack, Uniform, Smoking oder dunkler Abendanzug für den Herrn. So steht's jedenfalls in der Einladung. Wer kontrolliert? Ich!  

Mitgefangen, mitgehangen  

Vier Stunden Dienst im zugigen Entree am Fuße der Feststiege - als ehrenamtliches Ballkomitee-Mitglied mit textilem Background steht mir die undankbare Aufgabe zu, die Security-Leute zu unterstützen. Mitgefangen, mitgehangen! Bei den Sicherheitsleuten sind wir Ballveranstalter schon froh, dass sie der deutschen Sprache halbwegs mächtig sind. Rausschmeißer-Kompetenz haben die mehr oder weniger muskulösen Burschen, aber eine Expertise in der Beurteilung von Stil & Garderobe? Deshalb steh' ich da – diesmal im Smoking statt dem sonst obligaten Frack. Denn der passe besser zum Turban, den alle Komitee-Mitglieder an diesem Abend tragen (müssen). Das diesjährige Ballmotto heißt ja: »Im Palast des Maharadschas«. Nach und nach strömen die Besucher herein, summa summarum über 2.000 werden es am Ende des Tages (also zur legendären Mitternachtseinlage) sein. Mit höchster Konzentration mustere ich die Damen und Herren auf der Suche nach einem Fauxpas. Hat es sich endlich rumgesprochen, dass Büroanzug, Blazer-Kombi oder Cocktailkleidchen auf diesem Ball ein No-Go und somit ein Zurückweisungsgrund sind? Das Bekleidungsniveau ist jedenfalls hoch, die Pressefotografen haben ihre Freude: Von der Nacht der großen Roben wird man in den Regionalzeitungen lesen, oder im Lokalfernsehen sehen.  

Alles Ermessenssache  

Da! Ein Mann in anthrazitgrauem Anzug, der in puncto Helligkeit gerade noch so durchgeht. Aber der offene Hemdkragen! Ich starte schon los, da zaubert er aus der Jacketttasche doch noch den Selbstbinder hervor. Soll ich nun enttäuscht oder froh sein? Eine reifere Dame kommt im Hosenensemble auf mich zu - wohl elegant in Schnitt & Stoff, doch nicht der expliziten Anforderung entsprechend. Vorschrift ist Vorschrift, sagt man. Ich lasse hingegen Milde walten, ist sie doch chic und die Gattin eines verdienten Innenstadtkaufmanns dazu. Da erspähe ich zwei Mädchen im Matura-Alter, die Kleidchen reichlich kurz, knapp überm Knie endend. Ich entsinne mich dem Briefing, das ich für solche Grenzfälle vom Ballpräsidenten bekam: »Schau auf die Beine. Sind die wohlgeformt, dann sei großzügig«. Ich schaue, verkneife mir nicht eine kurze ermahnende Ansprache und winke durch. Fesch sind sie schon, die aufgeputzten Mädels…

Nun wird’s kniffelig: Ein Mann im blütenweißen Anzug strebt auf die Billeteure zu, in der Hand – ojemine – eine Ehrenkarte. Der Security-Chef wirft mir einen fragenden Blick zu. Ich erkenne nicht nur den Träger (ein freischaffender Künstler), sondern auch den weißen Seidenspiegel am Revers sowie den Galon am Hosenbein. Und bin erleichtert: Eindeutig ein Smoking! Form schlägt Farbe – mit dieser soeben selbst aufgestellten Regel werde ich mich in der Ballnachbesprechung rechtfertigen, sollte es denn nötig sein. Wieder macht mich einer der Sicherheitsleute auf eine Dame aufmerksam: glitzerndes Pailletten-Oberteil, aber schwarze, fessellange Hose zu den Stilettos. So etwas geht doch gar nicht, oder? Ich kläre den guten Mann über Jodhpurhosen auf und entscheide gönnerhaft: Das heurige Ballmotto mit indischer Attitüde lässt solche Ausnahmen zu! Während oben die Prominentesten der Prominenten ihren Einzug zelebrieren, die gut einstudierte Eröffnungszeremonie über die Bühne geht und endlich »Alles Walzer« ertönt, harre ich unten noch immer pflichtbewusst aus. Und sinniere darüber, dass ich auch nächstes Jahr den ersten Höhepunkt »unseres« Balles verpassen werde. Der schwache Trost: dann wohl wieder im Frack – und ganz sicher nicht mit Turban.


Von: Christian Derflinger

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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