Von Understatement bis UnvernunftWOMENSWEAR FRÜHJAHR/SOMMER 2022
WOMENSWEAR FRÜHJAHR/SOMMER 2022

Von Understatement bis Unvernunft

Luisa Cerano

Die Looks in der DOB für Frühjahr/Sommer 2022 sind hybrid, kraftvoll, aber nicht zwingend laut. Es existiert keine Standarduniform. Gefragt sind Individualität und neues Styling.

Für den post-corona Neustart Frühjahr/Sommer 2022 ist es nicht erforderlich, alles »Alte« hinter sich zu lassen. Vielmehr geht es um eine Evolution dessen, was war. Die Kollektionen sind nicht radikal anders, aber dennoch neuartig. Das darf, muss allerdings nicht laut sein. Das DMI beschreibt es wie folgt: »In einer Welt, in der alle laut sind, fällt das Leise schon wieder auf. Nach vielen Saisons aufmerksamkeitsheischender Clickbait-Fashion schwingt das modische Pendel deshalb nun folgerichtig in die entgegengesetzte Richtung: Auf eine Phase ebenso aufregender wie aufgeregter Kombinationen folgt Beruhigung.« Diese Entwicklung ist gewiss eine Folge des kollektiven Stresserlebnisses, das uns die Pandemie zugemutet hat. Helle Neutrals sind die unverzichtbare Basis der aktuellen Farbkarten. Immer häufiger wird von natürlichen Färbealternativen berichtet, was eine neue Tonigkeit erzeugt. Wie von der Sonne gebleicht sehen diese Modelle dann aus. Natürlichkeit ist Key, kein Wunder haben die Menschen im vergangenen Jahr doch mehr denn je Zeit draußen verbracht. Das zeigt sich auch bei den Qualitäten – von Baumwolle über Leinen bis hin zu Seide. Die Volumen sind entspannt, cleanes Design ist inmitten einer erstarkten Wertschätzung für das Wesentliche und einer erneuerten Idee von Minimalismus der Schlüssel. »Leisure Suiting« verbindet Formalität mit Komfort, ein Update für den Business-Look. Hybride aus Jacke, Hemd und Weste präsentieren sich als Alternative zum klassischen Blazer. Neue, weite Hosenformen definieren den Look. Dazu kommt hochwertiger Sommer-Strick. Die Kollektionen zeigen Transparenzen, Layerings und Drapagen, filigrane Fäden und seidige Oberflächen. Wertigkeit und eine neue Wertschätzung für das Wesentliche prägen das Bild, das von Weite, Ruhe, einem Neuanfang erzählt.

Kraftvoll. Die Gegenbewegung zur Beruhigung, ist Aufbruchsstimmung. Zurückhaltung ist hier fehl am Platz, die Farbpalette ist polarisierend mit energiegeladenen Nuancen, besonders präsent wird die Welt der Rot- und Pinktöne. Es geht um modische Unvernunft. Der Zugang zu Styling wird spielerisch. Die Grundstimmung ist geprägt von einer Lust auf Neues. Es geht darum Positive Störfaktoren zu setzen, die Schwere des letzten Jahres ein für alle Mal aufzubrechen. Gefragt ist nichts Gefälliges, viel mehr der Mut nicht nur zu gefallen, sondern aufzufallen!

»Mode machen« begreifen wir damit nicht nur als Handwerk, sondern als Kunst- und kreative Ausdrucksform. Die Looks werden zur Leinwand für die eigene Persönlichkeit, individuelles Styling unverzichtbar. Es ist ein nahezu kindlicher Zugang getragen von Unbeschwertheit. Expressive Prints, Bänder und Knotendetails, transparente Layerings in kräftigen Unis oder Kontrastfarben. Eine Saison für Tom Ford, der einmal sagte: »The last thing I want to see are serious clothes. I think we need an escape. I think we want to smile.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Frühjahr/Sommer 2022: DIE NEUE WOMENSWEAR

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