DOB F/S 2021 : Zurück – wohin?
Raffaello Rossi

Feminin und verständlich. Weit weg von allem Überladenem, gar Aufgesetztem. Mit einer gewissen Lässigkeit versehen. Die Folgen der globalen Krise zeichnen neue Bilder in der DOB.

Selten zuvor musste sich die Modebranche an derart vielen Fronten Herausforderungen stellen, wie in der ersten Hälfte des Jahres 2020. Die Realität der vergangenen Monate: Kreativität auf Distanz – eine fordernde Aufgabe für eine Branche, die doch sonst vom persönlichen Austausch lebt. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie treffen die gesamte Wertschöpfungskette. Fabriken wurden geschlossen, Millionen von in allen Teilen der Branche Beschäftigten auf Kurzarbeit geschickt oder entlassen. Tausende von Geschäften konnten, bedingt durch den Shutdown, ihre Ware nicht verkaufen. Seitens der Industrie kam die Kollektionserstellung ins Stocken.

Schutzbedürftig 

Wer sich jemals damit beschäftigt hat wie Trendforscher arbeiten, weiß, dass was wir tragen nachhaltig von globalen Veränderungen beeinflusst wird. Das gilt auch für Frühjahr/Sommer 2021. Die kommende Saison ist keine Zeit der großen Fashion-Experimente. Gefragt sind verständliche Looks, die dennoch besonders sind. Gepflegt, mit dem gewissen Etwas. Unverzichtbar ist Tragekomfort. Nicht kompliziert, nicht streng, immer mit einer gewissen Lässigkeit versehen, soll es daher zur kommenden Saison sein. Die Silhouetten sind betont feminin und entspannt. Weite, fließende Kleider treffen auf relaxte Hosen mit geradem oder konischem Beinverlauf. Innovation bringen neue, voluminöse Ärmelformen. Langlebige, nachhaltig erzeugte Qualitäten stehen im Fokus. Tencel, Leinen und Viskose sind ebenso präsent wie leichte Wollmischungen und feine Baumwollqualitäten.

Stärke zeigen 

Neben Komfort und Feminität zeigt sich darüber hinaus eine dritte Tendenz unmissverständlich: Als Ausdruck für das Bedürfnis nach Sicherheit, gleichsam als Symbol für Stärke sind auch Utility-Elemente weiterhin essentieller Bestandteil zahlreicher Kollektionen. Ohnehin waren bei den letzten internationalen Schauen starke Frauenbilder omnipräsent. So ist und bleibt der Blazer auch in den kommenden Sommermonaten unverzichtbar.

Spitzer, kleiner, wertiger

Apropos unverzichtbar: Neben den modischen Tendenzen gibt es eine Entwicklung, die die Branche schon länger beschäftigt, im Laufe der vergangenen Monate aber noch einmal deutlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist: bewussterer und umweltverträglicherer Konsum. In der Folge haben sich zahlreiche Anbieter dazu entschieden, ihre Kollektionen zu verkleinern, spitzer und noch wertiger zu werden. »Auch wir haben unsere Kollektion optimiert, um unseren Kunden eine noch klarere Vision zu bieten«, bestätigt Sophia Lewis, Head of Design beim Contemporary-Label Closed. »Es ist jetzt besonders wichtig, das ideale Gleichgewicht zwischen Kreativität und Qualität zu finden.«

Fortschritt statt Rückblick

Schon kurz nach Beginn des Lockdowns war ein Ziel omnipräsent: die möglichst baldige Rückkehr zur »neuen Realität«, back to normal quasi. Dabei steht die Mode gerade unübersehbar an einem Scheideweg und damit auch vor der Möglichkeit, überholte Strukturen aufzubrechen und sich von ihrer toxischen Schnelllebigkeit zu verabschieden. Freilich kann dies nur Schritt für Schritt und - vor allem - nur im Kollektiv gelingen. Konträr zum großen Individualisierungs-Trend der vergangenen Saisons rückt damit wieder Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Das Bündeln von Stärken kann nun ein kraftvoller Antrieb nach vorne sein. 

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