E-Commerce: Amazon launcht Luxus-Plattform
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Amazon launcht Luxus-Plattform

Der Online-Riese startet einen neuen Versuch, in den Premium-Retail einzusteigen.

Es gibt kaum mehr Handelssegmente, in denen sich Amazon noch nicht breitgemacht oder gar die Marktführerschaft übernommen hat. Amazon-Prime-Kunden in England können sich beispielsweise neuerdings gratis Lebensmittel nach Hause liefern lassen. Was auf den ersten Blick nicht wahnsinnig spektakulär klingt, ist für die großen Lebensmittelhändler in UK eine sehr ernstzunehmende Kampfansage. Nun hat der Online-Händler den Luxus-Retail im Visier.

Herausforderung an den Handel

Seit der Krise gerät ein Handelsflaggschiff nach dem anderen unter Druck: Die Londoner Legende Harrods erlebt gerade einen Besucherschwund um 95 Prozent und muss wohl 700 Jobs abbauen. Das älteste und renommierteste Kaufhaus der USA, die New Yorker Institution Lord & Taylor schließt gerade einen Standort nach dem anderen, auch den Stammsitz auf der 5th Avenue. Und genau diesen hat sich Amazon nun unter den Nagel gerissen und möchte dort einen innovativen Technologie-Hub eröffnen. Amazon hat das denkmalgeschützte Gebäude im Januar für rund 1,15 Milliarden Dollar (980 Millionen Euro) von dem Coworking-Spezialisten WeWork übernommen, der den Standort im Februar 2019 für 850 Millionen Dollar von dem damaligen Besitzer von Lord & Taylor, dem kanadischen Retail-Konzern HBC, übernommen hatte.

Seinen Appetit auf Luxus hat der eCommerce-Gigant aber schon öfter unter Beweis gestellt, so wirklich hat man den Fuß in die Tür zum Premium-Segment bis dato aber noch nicht bekommen. So launchte man bereits diverse Plattformen, wie etwa einen Ableger, auf dem registrierte Mitglieder günstig Marken – zeitlich und nach Stückzahl begrenzt – kaufen konnten. In jüngster Zeit gab es vermehrt Kontakt zur Branche, etwa ein von Paparazzi viel beachteter gemeinsamer Lunch von Anna Wintour und Jeff Bezos in New York. Unter dem Namen »Common Threads: Vogue x Amazon Fashion« gab man jungen Designer ein Plattform. Erste Pläne im März, namhaften Luxuslabels einen Hafen zu bieten, wurden durch Corona gestoppt, jetzt soll es aber soweit sein.

Geheimnisvolle Pläne

Genaue Details sind kaum bekannt. Laut dem Branchenmagazin WWD soll Amazon mit Labels aus Europa und USA zusammenarbeiten wollen. Lagerung und Logistik wird bei Amazon liegen, Angebot und Marketing bei den jeweiligen Marken. Die Plattform ist als Konzessionsmodell konzipiert und hat sich wohl Farfetch als Vorbild genommen: ein virtueller Marktplatz, auf dem Marken und Händler einen Platz mieten und ihre Geschäfte machen können. Vorerst ist der Start in den USA geplant. Dazu soll auch ein groß dimensioniertes Lagerhaus in Arizona gebaut werden. Die Projektleitung des neuen High-Fashion-Bereichs soll Dany Keirouz, der bisher für Marken und Entwicklungsleistungen bei Amazon Fashion zuständig war, übernehmen.
Ob die neue Plattform reüssieren kann, wird sich zeigen. Der Online-Riese Amazon, der auch in der aktuellen Werbekampagne seinen USP als günstigster Anbieter betont, ist für viele Premium-Marken kaum der richtige Partner, wird doch hier alles vom Wischmopp bis zum Sex-Toy angeboten – nicht unbedingt ein Boost für das exklusive Markenimage.

Dennoch: Die derzeitige Situation am Luxus-Markt ist mehr als angespannt. Eine weltweite Plattform wie Amazon könnte für dringend benötigtes Kundenaufkommen sorgen. Für die Händler sind diese Nachrichten aber keine guten. Über den Vorstoß bei Supermärkten sagte der britische Retail Analyst Richard Hyman: »Für stationäre Händler ist es ungleich schwerer, Profit mit dem Online-Geschäft als mit dem stationären Geschäft zu machen. Das wirklich Furchterregende ist aber für alle, dass sie mit dem Online-Geschäft Geld verdienen müssen, wohingegen Amazon das schlicht nicht muss.« Ein Befund, der wohl auch auf den Handel mit High-End-Mode zutreffen wird.

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