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Interview mit WIFO-Chef Gabriel Felbermayr

»Alles muss auf die Bewältigung der Energiekrise ausgerichtet werden«

Cash/Markus Wache

Im ÖTZ-Interview mit WIFO-Chef Gabriel Felbermayr geht es statt nur um die Pandemie plötzlich um Gaslieferungen, unerwartete Kehrtwendungen sowie heilige Kühe und eine drohende Stagflation.


Als wir uns den Termin für dieses Interview ausgemacht haben, dachte ich, wir reden über die Folgen oder Nichtfolgen der Pandemie für die österreichische Wirtschaft. Und jetzt ist die Pandemie von einem Krieg vor der Haustür abgelöst worden.

Es ist von ähnlicher Struktur. Beides ist wie eine Naturkatastrophe von außen hereingebrochen. Weder der Krieg noch die Pandemie sind in Österreich hausgemacht. Insofern gibt es da schon Parallelitäten. Sollten sich die Dinge für die Unternehmen zuspitzen – sei es durch die westliche Sanktionspolitik oder durch Gegensanktionen – wenn kein Gas mehr fließen sollte, dann hätten wir in vielen Branchen Schwierigkeiten bis hin zu Produktionsausfällen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit jenen Problemen haben, die damals durch die behördlichen Schließungen verursacht worden sind. Wenn ein Industriebetrieb nicht arbeiten kann, weil kein Gas mehr da ist, dann wird man das mit Kurzarbeit adressieren müssen – genauso wie 2020 bei Austrian Airlines, als keine Flüge mehr stattfinden durften.

Rechnen Sie damit, dass kein Gas mehr fließt?
Haben wir mit dem Krieg gerechnet? Jetzt fließt noch Gas, aber es gibt schon Stimmen, die fragen, was wir tun, wenn Putin den Krieg in der Ukraine noch weiter eskaliert. Wenn Putin mit den Gas-Euros in der Ukraine Gräueltaten anrichten lässt, dann kann man politisch kaum sagen: egal, wir brauchen das Gas. Zumal es  Alternativen gibt, die Russen haben ja kein Gas-Monopol.

Aber wie schnell kann man die aktivieren?
Das hängt sehr an uns. So wie wir in der Vergangenheit vorgegangen sind, können wir nicht weitermachen. Wir haben die Nabucco-Pipeline, die Gas aus dem kaspischen Meer ins Burgenland bringen sollte, nicht ausgebaut. Nord Stream 2 hingegen wurde gebaut … Es rächt sich halt, dass man in der Vergangenheit recht blauäugig war, daher ist ein schneller Umbau des Energiesystems nicht leicht. Allerdings: Wenn der Druck sehr groß ist, wird man das Eine oder Andere beschleunigen können. Die Deutschen sind in derselben Situation. Man muss sich schon verwundert die Augen reiben, was an einem Wochenende möglich ist. Eine rot-grüne-liberale Regierung stattet die Bundeswehr mit zusätzlichen 100 Milliarden Euro aus. Wenn der grüne Umwelt- und Klimaminister von der Laufzeitverlängerung bei Atomkraftwerken spricht, und in den Raum gestellt wird, dass der Ausstieg aus der Kohleenergie so nicht klappen wird, das sind schon ordentliche U-Turns. Alles muss nun auf die Bewältigung der Energiekrise ausgerichtet werden.

Welche heiligen Kühe könnte man noch schlachten?
Eine heilige Kuh sollte man mindestens auf ein Kalb schrumpfen – die überbordenden Genehmigungsverfahren. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland dauert die Errichtung der erneuerbaren Energien einfach unglaublich lang. Die Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) hat vor 12 Jahren im Kaunertal ein Kraftwerksmodernisierungsprojekt eingereicht, das noch immer nicht genehmigt ist.

Das könnte ja auch über Nacht gehen?
Wenn die Dringlichkeit so groß ist, dass uns das Licht ausgeht, werden wir die Energiewende zumindest dort, wo wir die Möglichkeit haben, beschleunigen können. Es könnte auch passieren, dass Putin kein Gas mehr liefern will, weil er mit den Gas-Euros nichts anfangen kann. Die Frage ist nämlich, inwieweit angesichts der Sanktionen gegen die Zentralbank Deviseneinnahmen für Russland überhaupt noch nützlich sind. Da sind wir jetzt echt in einer schwierigen Lage.

„Es könnte auch passieren, dass Putin kein Gas mehr liefern will, weil er mit den Gas-Euros nichts anfangen kann.“
Gabriel Felbermayr, WIFO-Chef

Aber die Sanktionen sind wohl alternativlos? Oder hätte man damit besser nicht anfangen sollen?
Das ist keine ökonomische Frage, sondern eine politische. Als Ökonom kann ich sagen, dass diese Sanktionen massiv wirken. Wir haben 2017 begonnen, eine große Datenbank mit allen Sanktionen seit 1950 anzulegen. Tatsächlich würgen allumfassende Sanktionen den Handel mit diesen Ländern fast zur Gänze ab. Wenn eine große internationale Koalition auf dem Finanzmarkt scharfe Maßnahmen ergreift, dann betrifft es nicht nur den Handel zwischen zwei Ländern, sondern den gesamten Handel mit diesem Land, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

„Tatsächlich würgen allumfassende Sanktionen den Handel mit diesen Ländern fast zur Gänze ab.“
Gabriel Felbermayr, WIFO-Chef

Wie schnell wirken solche Sanktionen?
Wir haben gesehen, dass der Handel schon im ersten Jahr eines solchen Sanktionsregimes um 50 Prozent einbricht. Das kann dann bis 95 Prozent gehen, wenn es sich um vollständige Sanktionen handelt. Bei Russland hatten wir wegen der Krim schon weitgehende Sanktionen, aber keine vollständigen. Mit den Finanzmarkt-Sanktionen ist das Regime jetzt deutlich verbreitert worden. Was man jedoch nicht vergessen darf: Wenn die Sanktionen dazu führen, dass Russland etwa keine Medikamente mehr importieren kann, dann wird es auch da humanitäre Themen geben. Daher wird man sowohl in der Ukraine als auch in Russland ein Gegeninstrument einsetzen müssen, um die Bevölkerung vor dem Schlimmsten zu bewahren. Da wird man kreativ sein müssen, um sicherzustellen, dass diese Maßnahmen dann nicht doch zu einer Zustimmung der Bevölkerung zur von uns nicht gewollten Politik führen. 

Wie sieht es mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit Österreichs von Russland aus?
Auf der Exportseite sind es 2 Prozent, und umgekehrt sind es 2,5 Prozent. Das Handelsbilanzdefizit hängt stark vom Gas- und Ölpreis ab. Sieht man sich diese Zahlen an, dann ist das nicht viel. Doch beim Gas haben wir ein echtes Problem. Und auch bei bestimmten Metallen, die zur Weiterverarbeitung gebraucht werden.

Lebensmittelproduzenten in Österreich erzählen, dass sie jetzt schon ein riesiges Problem mit dem Weizenpreis haben, mit der Beschaffung von Schweinefleisch etc. Wie beurteilen Sie dabei die Auswirkungen auf die Inflation?
Schon vor der aktuellen Krise haben wir bemerkt, dass die Preise der Agrarrohstoffe weltweit steigen und haben uns gewundert, dass es in Österreich im Gegensatz zu Deutschland in den Supermärkten bis zum Jahreswechsel noch nicht zu Preiserhöhungen gekommen ist. Das wird nun vermutlich passieren. Die Ukraine ist das Land mit der größten Agrarfläche in Europa. Es gibt schon Stimmen, die vor Stagflation warnen: Inflation ohne Wirtschaftswachstum. Wobei wir da in Österreich etwas weiter davon entfernt sind, weil die Grunddynamik besser ist als in Deutschland.

Klingt sehr bedrohlich …
Vor allem weil es noch Risiken gibt, die wir nicht einschätzen können. Wenn Putin alle paar Tage die Alarmbereitschaft der Atomstreitkräfte erhöht, dann steigt die Verunsicherung weiter.

Was macht das mit den Konsumenten?
Die haben natürlich Angst, auch in Österreich. Die Verunsicherungen spürt man auch auf den Finanzmärkten. Psychologie, das ist ja bekannt, ist wichtig, und Unsicherheit ist schädlich für wirtschaftliche Dynamik, zum Beispiel, im Bereich der Investitionen, wo ja immer auch ein wenig Mut erforderlich ist. Und wenn in Österreich große Mengen an Flüchtlingen ankommen, mit ihren Erzählungen, dann wird das die Stimmung noch stärker bewegen. Dann ist das Geschehen nicht nur im Fernsehen, sondern wird sehr real.

Gibt es dafür schon Prognosen?
Am 25. März 2022 wird die nächste WIFO-Prognose präsentiert. Glauben Sie mir, es gibt einfachere Aufgaben als die aktuellen Entwicklungen vorherzusehen.

Das wird davon abhängen, wie lange der Konflikt besteht und was noch passiert?
Ja, das ist ähnlich wie bei Corona. Da haben wir uns auch von einer Welle zur nächsten weiterbewegt. Wir müssen aber sicher auch an ein Szenario denken, wo man von einer längerfristigen Abkoppelung Russlands ausgeht. Auf lange Sicht ist es ähnlich wie mit dem Virus: Der erste Impact ist heftig, aber dann passt sich die Wirtschaft an. In der Corona-Krise haben wir gesehen, dass es von Welle zu Welle besser ging. Der wirtschaftliche Schaden wurde immer geringer.

Wo sehen Sie in der Zukunft größere Engpässe?

In der Logistik: 10 Prozent der europäischen Lkw-Fahrer stammen aus der Ukraine. Die werden im Transport in Europa in allen Branchen fehlen, wenn sie in der Ukraine kämpfen. Dazu kommt, dass hochwertige Güter auf die Schiene verlagert worden sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Züge mit diesen Gütern von China jetzt durch Russland rollen können. Außerdem haben wir wegen der Pandemie noch viel zu wenig Flugfracht. Wenn Frequenzen wegen Passagiermangels gestrichen wurden, dann fehlt der Frachtanteil. Und dann sehen wir ja jetzt schon, dass Kabelbäume, Stahl, Getreide und so weiter aus der Ukraine fehlen, was Produktionsunterbrechungen auslöst.

Welche Branchen stehen trotz Unsicherheit gut da?
Ein Blick auf die Aktienmärkte zeigt, dass es auch jetzt Verlierer und Gewinner gibt. Die Verteidigungsindustrie hat einen Boost erlebt, alles was mit Energiewende und Klima zu tun hat, wird boomen. Für die Landesverteidigung, die wir in Europa seit 30 Jahren ausgehungert haben, werden wir bald enorm viel Geld ausgeben. Da alles sehr arbeitsteilig organisiert ist, kann das in die verschiedensten Branchen positiv wirken. Ein Beispiel: Die Textilien, die man in der Automobilindustrie vielleicht nicht braucht, werden im Militär eingesetzt werden.

Wenn wir zum Schluss noch einmal in den Rückspiegel schauen. Wie schnell kann sich die Wirtschaft erholen?
Wenn man die Wirtschaft lässt, dann erholt sich die Wirtschaft sehr schnell. In der Corona-Pandemie kam es zur V-Entwicklung. Und aus der Forschung zu Sanktionen wissen wir auch: Sobald die Sanktionen weg sind, erholt sich die Wirtschaft bis zu einem gewissen Grad sehr schnell.

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