Schauen H/W 2021/22: Nur die Gäste fehlen
Etro

Fashion Week ohne Publikum? Vor einem Jahr noch schwer vorstellbar, von 23. Februar bis 1. März erneut Mailänder Realität. Dabei wird wieder einmal die Frage laut: »Braucht die Mode noch ihre eigene Woche?«

Ja, auf den ersten Blick ist es durchaus ein deprimierendes Bild. In den »Big Four« – von New York über London bis Mailand und Paris – ist von Internationalität so gar keine Spur, erneut. Die Europäer bleiben in letzteren Dreien unter sich, selbiges gilt für die Amerikaner in New York. Die Frage, ob denn aus Asien Gäste anreisen, steht nicht einmal zur Diskussion.

Was dafür seit Saisons rege diskutiert wird ist, ob es die physischen Defilees denn überhaupt noch braucht? Ob es nicht längst Formate gibt, die besser in unsere Zeit passen – ausnahmsweise auch ganz unabhängig von Corona. Natürlich, aktuell ist ans Reisen nicht zu denken, ebenso wenig wie daran, tausende Menschen durch vier Städte zu schleusen, zwischendurch eng zusammengepfercht in immer wechselnden Locations. Aber auch ohne Pandemie werden immer häufiger Stimmen laut, die anzweifeln, dass die traditionellen Schauenformate noch mit unserer Realität kompatibel sind – Stichwort Nachhaltigkeit.

Ein neuer Weg

Alternativen gibt es zu Hauf, das zeigen Designer bereits seit Anfang des vergangenen Jahres verstärkt. Egal ob als Runway-Show ohne Publikum, als Modefilm oder Konzert: Als Brancheninsider ist man aktuell dazu aufgefordert, sich den Designs auf eine ganz neue Art und Weise anzunähern.

Und wer das gerne möchte, kann es in dieser Saison auch ganz ohne persönlicher Einladung tun. Denn eine der vielen fundamentalen Veränderungen des vergangenen Jahres betrifft die Zugänglichkeit der Formate. Was einst eine sehr exklusive Veranstaltung war, ist jetzt eine globale Angelegenheit. Die Präsentationen werden im Internet gestreamt. Wer möchte kann sie sehen – kostenlos, wann, wo und wie oft er will. Das ist jener Punkt, der bestimmt nicht deprimierend ist, ermöglicht er doch eine viel tiefergehende Auseinandersetzung mit den Kollektionen. Zudem ist es ein für die Modebranche essentieller Schritt hin zu einem Mehr an Inklusion.

Das Problem daran ist: Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Mode als Spektakel vorgeführt wird, als Beiwerk der »großen« Fragen: Wer sitzt in der Front Row – und wer nicht? Als etwas Exklusives, denn das weckt immer auch eine gewisse Begehrlichkeit. Dieser Zugang befeuert vor allem eines: den Celebrity-Kult unserer Zeit, nicht aber das ehrliche Interesse an Mode und die Begeisterung am Handwerk.

Der Terminkalender in Mailand war in dieser Saison jedenfalls gut gefüllt: 61 Shows, 57 Präsentationen und Präsentationen nach Vereinbarung (davon 42 digital), plus sechs Events, ergibt insgesamt 124 Veranstaltungen. Einige, wie Bottega Veneta und Jil Sander fehlten. Und natürlich Gucci, nachdem die Marke angekündigt hatte, ganz aus dem halbjährlichen Schauen-Rhythmus auszusteigen. Jene Marken, die zeigten, zeichneten aber ein einheitliches, ganz und gar nicht deprimierendes Bild. Vielmehr ist es eines einer besseren Herbst/Winter-Saison für 2021/22. Optimismus, der nicht nostalgisch ist, sondern zukunftsorientiert. Geballte, kompromisslose Kreativität.

Es wäre gelogen zu sagen, dass das Schreiben dieser Zeilen nicht eine gewisse Sehnsucht hervorruft, danach sich auf schnellstem Weg zum Flughafen zu begeben und gerade noch rechtzeitig für die Schauen der großen französischen Luxushäuser in Paris einzutreffen. Ebenso wie es gelogen wäre zu sagen, dass digitale Formate im gleichen Ausmaß Gefühle transportieren können, wie es Analoge tun. Die Frage, ob die Mode (und die ehrliche Beschäftigung mit ihr) die klassischen Schauenformate braucht, lässt sich wohl mit einem Wort beantworten: Nein. Aber die Branche, die Menschen die mit ihr arbeiten, tun es doch.

stats