Mailand: Neue Klasse

Der Look wird ruhiger. Deko-Hype ist endgültig passé. Ebenso verlieren Streetwear-Einflüsse an Bedeutung. Im Fokus: monochrome Looks und Konfektion.

Während sich der Mainstream zu Herbst/Winter 2019/20 in einen aufregenden Mix aus Animalprint und Karo hüllt, zeigten die Schauen in Mailand zuletzt ein sehr gegensätzliches Bild. Monochromie, Konfektion und Tailoring lauten die Schlagworte der Stunde. Das zeigt sich bei Prada und Versace ebenso wie bei Fendi und Bottega Veneta. Sogar Gucci, nach einmaligem Aufenthalt in Paris wieder nach Mailand zurückgekehrt, zeigte unter Alessandro Michele, zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt, einen deutlich gezügelteren, für Gucci fast schon reduzierten Look. Es gab weniger Schmuck und weniger Schnickschnack, dafür einen klaren Fokus auf das Thema der klassischen Herrenschneiderei. Breitschultrige Anzüge, Blazer, Mäntel mit sichtbaren eingenähten Fadenmarkierungen und äußerlich angebrachten Etiketten prägten das Bild. Reduktion zeigte sich auch bei Jil Sander oder Arthur Arbesser in Form von ruhiger Farbigkeit und cleaner Schnittführung. Ebenso bei Max Mara, wo Unis vereinzelt von grafischen Animal-Zebrabildern gebrochen wurden. Oversize-Blazer trafen auf Miniröcke, Teddyplüsch, haarige Wollmäntel und Strickjacken ersetzen Pelz. Aigner-Kreativchef Christian Alexander Beck hüllte seine Looks in eine stimmige Farbigkeit aus Cognac, Off-White und Braun. Lange Mäntel und fließende Kleider zeigten eine Fusion aus Lässigkeit und femininem Chic.

Starke Botschaften

Es scheint fast, als hätten Streetwear und die Omnipräsenz des Sneakers ausgedient. Auch wenn das Schuhwerk durchaus wuchtig, fast schon derb bleibt. Bei Bottega Veneta, wo Kreativchef Daniel Lee sein Debüt feierte, fand man schwarze Lederstiefel mit wuchtiger Sohle. Prada zeigte für den kommenden Herbst Schnürer und Springerstiefel mit umgeschnallten Taschen. Die Modelle erzählen von einer Unruhe, die einige Modemacher zu spüren scheinen. Pradas Kollektion beispielsweise behandelte die Ambiguität der Romantik, eine Gradwanderung zwischen Gefahr und Liebe. Feminines traf auf Maskulines, stofflich Loden auf Spitze und Mohair.

Stilvolle Hommage

Überschattet wurde die Modewoche jedenfalls trotz Rückkehren und gefeierten Debüts von der Bestätigung des Ablebens von Karl Lagerfeld. Umso gespannter blickten daher am frühen Donnerstag alle Augen auf Fendi – jenes Luxushaus, für das Karl Lagerfeld 54 Jahre als Kreativdirektor tätig war. Doppelreihige Blazer, edle Mäntel, ausladende Windsorkragen, scharf geschnittenes Leder – nichts an den Entwürfen war eine Retrospektive. Die Kollektion war, wie Lagerfeld eben arbeitete, nach vorne gerichtet, zeitgeistig. Zum Ende der Show folgte eine liebevolle Hommage an den Designer: Unter dem Titel »54 Jahre zusammen« wurde Lagerfeld gezeigt, wie er an seinem ersten Tag bei Fendi eine Skizze von sich selbst zeichnete. Mit Cerruti-Hut, dunkler Brille und langem Haar. Emotional und berührend. Ein leiser, stilvoller Abschied für eine unvergleichliche Ikone der Modewelt.
Fendi H/W 2019/20 bei der Mailand Fashion Week
Picturedesk/Miguel Medina
Fendi H/W 2019/20 bei der Mailand Fashion Week
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