Paris Fashion Week: Ignoranz, Mitgefühl und S...
Paris Fashion Week

Ignoranz, Mitgefühl und Solidarität

Dior/Stephane de Sakutin/AFP/picturedesk.com

In der dritten Woche des Ukraine-Krieges gehen die letzten Tage der Pariser Modewoche über die Bühne. Ein Stimmungsbild grotesker Gegensätze.

Paris – eine Modewoche, in der die einen dem Hedonismus frönen und die Rückkehr der physischen Fashion Shows feiern, während nur wenige Flugstunden entfernt Millionen Menschen vor Putins Truppen fliehen. Zwei Jahre Pandemie mit all ihren desaströsen Folgen wären schon Krise genug. Durch die geopolitische Nähe des russischen Angriffskrieges in der Ukraine erreicht die Paradoxie der Mode ein neues Level. »Es sind unschuldige Menschen, die im Krieg sterben. Ich habe es selbst erlebt. Ich habe es 30 Jahre lang in mir verborgen, bis ich letzte Woche die Nachrichten gelesen habe, und all der Schmerz kam zurück. Die Botschaft ist Liebe. Immer. Mode muss davon ausgehen und zumindest Stellung beziehen.« Demna Gvasalia, Kreativchef von Balenciaga, musste als 12-Jähriger aus Georgien flüchten, der Aggressor war derselbe wie heute. Die Fluchterfahrung, die Angst, die Verzweiflung und die Erkenntnis, dass man unerwünscht ist, begleite ihn immer. Seine Kollektion, die ursprünglich die Klimakrise adressieren sollte, wird zum Beispiel eindeutiger Positionierung gegen den Krieg – eine Seltenheit im Modekontext mit dem Potenzial zur politischen Wirksamkeit.

Auf Instagram zeigen sich Brands wie Prada, Gucci oder Stella McCartney solidarisch mit der Ukraine. Chanel spendet 2 Millionen Euro an Hilfsorganisationen wie die Flüchtlingsagentur der UNO (UNHCR). Die Fall/Winter Ready-to-Wear-Kollektion, die am Internationalen Frauentag im Grand Palais Éphémère gezeigt wurde, ist nur einem Thema gewidmet: Tweed, ohne politischen Bezug. Ein echtes Statement kommt von einem Besucher nach der Show. Er zeigt sich in einer blau-gelben Daunenjacke mit der Aufschrift: »Poutin, je tepin« (auf deutsch: Putin, ich sterbe). Der Designer Petar Petrov, in den 1970ern in der Ukraine geboren, in Bulgarien aufgewachsen und in Wien beheimatet, verzichtet auf eine Modenschau und teilt seine Gedanken auf Instagram: »(…) in dieser Krise gehe es um Menschen, egal woher sie kommen«. 10 % seiner Einnahmen aus dem Onlineverkauf spendet er an UNHCR und die Caritas.

Was heißt schon Luxus?

In einer Welt, die sich von der ewigen Sehnsucht nach Luxus speist, erscheint das Streben nach diesem Luxus gerade besonders bizarr. »Der wahre Luxus ist, am Leben zu sein«, sagt Svitlana Bevza, Gründerin von Bevza, eines der erfolgreichsten ukrainischen Modelabels mit Sitz in Kiew. »Ich kann dir sagen, was Luxus ist. Eine Woche jeden Tag mit dem Geräusch von Explosionen aufzuwachen, in einem vollgestopften Bus 24 Stunden mit meinen Kindern und meiner Mutter von Kiew Richtung Westen zu fahren (…). Luxus ist, einen warmen Tee zu trinken, eine Dusche und ein normales Bett zum Schlafen.« Bevza berichtet seit Beginn der russischen Invasion täglich per Instagram zur Lage in der Ukraine. 

Jetzt, wo mehr Menschen auf Kriege auf der ganzen Welt aufmerksam werden, steht auch die Mode im Zugzwang. Ist Anteilnahme nicht das Minimum an Menschlichkeit, das wir von ihr erwarten können? »In Demnas Fall war es nicht Balenciaga als Marke, die ihn zu dieser Aktion gebracht hat. Die Motivation war er selbst. Aktivismus kommt nie von Modelabels, sondern von den Menschen dahinter, die Initiative ergreifen«, erklärt der Fotograf Ismaël Moumin. Es sei dennoch eine gute Sache, wenn große Marken aktiv werden, auch wenn es PR für die Marke bedeutet. Es schafft Bewusstsein und erreicht ein größeres Publikum – so gesehen ist es immer besser Mitgefühl zu zeigen, als sich nicht zu positionieren.

Auch die Mode-Community wird wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen und Geschäftsbeziehungen aufgeben müssen, um auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Der Moment, in dem Kleidung zum Sprachrohr für Empathie wird, ist gekommen. »Das Wichtigste ist, dass die Leute diese Unterhaltung führen«, sagt Venya Brykalin, Fashion Director der ukrainischen Vogue. Für ihn steht es außer Frage, ob Mode politisch werden darf oder nicht. Brykalin nennt drei Dinge, die die Modeindustrie tun kann, um in diesen finsteren Tagen zu helfen:
1. Zugeben, dass da ein Krieg passiert und nicht ignorieren, dass das unsere Realität ist.
2. Die Situation nicht beschönigen, sondern klar benennen, welches Land wen aus welchem Grund angreift.
3. Spenden, wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind.

 

stats