Tracht trauert der Wiesn nach
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Das Wiesn-Aus bedeutet den GAU für die Trachtenhersteller ebenso wie die Absagen von Hochzeiten und Familienfeiern. Wie gehen die heimischen Produzenten mit der Entwicklung um?

„Es ist eine Katastrophe,“ bringt Julia Buchfink, Geschäftsführerin des oberösterreichischen Trachtenexperten Wenger die Stimmung auf den Punkt. „Viele unserer Händler im bayrischen Raum sind von den Festen wie Wiesn, Gäubodenfest und diversen Dulten abhängig. Viele versuchen Ware zu stornieren, die schon produziert oder in Produktion ist.“ Besonders weh tue ihr allerdings auch, dass Familienfeste nicht erlaubt sind: „Gerade zu Firmungen, Taufen, Erstkommunionen und Hochzeiten wird gerne Tracht getragen, dieses Geschäft fehlt unseren Kunden jetzt.“ Insgesamt rechnet Buchfink mit einem Verlust von etwa  30 Prozent des Umsatzes im Vergleich zum Vorjahr: „Im nächsten Jahr vermutlich noch mehr, weil unsere Kunden nicht ordern können, wenn ihre Lager noch voll sind. Es wird zu Forderungsausfällen kommen und ich habe Angst, dass nach der Kurzarbeit eine weitere Kündigungswelle im Textilhandel kommen wird.“ Die Kollektion für Frühjahr/Sommer 2021 werde man vermutlich erst zu einem späteren Zeitpunkt präsentieren: „Man muss den Händlern die Möglichkeit geben, einen Teil der Ware abzuverkaufen.“ Als Strategie in der Krise hat Wenger nun den ersten Online-Dirndlmarktplatz Österreichs eröffnet und verkauft für die Händler Dirndl online: „Wir wickeln dabei alles ab und unsere Kunden erhalten die Handelsspanne. Anfang Mai werden wir hier die ersten Gutschriften für unsere Kunden ausstellen können.“

Masken als Alternativ-Programm
Auch hat man vor einem Monat die Produktion auf Mund-Nasen-Masken umgestellt: „Diese verkaufen wir an unsere Händler, Firmen in der Region und auch online an Endverbraucher.
Wir versuchen kreativ durch die Krise zu kommen und unseren Optimismus nicht zu verlieren, auch wenn wir täglich mit neuen Schreckensmeldungen konfrontiert sind.“
Tostmann, das Traditionsunternehmen aus Seewalchen setzt in der Krise ebenfalls auf dieses Alternativ-Programm: „Wir haben bereits in der ersten Woche nach dem Shutdown begonnen für einen österreichischen Hersteller von medizinischer Schutzkleidung Schutzmasken zu nähen,“ erklärt Anna Tostmann. „Das tun wir als Lohnbetrieb und es ist wohl gerade einmal kostendeckend. Aber es bedeutet Beschäftigung und weniger Kurzarbeit für den Staat.“ Ein positiver Nebeneffekt sei, dass man sich ein gutes Know-How bei der Fertigung von Schutzmasken aneignen konnte: „Als die Maskenpflicht für Privatpersonen aufkam, konnten wir auch diese sehr schnell versorgen. Dafür haben wir einen kleinen Onlineshop erstellt und können innerhalb von zwei Werktagen versenden. Das ist eben der große Vorteil einer eigenen Produktion im Haus“ Das Wiesn-Aus trifft das Unternehmen dennoch hart: „Auch wenn wir damit gerechnet haben, war es dann doch nochmal ein Schock. Hochzeiten, Oktoberfeste oder Kirtage, das alles sind sehr wichtige Anlässe für uns.“ Die kommenden Monate sieht Tostmann als Herausforderung: „Einerseits sind die Menschen sicherlich bereit, heimische Unternehmen mit Produktion in Österreich, zu unterstützen, aber natürlich hat Corona alle Menschen in irgendeiner Form betroffen. Da ist die Stimmung gedämpft und die Lust shoppen zu gehen wahrscheinlich auch. Und es fehlen eben die vielen Anlässe, um Dirndl und Co. auszuführen. Die Öffnung der Geschäfte" bedeutet nicht gleichzeitig, dass es weiter geht, wie vor Corona.“

Hoffnung Heimaturlaub
Ein Hoffnungsschimmer für die Branche ist das erzwungene geänderte Reiseverhalten im kommenden Sommer: „Dass die Österreicher wohl im Sommer hauptsächlich im Land bleiben, könnte eine Hilfe sein, aber jetzt ist es zu früh zu sagen, wie es wird.“
Auch Maximilian Gössl setzt ein gewisses Maß an Hoffnung auf den heimischen Tourismus: „Der Urlaub zuhause wird eine Renaissance erleben. Das könnte uns zugutekommen.“ Allerdings sei die Frage, wie sich der Freizeitsektor insgesamt weiterentwickle. Auch das Hochfahren der Gastronomie sei ein Indikator: „Wir werden sehen, ob die Leute wieder fortgehen und sich dann auch neu einkleiden.“ Jedenfalls sei er optimistisch, dass die Kauflaune wieder kommen werde, auch, wenn dann nicht alles kompensiert werden könne: „Anlassmode ist ein wichtiges Standbein für unsere Branche. Eine Hochzeit wird vermutlich nachgeholt werden, aber nicht jede Veranstaltung wird verspätet stattfinden.“ Die Absage des Oktoberfestes und der vielen anderen Volksfeste bedeute jedenfalls den Verlust eines gewichtigen Umsatzbringers: „Es wird sich zeigen, wie groß der Anteil ist, aber sicher ein Brocken. Es fällt aber seit Anfang März sehr viel weg – die ganze Frühjahrs- und Sommersaison wird schleppend laufen.“ Für die Branche stünden in den kommenden Monaten die Umsätze und die Fixkosten kaum in Relation: „Wir müssen versuchen da gegenzusteuern und irgendwie durchzutauchen, aber wir haben Gottlob sehr viele gute und treue Stammkunden, die unsere Mode tagein, tagaus tragen. Das hilft, ein nicht-stattfindendes Oktoberfest zu verdauen.“ Und auch Maximilian Gössl zeigt sich optimistisch und vertraut auf die Qualität und Zeitlosigkeit seiner Mode: „Die Geschichte zeigt, dass Tracht nach einer Krise immer einen Aufschwung erlebt hat.“

Bewährte Klassiker
Die Tatsache, dass ihr Produkt klassisch und hochwertig ist, sehen die Produzenten als Ass in der aktuellen Krise: „Ich hoffe die Kunden kaufen wieder verstärkt in Österreich und entwickeln ein Bewusstsein für österreichische Waren. Falls dies geschieht, haben wir eine realistische Chance als Trachtenbranche die Krise zu überstehen,“ meint etwa Julia Buchfink vorsichtig optimistisch.
 „Ich denke, dass die Konsumenten ihr Einkaufsverhalten ändern werden,“ ist auch Helmut Schramke vom Grazer Edel-Label Mothwurf überzeugt. „Das könnte uns zum Vorteil gereichen: Man wird wieder mehr auf Regionalität und hohe Qualität setzen.“ Die Absage des Oktoberfestes trifft Schramke nicht im selben Ausmaß wie andere Hersteller: „ Wir sind nicht auf diese Volksfeste ausgerichtet. Was uns weit mehr wehtut, ist die Absage der Salzburger Festspiele oder von privaten Feiern wie Hochzeiten oder Taufen. Aber natürlich wird uns auch das Aus der Wiesn betreffen.“ Generell sei der Trachtenbereich von Anlässen getrieben: „Der Auslöser, um sich eine neue Tracht zu kaufen, ist in den meisten Fällen eine Einladung zu einem Fest oder einer Veranstaltung.“ Was ebenfalls bitter sei, seien die abgesagten Messen: „Das ist unsere Möglichkeit, mit Großabnehmern zusammenzutreffen.“
In der momentanen Situation sei für Schramke das Wichtigste, zu den Mitarbeitern zu stehen: Wir machen Kurzarbeit so weit wie möglich. Aber wir produzieren und liefern ganz normal aus. Zum Zeitpunkt des Shutdown konnten wir ja keine Stornos mehr durchführen.“ Dennoch hoffe er, auf keiner Ware oder offenen Rechnungen sitzenzubleiben: „Wir haben aber sehr gute, freundschaftliche Verbindungen zu unseren Partnern.“
Was die kommenden Monate bringen werden? „Da bräuchte man eine Glaskugel. Momentan hanteln wir uns von Woche zu Woche.“ Manche Produzenten würden heuer wohl keine kompletten Kollektionen mehr anbieten, sondern nur Auffrischungen machen. Zentral sei aber, sich keine Preisschlachten zu liefern, um die Lager leer zu bekommen: „Liquidität nützt gar nichts, wenn keine Rentabilität gegeben ist,“ so Schramkes Überzeugung. Eigentlich bräuchte der gesamte Modehandel fixe Regeln für den Abverkauf, denn: „Das schlimmste Gift für die Wirtschaft ist Unsicherheit.“

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