»Schleunigst mit Lieferanten, Banken und Verm...

»Schleunigst mit Lieferanten, Banken und Vermietern sprechen«

Foto Weinwurm
Günther Rossmanith, Berufszweigobmann Mode im Wiener Landesgremium und Mitglied im sozialpolitischen Ausschuss der Sparte Handel in der WKO
Günther Rossmanith, Berufszweigobmann Mode im Wiener Landesgremium und Mitglied im sozialpolitischen Ausschuss der Sparte Handel in der WKO

Günther Rossmanith, Sprecher des Wiener Modehandels, gibt Auskunft zu den dringlichsten Maßnahmen angesichts der Corona-Krise.

Günther Rossmanith ist mit seinem Unternehmen Franchisenehmer von Mango. Er ist gleichzeitig Berufszweigobmann Mode im Wiener Landesgremium und Mitglied im sozialpolitischen Ausschuss der Sparte Handel in der WKO und als solcher führend in die Sozialpartnerverhandlungen eingebunden.

Was sind in der heutigen Situation die drängendsten Probleme der Branche?

Ich sehe drei große Themen: Zuerst einmal die Finanzierung des Warenlagers. Die Frühjahrs-Kollektion ist ja komplett in den Shops und zum überwiegenden Großteil auch schon bezahlt, in der Regel fremdfinanziert. Zweitens die Mitarbeiter. Hier muss man abwägen zwischen den Kosten und der Verantwortung gegenüber seinem Unternehmen, der Verantwortung für seinen Mitarbeiter und auch gegenüber der Gesellschaft. Und drittens das Thema Mieten. Das ist je nach Lage des Geschäfts ebenfalls ein riesiger Kostenfaktor. In Top-Lagen beträgt die Miete ja teilweise bis zu 15 % vom Umsatz.

Der Reihe nach: Wie beurteilen Sie das Entgegenkommen der Lieferanten, was die Zahlungsziele und die Lieferthematik anbelangt?

Viele verhalten sich sehr kulant. Doch teilweise hören wird immer noch von Marken, die darauf besten, dass die Ware angenommen und auch bezahlt werden muss. Teilweise wird dafür ein zusätzlicher Skonto oder ähnliches angeboten, manche bestehen sogar immer noch auf dem vollen Preis.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Schließungen länger dauern werden und dass die Frühjahrs-/Sommer-Sortimente bei Wiedereröffnung der Geschäfte faktisch Altware sein werden. Da wird es zu einem enormen Preiskampf am Markt kommen. Deshalb muss es hier von Lieferantenseite deutlich partnerschaftlichere Lösungen geben. Wenn die Händler reihenweise Pleite gehen, haben sie auch nichts davon. Als Einzelhandelsvertreter fordern wir deshalb nicht nur Stundungen, sondern deutliche Rabatte auf die gesamte Frühjahr-/Sommer-Ware.

Zum Thema Finanzierung gehören auch die Banken. Anfang dieser Woche gab es eine gemeinsame Pressekonferenz mit Finanzminister Gernot Blümel und Spitzenvertretern der heimischen Bankenlandschaft. Da wurde verkündet, die Banken seien mit im Boot, würden Kreditlinien verlängern und Rückzahlungen stunden. Gibt es hierzu schon Details?

Ich kann nur jedem Unternehmer raten, dass er schleunigst mit seiner Hausbank spricht. Für die Abwicklung der Förderungen wird das AWS (Austria Wirtschaftsservice) zuständig sein, der Kontakt läuft aber großteils über die Hausbank. Den Modehandel hat es hier vom Saisonverlauf her wirklich an einer sehr ungünstigen Stelle erwischt: Wir befinden uns gerade an einem Punkt mit dem höchsten Finanzbedarf. Deshalb sind sehr viele Modehändler sehr nervös.

Zu den Mitarbeitern: Wie gehen Sie in Ihrem eigenen Unternehmen vor?

Wir haben uns nach den gestern Abend präsentierten Neuerungen für die Corona-Kurzarbeit entschieden. Das haben auch alle Mitarbeiterinnen angenommen. Die Abwicklung ist wirklich sehr einfach, wir haben das formlos mittels WhatsApp-Zusagen und Email gemacht. Ausgenommen sind die Mitarbeiterinnen in der Administration, die brauche ich nach wie vor, derzeit sogar verstärkt. Es ist ja trotz Schließung der Filialen sehr viel zu tun. Bei unseren Geringfügigen Mitarbeiterinnen haben wir eine einvernehmliche Auflösung mit Wiedereinstellungszusage gewählt. Für diese Gruppe ist die Corona-Kurzarbeit nicht durch das AMS förderbar.

Ist das Modell der Corona-Kurzarbeit nach den letzten Verbesserungen nun für alle Unternehmen in unserer Branche zu empfehlen?

Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Aber meiner Meinung nach ist es die beste Variante. Kündigungen sehe ich als keine Alternative, alleine schon durch die langen Kündigungsfristen. Das Modell der einvernehmlichen Auflösung mit Wiedereinstellungszusage haben auch viele Händler gewählt, vor allem aufgrund der großen Verunsicherung in den ersten Tagen. Deshalb gab es innerhalb von drei Tagen auch 74.000 neue Arbeitslose. Die Corona-Kurzarbeit ist ein Modell, das man sehr individuell an die Bedürfnisse seines eigenen Unternehmens anpassen kann, und es bleiben fast keine Kosten beim Unternehmer. Ein Riesenvorteil ist, dass ich die Mitarbeiter von heute auf morgen wieder ins Geschäft rufen kann, wenn wir wieder aufsperren dürfen.

Bei den Mieten gibt es den Rechtsstandpunkt, dass man als Händler derzeit eigentlich gar keine Miete zahlen müsste.

Im Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch ist geregelt, dass der Mietzins entfällt, wenn ein Objekt aufgrund außerordentlicher Zufälle nicht benutzt werden kann. Dazu gehören auch elementare Ereignisse wie die Corona-Epidemie. Es kann in jedem Mietvertrag aber auch etwas anderes vereinbart sein. Darum herrscht in diesem Punkt große Unsicherheit. Es wäre schön, wenn die Regierung auch hier eine klare Regelung treffen würde. Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, als ob es hier wohl zu jahrelangen Gerichtsverfahren kommen wird. Die Situation ist natürlich auch für die Immobilieneigentümer nicht wünschenswert. Aus meiner Sicht ist jedem Unternehmer dringend anzuraten, mit dem Vermieter Kontakt aufzunehmen, auf die Situation hinzuweisen und die Miete nur noch unter Vorbehalt zu bezahlen. Also einen Brief zu schreiben, in dem man sich auf den entsprechenden Paragraphen im AGB beruft. Im Nachhinein wird eine eine Minderung oder gar eine Auf-Null-Setzung schwierig sein.

Vorerst wurden die Geschäftsschließungen nur für diese Woche anberaumt. Derzeit sieht es aber nicht nach Entwarnung aus. Worauf sollte man sich als Händler einstellen?

Man muss ja nur den Regierungsspitzen zuhören. Davon, dass wir am Montag aufsperren können, geht heute niemand aus. Es wird länger dauern. Nicht Wochen, sondern Monate.

Derzeit ist die Nachfrage im Keller, es hat in dieser Situation niemand wirklich Bedarf an Bekleidung. Aber was passiert, wenn diese Situation länger dauert? Der Online-Handel darf ja weiter verkaufen.

Wenn diese Phase länger andauert, und das wird sie wahrscheinlich, werden die Konsumenten sicherlich einmal wieder etwas brauchen. Da besteht tatsächlich die Gefahr, dass auch jene Konsumenten, die bisher dem stationären Handel die Treue gehalten haben, zu Onlinekunden werden.

Wobei ja jeder stationäre Händler theoretisch auch online verkaufen dürfte? Die Unternehmen sind ja nicht geschlossen, es ist nur der direkte Kundenkontakt verboten.

Theoretisch ja. Untersagt ist nur, dass Kunden das Geschäftslokal betreten. Es darf auch jeder Händler weiterhin Packerl zur Post bringen oder selbst zustellen. Hier sind klar jene stationären Händler im Vorteil, die bisher schon einen Online-Shop betrieben. Denn es wird sehr schwer sein, innerhalb von ein paar Wochen einen neuen Online-Shop hochzuziehen. Aber versuchen kann und soll man als Unternehmer natürlich alles. Wenn jemand in der derzeitigen Situation die freien Kapazitäten hat.

Einen Überblick über die Hilfsmaßnahmen finden Sie hier. Details zur Corona-Kurzarbeit hier.

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