KV-Einigung: „Gewinner ist der Finanzminister...
KV-Einigung

„Gewinner ist der Finanzminister“

Moni Fellner
Günther Rossmanith, , Obmann des Landesgremiums des Einzelhandels mit Mode und Freizeitartikeln in der Wirtschaftskammer Wien und der WKO
Günther Rossmanith, , Obmann des Landesgremiums des Einzelhandels mit Mode und Freizeitartikeln in der Wirtschaftskammer Wien und der WKO

Die Gehälter im Handel steigen 2023 um gut 7 %. Günther Rossmanith, Branchensprecher des Modehandels, sieht das Ausschlagen des Angebots einer steuerfreien Teuerungsprämie durch die Gewerkschaft als vertane Chance.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben sich auf einen neuen Kollektivvertrag für die 430.000 Beschäftigten und die Lehrlinge im Handel geeinigt. Die Gehälter und Lehrlingsentschädigungen steigen um mindestens 7 % bzw. mindestens 145 Euro brutto monatlich. Die Arbeitgeber errechnen eine durchschnittliche Erhöhung um 7,19 %, die Gewerkschaft spricht von durchschnittlich 7,31 % mehr Gehalt.

Die Arbeitgeber-Verhandler hatten bis zum Schluss der Verhandlungen versucht, der Gewerkschaft das Modell der steuerfreien Teuerungsprämie schmackhaft zu machen. Doch die Steuerzuckerl für Einmalzahlungen schmeckten den Gewerkschaften nicht.

In der fünften Verhandlungsrunde legten die Arbeitgeber zwei Varianten vor: Variante 1 sah eine Erhöhung der KV-Tafel um 5 % plus einer steuerfreien Prämie von 3 % vor, Variante 2 die lineare Erhöhung um 7 %. Rainer Trefelik, Chefverhandler und Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ): „Die Gewerkschaft hat sich für die lineare Erhöhung entschieden. Das ist aus unserer Sicht bedauerlich, denn das andere Modell hätte unterm Strich mehr gebracht und außerdem aufgrund der Steuerbefreiung einen enormen Nettovorteil für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet, in vielen Fällen sogar noch heuer. Im Durchschnitt hätte die Prämie rund 1.000 Euro netto betragen", so Trefelik.

Vergebene Chance der Teuerungsprämie

Auch Günther Rossmanith, Branchensprecher des Modehandels in der WKO, bedauert im Gespräch mit der Textilzeitung: „Wir sehen das als vertane Chance. Die Mitarbeiter hätten von deutlich mehr Gehalt profitiert, und auch die Arbeitgeber – denn die Prämie hätte keine Lohnnebenkosten ausgelöst. Bei der jetzigen Einigung sehen wir vor allem den Finanzminister als Gewinner, nicht die Handelsbediensteten.“

„Für uns war es sehr wichtig, dass wir einen dauerhaft wirksamen Gehaltsabschluss über der zugrunde gelegten Inflationsrate für alle und eine stärkere Anhebung der unteren Gehaltsgruppen erreichen konnten. Eine Einmalzahlung wäre auf Perspektive ein riesiges Verlustgeschäft für die Beschäftigten gewesen“, kontert die Gewerkschafts-Chefverhandlerin Helga Fichtinger.

„Wichtige Investition in die Zukunft“

Mit der nunmehrigen Einigung wird das Einstiegsgehalt von derzeit 1.800 Euro auf 1.945 Euro im Monat angehoben. Das Lehrlingseinkommen steigt im ersten Lehrjahr auf 800 Euro, im zweiten auf 1.025 Euro, im dritten Lehrjahr auf 1.300 Euro und im vierten Jahr auf 1.350 Euro. „Das macht die Lehre im heimischen Handel sehr attraktiv und bedeutet unterm Strich eine Erhöhung um fast 9 % für unsere Lehrlinge. Das sehen wir als wichtige Investition in die Zukunft des Handels“, sagt Trefelik.

Nicht aufgegangen war auch der Wunsch der Arbeitgeber, dass die Hilfsprogramme der Regierung gegen die stark steigende Teuerung bei den KV-Runden mit berücksichtigt werden.

Doch blieb der Handels-Abschluss unter dem oft als maßgeblich betrachteten Abschluss der Metaller, die sich auf ein Plus von durchschnittlich 7,44 % geeinigt hatten. Und auch andere Branchen liegen mit ihren Abschlüssen teils deutlich über denen des Handels. Günther Rossmanith begründet das einerseits mit der ohnehin erst Anfang 2022 in Kraft getretenen Neustrukturierung des Handels-KVs, der für die unteren Gehaltsstufen eine deutliche Erhöhung gebracht hatte. Andererseits weist er auf die vielfachen Belastungen hin, denen besonders der Handel zuletzt ausgesetzt war. „Wir mussten in den letzten zwei Jahren 160 Lockdown-Tage verkraften, dann die G2-Kontrollen. Das Oster- und das Weihnachtsgeschäft war zwei Mal in Folge stark beeinträchtigt. Und jetzt trifft uns die Kostenwelle voll. Manchen Geschäften wurde heuer schon zwei Mal die Miete erhöht, dazu der enorme Anstieg der Energiepreise. Die Situation ist für viele unserer Unternehmen sehr herausfordernd.“

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