Düsseldorfer Fashion Days: Fröhlich durch die...
Düsseldorfer Fashion Days

Fröhlich durch die stürmischen Zeiten

Photo by Joshua Sammer/Getty Images for Riani

Trotz Ukraine-Krieg und ungewissem Corona-Herbst/Winter ist der Optimismus in der Modebranche zurück. Bei den Düsseldorfer Fashion Days wurde viel Geld in neue Showrooms investiert, alte wieder besonders liebevoll dekoriert und trotz der Hitze gefeiert ohne Ende.

»Das Wort Resilienz ist zwar schon etwas überstrapaziert, aber es trifft es. Wir haben uns angewöhnt, in der Gegenwart zu leben und mit großer Agilität auf die Umstände zu reagieren. Was bringt es uns jetzt zu fragen, wie der Winter wird. Wir werden uns damit beschäftigen, wenn er da ist«, bringt die CEO von Gerry Weber, Angelika Schindler-Obenhaus die Stimmung der Branche auf den Punkt. Also beschäftigt sie sich lieber mit der Frage, wie man auf der Fläche ein und das selbe Gerry-Teil unterschiedlichen Kunden verkauft, in dem man es anders kombiniert, als sich Sorgen darüber zu machen, ob und welche Corona-Varianten das Herbst-Geschäft, von dem man ausgehen kann, dass es gut werden könnte, stören könnte. Eine Task-Force Lieferkette optimiert dafür die aktuellen Probleme auf dem Logistik- und Beschaffungsmarkt.

»Wir sind viel mehr ins Risiko gegangen und haben frühzeitig bei unseren Lieferanten geordert«, sagen ganz viele Hersteller, so auch Mona Buckenmaier von Riani und Gerhard Kränzle von Hiltl. Während Riani in so vielen Kleidern wie »noch nie« schwelgt, geht auch Hiltl den Weg der Farbigkeit, den alle gut finden, wenn man dabei das »Augenmaß nicht verliert und nicht überall grüne Anzüge hängen«, so Brit Burman von Bianca, die auch keine Krisengespräche führt, sondern mit großem Optimismus die Ordertage erlebt. Sowie Schneiders-Chef Wolfgang Binder, der mit einem »Hey, geht doch« im funkelnagelneuen Salzburger Showroom erlebt, dass der Handel »dringend frische Ware« braucht und selbst im glühend heißen Düsseldorf die Frequenz stimmt. »Es ist definitiv wieder mehr los«, meint Oliver Keeb, CEO von Toni, der auch wieder Exportkunden aus der Schweiz, Finnland und dem Libanon begrüßen konnte. Selbst ukrainische Händler haben sich nach Düsseldorf aufgemacht und bei den Herstellern mit ihren Schilderungen über zerbombte Geschäfte und den Wiederaufbau in einer anderen Stadt Gänsehaut erzeugt.

 

„Was bringt es uns, jetzt zu fragen, wie der Winter wird? Wir werden uns damit beschäftigen, wenn er da ist.“
Angelika Schindler-Obenhaus, CEO Gerry Weber

Ein strahlendes Gesicht macht Moritz Schwack im prachtvollen Showroom von Swing, wo man sich in Corona völlig neu aufgestellt hat und nun die Früchte der nachgeholten Anlässe erntet. »Wir surven erfolgreich auf der Welle des Nachholens«, schwärmt Digel-Generaldirektor Philippe Celeny. Der Anzug ist zurück – auch bei Carl Gross und in der Bugatti-Brinkmann Gruppe, wo man sich im Export über ein zweistelliges Plus freut. Wobei bei Herren wie bei Damen gilt: angezogen zu sein, bedeutet keine Qual, bequem muss es allemal sein. Und so haben die gehypten Blazer des nächsten Sommers nichts mit ihren steifen Vorgängern zu tun.

Stella Ahlers, die ihre Gäste im wunderschönen Showroom am Medienhafen mit Terrasse über dem Rhein und Traumblick begrüßen kann, wollte sich eigentlich nur noch mit KI und Metaverse beschäftigen. Stattdessen »haben wir uns im Krisenmanagementmodus angewöhnt, in Szenarien zu denken.« Und nicht nur über die Kollektionen zu sprechen, sondern auch über die notwendigen Preiserhöhungen. Marc Freyberg, der mit Brax im ersten Halbjahr 30 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr gemacht hat, prognostiziert, dass »die Inflation mehr Probleme als Corona machen wird«. Ohne Preiserhöhungen wird es nicht gehen, denn »wir sind kein Verein, sondern müssen Geld verdienen«. Wie der Kunde auf all das reagieren wird, ist die ganz große Unbekannte. Deshalb macht Margitte Schweden eine Ausnahme und erhöht ihre EKs vorerst nicht. Für Fabian Süllow von Gardeur sind Preiserhöhungen hingegen alternativlos und leichter durchzusetzen, wenn man sie mit neuen, nachhaltigen Qualitäten verbindet. »Wir haben unsere Preislagen doch sehr lange halten können«, ist Markus Schreiber von Cambio überzeugt, notwendige Anpassungen zu bekommen. Zumal den Händlern derzeit wichtiger ist, die Ware rechtzeitig geliefert zu bekommen, wie Philipp Pinger von Carl Gross bestätigt, besonders da »es seit acht Jahren keine Preiserhöhung gegeben hat.«

„Die Inflation wird mehr Probleme machen als Corona“
Marc Freyberg, Brax
Zwei nicht branchenspezifische Themen duften in Halle 29/30, im Medienhafen und auf der Kaiserswerther Straße auch nicht fehlen: Der Mangel an Mitarbeitenden und das Chaos auf dem Düsseldorfer Flughafen mit endloser Wartezeit auf das Gepäck, falls es überhaupt angekommen ist und bis zu zwei Stunden bei der Security. Aber auch davon sollte man sich die Laune nicht verderben lassen. Denn für Schreiber ist die gute Stimmung in der Branche ebenso alternativlos wie die Preiserhöhungen. »Wir müssen einfach gut drauf sein, denn wir verkaufen Emotionen.«
„Eigentlich wollte ich mich mit KI und Metaverse beschäftigen“
Stella Ahlers

Gelegenheit dazu gab es am Rande der Fashion Days genug: bei der legendären, fünfstündigen Schifffahrt mit Riani, der Fashion Net Night auf der brütend heißen Rheinterrasse und beim 75-jährigen Jubiläumsfest der Familie Brinkmann.

stats