Retail im Zeitalter von Corona

Retail im Zeitalter von Corona

Handelsverband
Dr. Roman Schwarzenecker, Generalsekretär ACSC und Geschäftsführer Standort + Markt
Dr. Roman Schwarzenecker, Generalsekretär ACSC und Geschäftsführer Standort + Markt

Dass die österreichische »Corona-Hymne« »I am from Austria« auch auf die Situation im Handel umgemünzt werden kann, zeigt ein Kommentar von Roman Schwarzenecker, Generalsekretär des Shop-ping-Center-Verbands ACSC und Gesellschafter von Standort + Markt.

Dei hohe Zeit ist lang vorüber/und a die Höll´ hast hinter dir.

Tatsächlich scheint die Zeit des stationären Einzelhandels sich einem Wendepunkt zu nähern. Während in den letzten Jahrzehnten der Handel, befeuert durch steigende Konsumausgaben, fröhliche Urständ feierte und teilweise eindrucksvolle Pilgerhallen (= Einkaufszentren) errichtete, bremste sich die Entwicklung in den letzten Jahren bereits deutlich ein und könnte Corona-bedingt nun ganz abreißen.

Die E-Commerce-Revolution wurde oftmals dramatisiert, verlief bisher alles in allem eher sanft. Wurde bisher ein Marktanteil von erst etwas mehr als 10 % erobert, könnte der Online-Handel nun tatsächlich rasch den stationären Handel verdrängen. Disruption heißt das diesbezügliche Modewort. Derzeit ist, vom schwieriger gewordenen grenzüberschreitenden Warenverkehr mal abgesehen, das Schlaraffenland für E-Commerce ausgebrochen: kein Verkehr auf den Straßen und alle sind daheim – was gibt es besseres? Die einzige gute Nachricht für den stationären Handel ist, dass die »Internetler« ihre Chance nur bedingt nutzen: Wenn man online Lebensmittel bestellen will, gibt es entweder gar kein Lieferfenster oder eines in 14 Tagen. Da wird wohl buchstäblich die Milch schon sauer geworden sein. Und ein passendes Ostergeschenk zu bestellen war das bei einem großen Internet-Konzern schon mehr als drei Wochen vor dem Fest nicht mehr möglich. So mancher E-Commerce-Betrieb spricht sogar von rückläufigen Umsätzen.

Von Ruhm und Glanz ist wenig über.

Derzeit ist ja noch alles in Takt. Die Geschäftsstraßen sind mit Shops besetzt, die Einkaufszentren erstrahlen – aber das war vor dem Shutdown. Sollten nun zwar die Geschäftsbetreiber vom Staat unterstützt werden, diese Unterstützung aber nicht an die Vermieter fließen, dann wird es wohl für diese schwierig werden. In Österreich herrscht immer noch der Glauben vor, dass jeder, der ein Objekt vermietet, steinreich ist. Doch das ist eine Mär. Viele Geschäfte insbesondere in Geschäftsstraßen sind von Privatpersonen an die jeweiligen Shops vermietet und auch im gewerblichen Bereich sind das Gros der Vermieter nicht internationale Turbokapitalisten sondern kleinere Unternehmen, die zudem noch Bankverbindlichkeiten zu bedienen haben. Sollte man diesen nun nicht helfen, wird sich das Virus durch die geschlossenen Geschäfte bis zu den Banken durchfressen und auch diese ins Wanken bringen.

Sag mir: Wer zieht noch den Hut vor Dir?

Es gab zwar eine Zeit, in der Kaufleute zur Upperclass gezählt haben, die Herzen der Gesellschaft flogen ihnen aber in den seltensten Fällen zu. Auch die Aufhebung des Epidemiegesetzes (das Entschädigungen für den erlittenen Umsatzentgang bei verordneten Geschäftsschließungen vorgesehen hätte; Anm.) zeigt, dass die Handelszunft zumindest zum Teil mit diesem Problem selbst fertig werden muss. Ich bin ein juristischer Laie, frage mich aber: Wie kann ein Gesetz, das für einen Grund besteht, dann aufgehoben werden, wenn genau dieser Grund eintritt, für den es gebraucht wird? Das Vorgehen wurde damit erklärt, dass das Gesetz ja schon so alt ist und daher überarbeitet werden muss. Da kann nur entgegnet werden: Die Schulpflicht gibt es seit Maria Theresia, und die ist immer noch aufrecht.

Die Bewältigung der Corona-Krise kann wohl nur in einem Miteinander funktionieren. Jeder wird wohl einen Teil der Einbußen auf sich nehmen müssen, um die Umsatzverluste gemeinsam zu (er)tragen. Das sensible ökonomische Gleichgewicht zwischen Produzent – Lieferant – Händler – Vermieter – Kunde und Staat muss aufrecht erhalten bleiben, ganz nach dem Motto:

I steh zu Dir bei Licht und Schatten, jederzeit!

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