Wöhrl flüchtet unter Schutzschirm

Wöhrl flüchtet unter Schutzschirm

WÖHRL

Angesichts wachsender Verluste hat das Nürnberger Traditionsunternehmen Rudolf Wöhrl AG beim Amtsgericht den Antrag auf Eröffnung eines Schutzschirmverfahrens nach der deutschen Insolvenzordnung gestellt.

Dieses Verfahren bietet Unternehmen die Möglichkeit, bei absehbarer Zahlungsunfähigkeit in Eigenregie ein Rettungskonzept zu erarbeiten. Dabei stellt das Gericht dem Vorstand einen Sachwalter zur Seite. Im Falle Wöhrls ist das Christian Gerloff, der bereits als Insolvenzverwalter von Escada und Rena Lange fungiert hatte. In einer ersten Stellungnahme kritisierte Gerloff die Übernahme des insolventen Mitbewerbers SinnLeffers durch Wöhrl im Jahr 2013 als einen der entscheidenden Fehler. »Das ist in vielen Branchen der richtige Ansatz, durch Größe zu wachsen, um am Markt zu bestehen«, so Gerloff. Seiner Meinung nach gebe es in der Mode-Branche jedoch eine entgegengesetzte Entwicklung: »Alle Großen haben Probleme.« Nur die kleineren Anbieter, die »vor Ort verankert sind, ihre Kundschaft und den Bedarf kennen«, überlebten. Von den 34 Filialen in Süd- und Ostdeutschland müssen nach Gerloffs Einschätzung 6 bis 10 Häuser geschlossen werden. Laut TextilWirtschaft ist Wöhrl derzeit der viertgrößte Multilabelhändler Deutschlands. Im Geschäftsjahr 2014/15 (per 31. 7.) war bei einem Umsatz von 316 Mio. € (- 5 %) ein Verlust von 1 Mio. € erzielt worden, das soeben abgeschlossene Geschäftsjahr soll deutlich schlechter verlaufen sein.

Investorensuche läuft

Neben der eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen, die auch eine Verkleinerung der Hauptverwaltung umfasst, macht sich das Unternehmen auf die Suche nach einem strategischen Investor. Die Familie Wöhrl habe ihre Bereitschaft bekundet, sich auch auf die Rolle eines Minderheitsgesellschafters zurückzuziehen, heißt es in der Mitteilung. Der bisherige Vorstandsvorsitzende und Enkel des Firmengründers, Olivier Wöhrl, hat sich bereits auf den neu geschaffenen Posten des Chief Strategic Officer zurückgezogen, der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Andreas Mach wurde zum neuen Vorstandschef ernannt. Dieser will auch nach vorne schauen. So sollen die Multi-Channel-Angebote ausgebaut werden, und auch das Sortiment müsse attraktiver werden, so Mach: »Wir müssen intelligenter und modischer einkaufen.«

Derzeit hohes Insolvenzrisiko

Wöhrl ist mit seinen Problemen nicht allein. Der Deutschland-Chef des Kreditversicherers Euler Hermes warnte erst kürzlich, das Insolvenzrisiko sei zuletzt in der deutschen Textilbranche »besonders stark« gestiegen. Die Zahl der selbstständigen Textilhändler hat sich seit der Jahrtausendwende auf aktuell rund 18.000 Unternehmen fast halbiert, schätzt der Bundesverband des deutschen Textilhandels (BTE). Im mittelständischen Modefachhandel sanken die Umsätze im ersten Halbjahr 2016 nach BTE-Angaben um durchschnittlich ein bis zwei Prozent – während die Online-Umsätze weiter steigen.
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