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Preview F/S 2021

Carl Tillessen: »The Return to Innocence«

Vianney Le Caer / AP / picturedesk.com
Dior Paris Fashion Week F/S 2020
Dior Paris Fashion Week F/S 2020

Was macht Corona mit der Mode? Welche Strömungen herrschen vor nach einer disruptiven Störung des Marktes? Laut Carl Tillessen, Trendanalyst, Berater und Autor, sind es zu unserer aller Überraschung Unschuld und Reinheit.

Die Designer inszenierten ihre letzten Sommerkollektionen gerne im Einklang mit der Natur: Fendi ging in den Park. Jacquemus zeigte seine Kollektion in einem Lavendelfeld. Schiaparelli stellten ihre Models neben Pflanzensäulen. Caroline Wu präsentierte ihre Abendkleider in einer eigens dafür angelegten künstlichen Landschaft. Dolce&Gabbana ließen als Hintergrund für ihre Schau einen Dschungel aufbauen. Versace ließ den Dschungel immerhin als Postertapete an die Wand bringen. Bei Jason Wu gingen die Models durch eine künstlich angelegte Blumenwiese. Virgil Abloh ließ für seine Off-White-Show ein Meer aus weißen Nelken zusammentragen. Und dann war da natürlich die Schau von Dior, für die ein ganzer Wald mit 164 Bäumen aufgebaut wurde.

Derzeit ist die Natur jedoch nicht nur der Hintergrund für die Outfits. Sie dringt bis in die Outfits selbst vor. Bei Kate Spade, Dolce&Gabbana und Noir trugen die Models Pflanzen über den Laufsteg. Darüber hinaus imitiert die Kleidung bei Dior, Versace, Dolce&Gabbana, Noir, Vera Wang und Dior die Farbe und Struktur von Natur. Sie gleicht sich ihr an und verschmilzt mit ihr zu einer Einheit. In Virgil Ablohs Männerkollektion für Louis Vuitton waren die verschiedensten Blumen mit der Kleidung verwoben, so dass sie geradezu aus ihr herauszuwachsen schienen. Eine Blumenart hat es dem amerikanischen Designer aber gerade ganz besonders angetan, nämlich das Gänseblümchen. Bei Louis Vuitton schmückte er die Männer mit Armbändern, Kränzen und Geschirren aus Gänseblümchen. Auch bei Rag&Bone, Naco und By Nye posieren die Models mit Gänseblümchen und Margeriten. Da fragt man sich als Europäer, was man uns damit sagen will.

Für uns ist es bizarr, wenn gestandene Männer mit Gänseblümchen dekoriert werden.

Für Amerikaner ist aber sofort klar, wofür das Gänseblümchen – zu Englisch »Daisy« – steht. Für sie bedeuten Gänseblümchen genauso klar und eindeutig Unschuld, wie für uns rote Rosen Liebe symbolisieren und für Italiener Chrysanthemen mit dem Tod verbunden sind. Gänseblümchen stehen für Unschuld, für Reinheit und Neuanfang. Es ist überraschend, dass die sonst eher frivole Modebranche sich plötzlich so für Unschuld und Reinheit interessiert. Unschuld und Reinheit, das war ja bislang – wenn überhaupt – nur in der Brautmode ein Thema. Aber jetzt wollen nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer ganz unschuldig sein.

Dass die Menschen derzeit das Bedürfnis haben, ihre Unschuld zu beteuern, könnte daran liegen, dass sie unter Anklage stehen: »Ihr habt mir meine Kindheit und meine Träume geraubt. Und dabei habe ich noch Glück. Es gibt Menschen, die leiden. Es gibt Menschen, die sterben. Gesamte Ökosysteme brechen zusammen. Wir sind am Anfang eines massenhaften Artensterbens. Die Wissenschaft war seit über dreißig Jahren vollkommen klar. Wie konntet Ihr es wagen?« Mit ihrer Howdare-you-Rede vor den Vereinten Nationen hat Greta Thunberg im September schwerste Vorwürfe gegen uns alle erhoben. Es war eine Sache, gesagt zu bekommen, dass man jetzt beim Klimaschutz mal einen Gang hochschalten solle. Es ist aber eine ganz andere Sache, sich anhören zu müssen, dass man nicht nur die Zukunft seiner Kinder, sondern auch den Tod und das Leiden zahlloser Menschen und das Aussterben von Tieren und Pflanzen auf dem Gewissen habe. Diese Vorwürfe sind so unerträglich, dass man sie gar nicht erst an sich heranlässt. Wenn die Welt schon untergeht, dann will man es wenigstens nicht gewesen sein.

Also bescheinigt man sich einfach selbst eine weiße Weste.

Eine gänseblümchenblütenreine weiße Weste. »Nach dem Weltuntergang versucht man vielleicht mal ein Hochzeitskleid zu machen«, erklärte Marine Serre die Serie von weißen Kleidern in ihrer sonst so düsteren Sommerkollektion. Diesen seltsamen Impuls, sich nach dem Weltuntergang, den man selbst mitverursacht hat, erst einmal ein unschuldiges, weißes Kleid zu machen, kann man nur als Übersprungshandlung verstehen. Er zeigt, wie schwer es fällt, sich seine Mitschuld an den akuten globalen Problemen einzugestehen. Genau wie bei Marine Serre gab es auf ganz vielen Modenschauen für den aktuellen Sommer nicht nur das obligatorische einzelne weiße Brautkleid zum Schluss, sondern mittendrin ganze Serien von weißen Kleidern. Und diese weißen Kleider sind der Inbegriff der Unschuld: frisch gebleicht, gestärkt und gebügelt, bodenlang und hochgeschlossen. So zum Beispiel bei Valentino. Viktorianische Prüderie in Weiß herrscht auch bei Alexander McQueen. Bei Loewe geht es ebenfalls sehr weiß und züchtig zu. Bei The Row zeigt man sich weiß und äußerst zugeknöpft. Und Jil Sander propagiert geradezu klösterliche Keuschheit.

Simone Rocha geht noch einen Schritt weiter: Die weiße Serie in ihrer Kollektion erinnert weniger an Brautkleider als an Kommunionskleider. Was hier heraufbeschworen wird, ist nicht die bewahrte Unschuld einer erwachsenen Frau, sondern die natürliche Unschuld eines Kindes. Auch Miuccia Prada zeigte eine ganze Serie von unschuldigen Kinderkleidern. Und bei der Präsentation von Issey Miyake tanzten die Models in kindlichen Hängerchen-Kleidern einen Ringelreihen und tollten mit ihren Skateboards herum. Aber nicht nur die Frauen wollen im Moment lieber unschuldige kleine Mädchen sein. Auch in den Männerkollektionen von Dior bis Louis Vuitton ist die zunehmende Verwendung der unschuldigen Farbe Weiß unübersehbar mit der Sehnsucht verknüpft, Kind sein zu dürfen: weiße kurze Hosen, weiße Gummistiefel, weiße Winddrachen… 

Die alten weißen Männer wollen wohl im Moment viel lieber kleine weiße Jungs sein.

Auch die Designer der Männerkollektionen – oder vielmehr Jungskollektionen – von Rochas und Sunnei wünschen sich gerade offenbar die Gnade der späten Geburt. Und bei Off-White sehen die Jungs aus, als hätte die Mama gesagt »Geht draußen spielen!«. Hier kommt dann wirklich alles zusammen: Die Nähe zur Natur, die Blumen der Unschuld, die Farbe Weiß, die kurzen Hosen, die naiven Kritzeleien, die Anglerhüte, der Wunsch, Kind zu sein. Ja, wäre das nicht schön, wenn man noch einmal von vorn anfangen könnte? Wenn man Kind wär, dann könnte man’s ja gar nicht gewesen sein, dann wäre man auch nicht schuld am Klimawandel. Dann säße man jetzt nicht auf der Anklagebank und müsste sich fragen lassen: »Wie konntet Ihr es wagen?« Auch die Dior-Kundinnen wollen wohl lieber auf der Seite der Kläger als auf der Seite der Beklagten sein. Und so lässt Grazia Maria Chiuri ihren kindlich gekleideten Models Greta-Thunberg-Zöpfe flechten. Damit schlägt sie sich geschickt auf die Seite der Guten. Die Dior-Frau hat die Natur nicht zerstört. Vielmehr ist sie ein unschuldiges kleines Mädchen, das – ihrem Gärtnerinnen-Outfit nach zu urteilen – die naive Absicht hat, die Natur eigenhändig in Ordnung zu bringen. Genau wie die rührenden kleinen Jungs, die bei Fendi mit Eimerchen und Schäufelchen losziehen.

Die Menschen wollen sich so gerne wieder als Freund und nicht als Feind der Natur fühlen. Vielleicht gehen sie ja jetzt tatsächlich die ökologischen Probleme an. Und wenn die Mode ihnen hilft, ihre ursächliche Beteiligung an diesen Problemen zu verleugnen und sich in Unschuld zu wiegen, dann ist das okay. Sich vorzuwerfen, was man in der Vergangenheit alles falsch gemacht hat, bringt uns jetzt schließlich auch nicht weiter.
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