Herbst/Winter 2023: Die neue Tracht: Zwischen...
Herbst/Winter 2023

Die neue Tracht: Zwischen Trend und Lebensgefühl

Spieth & Wensky

Die Suche nach nachhaltigen, in Europa produzierten, langlebigen Labels musste ja irgendwann mal die Trachtenbranche nach vorne bringen. Jetzt ist der Umschwung zum Greifen nah. In der Branche herrscht endlich wieder Optimismus.

Zum Orderstart der Trachtenbranche, der im Rahmen der HOT 1 in der Brandboxx und den zahlreichen Showrooms rundherum Ende Jänner über die Bühne ging, herrscht nach einer langen Durststrecke der Trachtenerzeuger und -händler endlich wieder gute Stimmung. Aus dem Handel ist zu hören, dass in den letzten Monaten des vergangenen Jahres wieder gut verkauft wurde; die Rückkehr internationaler Touristen mache sich auch in den Umsätzen im Jänner 2023 bemerkbar. Man erwarte eine gute Frühjahr/Sommer-Saison – nun gelte es, sich diese Aufbruchstimmung auch in den nächsten Winter mitzunehmen.

Die Anforderungen

Werthaltig – das ist das Adjektiv der Saison. „Wir haben alle nochmal in die Werthaltigkeit unserer Kollektionen investiert. Einer schwierigen Sourcing-Situation zum Trotz gelingt es uns, hochwertige Qualitäten zu bringen und jedes Detail besonders zu gestalten“, sagt Steinbock-Chef Joseph Payr stellvertretend für viele Erzeuger. Ein Konsument, der weniger oft, dafür aber hochwertiger einkaufen will, sei ein idealer Kunde für die Trachtenbranche, meint auch Schneiders-Chef Wolfgang Binder: „Es macht sich bezahlt, bedingungslos auf Qualität zu setzen – das sehen wir auch und vor allem bei unserem Luxuslabel Habsburg. Unsere Produkte werden jahrelang getragen. Ist das nicht Nachhaltigkeit in ihrer schönsten Form?“ Preise? „Die Kunden haben sich an moderate Preiserhöhungen gewöhnt“, sagt Lodenfrey-Menswear-Vertriebschef Peter Dür, „sie sind ja in allen Bereichen damit konfrontiert.“ Lange Lieferzeiten? „Ja“. sagt Dür, „es kommt immer wieder zu Verzögerungen.“ Und auch hier zeige der Handel Verständnis: „Auf ein werthaltiges Produkt länger zu warten, sieht man nicht mehr als Problem.“

Die Trends

Es sind im Grunde nur zwei Stilrichtungen, die die Trachtenkollektionen zum Herbst/Winter 2023 prägen: Prächtig – oder pur. Oder beides gemeinsam. Die Wahl hochwertigster Materialien macht aus jedem Dirndl ein anlasstaugliches Kleidungsstück. Alltagstauglichkeit ist nicht mehr die harte Währung im Trachtengeschäft. Edle Stoffe mit luxuriösen Zutaten wie goldfarbenen Knöpfen oder reich verzierten Bändern, unifarbene Schürzen und Blusen aus elastischer Spitze haben sich als neuer Maßstab durchgesetzt, ebenso wie die Midi-Länge. Besonders opulent und stellvertretend für den „Prächtig“-Trend: die Dirndlkollektion von Sportalm. Mehr Luxus, mehr verschwenderischer Umgang mit hochwertigen Materialien geht nicht!

Klar gibt es dazu eine Gegenbewegung. Pur und schlicht bleiben Strickjacken (in kräftigen, leuchtenden Farben) und längere Jacken (für Damen und Herren). Selbst bei der Lederhose verzichten viele Hersteller auf krachend-laute Stickereien. Man bleibt Ton-in-Ton, das gilt für die Looks insgesamt. Einzige Ausnahme: der Ski-Pulli, das modische It-Piece im kommenden Winter. Da dürfen die Intarsien und Norweger-Muster schon mal etwas kräftiger ausfallen. Am Berg ist modische Zurückhaltung ja eher nicht gefragt, sondern Kernigkeit.

Die besten Teile

Es ist nicht nur der Nachhaltigkeitsgedanke, der die Kollektionen insgesamt nach vorne bringt; es sind auch die angesagten Modetrends, die Tracht und alpinen Lifestyle pushen. Vor allem die Rückbesinnung auf Ethno-Motive, romantisch aufgemacht, beeinflusst die Formensprache. Knöchellange Blumenkleider, wallende Röcke oder romantische Rüschenblusen – das sind allesamt Teile, mit denen die Trachtenhersteller bewusst ihre Zielgruppe(n) erweitert. Der Wunsch nach gepflegten Looks hat ebenso seine Spuren hinterlassen. Weniger Used-Effekte bei den Lederhosen, keine lauten Statement-Shirts, stattdessen feine Wollhosen sowie mit Microdessins bedruckte Kombinationen aus Stehkragenjacke und Weste: Damit entspricht die Tracht auch dem Heritage-Hype, den große Modehersteller für Winter 2023 voraussagen. Kantige Strickteile (vor allem Statement-Pullis mit alpinen Skimotiven), kernige Links-links-Westen in fröhlich-knalligen Farben und hochwertige Trachtenröcke im 50er-Jahre-Stil verbreitern das Thema in Richtung alpiner Lifestyle. Fazit: Es könnte eine ganz starke Saison für die Trachtenbranche werden. Weil das Lebensgefühl, für das sie steht, ganz oben steht auf der Wunschliste der Konsumenten.

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