US-Studie: Handel braucht neue Spielregeln
US-Studie

Handel braucht neue Spielregeln

Konzepte wie Omnichannel, Personalisierung oder Nachhaltigkeit werden von den Trendforschern schon seit Jahren gepredigt, die Umsetzung diverser Empfehlungen erfolgte jedoch nur schleppend. Corona hat auch diese Prozesse beschleunight.

Seitdem weltweit die Rollbalken heruntergingen und sich der Handel von Lockdown zu Lockdown arbeiten musste, scheint die Zukunft angebrochen zu sein. Die zentrale Frage, die sich nun stellt, ist, welche Veränderungen uns auch post-Corona erhalten bleiben werden. RILA (Retail Industry Leaders Association), die US-amerikanische Interessensvertretung der Händler, hat nun gemeinsam mit McKinsey in einer Studie die wichtigsten Entwicklungen erhoben und Handlungsanweisungen formuliert.

Alles digital

Eine zentrale Verschiebung ist wohl jene hin zu mehr Digitalisierung, denn mittlerweile haben auch die vehementesten Technologie-Verweigerer begonnen, online zu shoppen. Aber nicht nur das: Ge- und verkauft wird auf jedem möglichen Kanal. Läden ohne digitale Schiene werden zukünftig wohl undenkbar sein. Solche hybriden Geschäftsmodelle inkludieren neben dem stationären Standort üblicherweise Webshop oder ein Click&Collect-Modell. In den USA, dem Mutterland des Drive-in, ist man hier aber auch schon wieder eine Reifenlänge voraus: Dort hat sich in den vergangenen Monaten »Curbside shopping« etabliert. Kunden bestellen, fahren zum Laden, müssen aber nicht mehr hineingehen, sondern bekommen ihre Einkäufe direkt in den Kofferraum gestellt. Mancherorts wurde das noch um Services wie Umkleidekabinen auf dem Parkplatz erweitert.

»Viele Kunden, die bisher keine großen Fans von Online waren, haben ihre Liebe zu dieser Art von Convenience entdeckt – und die wird wohl bleiben,« erklärt einer der Studienautoren, Sajal Kohli von McKinsey. Die erhobenen Daten zeigen, dass der Handel nach der Pandemie von einer Steigerung zwischen 25 und 40 % ausgeht. Das bedeutet für die Retailer aber auch eine Reihe von Investitionen und eine Umgestaltung des POS in Full-Service-Stationen. Aber obwohl einige der Handelsgiganten – wie beispielsweise Walmart – bereits Milliarden in ihre digitale Fitness gesteckt haben, verschieben viele andere den Schritt zum Mulitichannel-Retailer immer noch. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: zu wenig Kapital, organisatorische Trägheit oder beides. Da sich die Verkäufe aber immer mehr ins Netz verschieben, könnte sich zumindest das Finanzierungsproblem für manche bald lösen. Click&Collect-Modelle seien hier besonders günstig, da Versandkosten entfallen und der Kunde die letzte, teure Meile selber übernimmt.
Der zweite Schlüsseltrend, den Experten bereits seit Jahren trommeln, der bisher aber nicht ganz aus den Startlöchern gekommen ist, ist die Nachhaltigkeit. Seit dem Ausbruch der Pandemie stehen zunehmend Fragen zu Umwelt, Gesellschaft und Regierungspolitik im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. »Die Pandemie war nicht das einzige, was letztes Jahr passiert ist,« gibt RILA Präsident Brian Dodge zu bedenken. Aus US-amerikanischer Sicht stießen auch die tragischen Vorfälle, die zur »Black Lives Matter«-Bewegung geführt haben oder die Präsidentschaftswahl Entwicklungen an – auch im Handel. Laut Studie sei die Generation Z eher bereit, mehr für Produkte, die ihre Werte unterstützen, zu zahlen. 80 % würden sich weigern, Produkte von Unternehmen, die in öffentliche Skandale verwickelt waren, zu kaufen. Einige der Handlungsanweisungen, die man in der Studie entwickelt hätte, stünden würden sich jedoch widersprechen, so Dodge, wie beispielsweise die Forderung nach schnelleren Lieferungen und gleichzeitig der Fokus auf umweltfreundliche Praktiken. Auch empfiehlt die RILA-Studie, auf Zeitarbeitskräfte zurückzugreifen – ein Arbeitsmodell, das erhöhte wirtschaftliche Unsicherheit für die betroffenen Menschen bedeutet. Allerdings wird daraus hingewiesen, dass »solche eine Flexibilität Risiken in sich trägt, etwa eine Aushöhlung der Brand-Identität und der Unternehmenskultur, aber auch rechtliche Probleme und eine uneinheitliche Customer-Experience«.

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