Second Hand: Erste Wahl aus zweiter Hand
Second Hand

Erste Wahl aus zweiter Hand

PHILIPPE HUGUEN / AFP / picturedesk.com

Der Handel mit gebrauchter Kleidung im Netz ist einer der größten Wachstumstrends der vergangenen Jahre. Zahlreiche Händler und Hersteller sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und fahren eigene Second-Hand-Schienen.

Second-Hand-Mode ist kein alter Hut: Was früher in muffigen Läden oder auf überfüllten Flohmarkt-Wühltischen angeboten wurde, hat sich mittlerweile zum Verkaufsschlager im Internet gemausert. Diverse Apps, über die man mit gebrauchter Kleidung handeln kann, erfreuen sich seit Jahren regen Zulaufs. Mittlerweile sind aber auch Retailer wie Zalando oder H&M auf den Zug aufgesprungen.

Nachhaltig, exklusiv, leistbar

Ein verständlicher Schritt, denn der globale Second-Hand-Modemarkt ist bereits zwischen 30 und 40 Milliarden Dollar schwer und wird in den kommenden fünf Jahren wohl bis zu 20 Prozent wachsen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der französischen Modeplattform Vestiaire Collective in Kooperation mit der Boston Consulting Group (BCG) wollen künftig etwa sieben von zehn Konsumenten mehr gebrauchte Kleidung kaufen. Dazu wurden 7.000 Menschen aus sechs Ländern befragt und die Kundendaten von Vestiaire Collective analysiert. Konkret wollen 69 Prozent zukünftig mehr Second Hand-Mode kaufen. Laut dem Marktforschungsinstitut Global Data soll sich der globale Umsatz in den nächsten drei Jahren auf 52 Milliarden Euro fast verdoppeln.

Die Motive für dieses neu erwachte Interesse liegen auf der Hand: Für 70 Prozent ist diese Variante aufgrund des Nachhaltigkeitsgedankens attraktiv. Nicht zuletzt getrieben durch die Pandemie und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einschnitte ist Second Hand auch ideal, wenn man sparen, aber sich gleichzeitig ein exklusives Stück gönnen möchte. Diese Mischung aus Qualität und Nachhaltigkeit scheinen viele Konsumenten bei den Mainstream-Labels nicht mehr zu finden. Und dass Vintage boomt, ist nicht zuletzt ein Nebeneffekt des Hipster- und Boho-Trends. Die urbane Intelligenzia mit Sinn für Kunst und Tradition findet hier Stücke, die ihr nicht an jeder Straßenecke begegnen und die auch zur Wertanlage taugen, denn ausgewählte Designer-Modelle können durchaus Höchstpreise erzielen. Ein Kleid des spanischen Designers Paco Rabanne wurde beispielsweise vor drei Jahren bei Sotheby’s um 44.000 Euro versteigert. Der Accessoirebereich - von der Birkin-Bag bis zur Rolex Seamaster – exerziert bereits seit längerer Zeit vor, wie begehrt solche Teile als hochwertige Sammlerstücke sind. Limitierte Sneaker-Editionen laufen diesen jedoch langsam den Rang als heißeste Mode-Aktie ab. Ein 1984 von Baseball-Legende Michael Jordan getragener und signierter Air Jordan Schuh erzielte im Mai bei einer Sotheby’s -Versteigerung die Rekordsumme von 560.000 Dollar. Aber auch ein erst kürzlich gelaunchtes Nike-Modell, der Air Jordan 4 Sail x Off White, hat das Potential zur Wertanlage: Nur wenige Stunden nach Verkaufsstart wurde der 225 Dollar teure Schuh auf der Wiederverkaufsplattform StockX bereits um über 1.000 Dollar gehandelt.

Wenig verwunderlich, dass nun auch Luxusmarken ihre Chance wittern. Wie gerade erst bekannt wurde, steigt der Luxuskonzern Kering, unter dessen Dach sich Gucci, Saint Laurent und Bottega Veneta finden – bei der Resale-Plattform Vestiaire Collective ein. Dabei hat man vornehmlich die junge Zielgruppe im Visier, die zwar über weniger Geld, dafür aber über mehr Nachhaltigkeitsbewusstsein verfügt. Der Resale-Markt bietet Kering so die Möglichkeit, sich für die Kreislaufwirtschaft einzusetzen. Das hat man erst kürzlich mit dem Projekt »Brand Approved« von Vestiaire Collective umgesetzt.

Second-Hand Plattformen

Am anderen Ende des Spektrums hat sich in den vergangenen Jahren eine mittlerweile fast unüberschaubare Anzahl an Plattformen entwickelt, die ihren Usern die Möglichkeit bieten, ihre abgelegten Modeteile zu Geld zu machen. Prinzipiell gibt es dabei zwei Möglichkeiten: Entweder man stellt seine Artikel selbst auf die Plattform, fotografiert, formuliert Beschreibungen, verhandelt mit Interessenten und verpackt und verschickt oder man verkauft die Stücke an den Plattform-Betreiber, der diese Services – natürlich gegen eine Gebühr – übernimmt. Die altbekannten Anbieter sind hier Ebay, Sphock, Willhaben, Mädchenflohmarkt oder Vinted – der kürzlich umbenannte Kleiderkreisel. Diese Mutter aller Textil-Reseller ist seit 2008 aktiv und neben dem Heimatmarkt Litauen in Deutschland und Österreich sowie in den USA, Großbritannien, Frankreich, Polen, Tschechien, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Spanien tätig. Insgesamt wird hier die unglaubliche Anzahl von 181,5 Millionen Artikel angeboten. 2019 konnte ein Transaktionsumsatz von 1,3 Milliarden Euro erzielt werden.

Neu ist hingegen, dass nun immer mehr Retailer ihr Angebot auf Second Hand erweitern. Zalando startete im vergangenen September mit seiner Pre-Owned-Schiene. H&M schickte seine Tochter Sellpy in Deutschland bereits im Juni an den Start – mit einem denkbar einfachen System. Hier müssen Kunden ihre ausgemusterte Mode nur in eine um 1,95 Euro zur Verfügung gestellte Versandtasche stopfen. Diese ist vorfrankiert und wird einfach zurückgeschickt. Den Rest erledigt Sellpy, allerdings zu einem relativ hohen Tarif. Der Verkäufer erhält gerade einmal 40 Prozent des Verkaufspreises, ein Euro pro Artikel wird als Anzeigengebühr in Rechnung gestellt. Allerdings werden Stücke, die nicht verkauft werden können, recycelt. Mit einem Sortiment von über 10.000 Marken erwirtschaftete Sellpy vor dem Start in Deutschland am Heimatmarkt Schweden 20 Millionen Euro. Mit Februar hat das Start-up nun auch den Schritt nach Österreich und in die Niederlande gemacht.

Schweden zeigt aber auch vor, wie Second Hand stationär durchstarten kann: In der schwedischen Stadt Eskilstuna befindet sich die erste Second-Hand Mall der Welt. ReTuna ist in der ehemaligen Industriestadt Eskilstuna, etwa 100 Kilometer westlich von Stockholm. 2015 eröffnet zieht es jährlich zwischen 250.000 und 300.000 Besucher an. Das Center ist genauso gebaut, wie man es von klassischen Malls kennt. Erhältlich ist hier alles, was man auch in »normalen« Läden bekommt: Neben Möbeln, Sportartikeln oder Baumaterial findet sich hier natürlich auch eine große Auswahl an Kleidung aus zweiter Hand.

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