Kommentar: Was bleibt von Berlin?
Sabine Klimpt

Den Berlinern fehlte eine publiumswirksame Messe. Wird man es 2022 in Frankfurt richten?

Was bleibt von der Fashion Week Berlin, die Anfang September fast trotzig und ohne Anbindung an eine Messe mit Publikumswirksamkeit über die Bühne ging? Zum einen: der Berliner Senat nimmt nach wie vor Geld in die Hand, um Mode und Hauptstadtfeeling miteinander zu verbinden. Vor allem in der kreativen Modeszene der selbstständigen Designer bleibt die Stadt an der Spree Heimat und Hafen. Auch, weil die Produkte der Avantgarde dort nicht nur auf den Laufstegen und in den Läden, sondern genauso im Straßenbild zu sehen sind - im krassen Gegensatz zu jeder anderen Großstadt in Deutschland. In diesem Biotop aus visionärem Design, nachhaltiger Lebensführung und leicht schäbiger Atmosphäre müssen sich Kreative einfach wohl fühlen. Aber was bleibt von diese Art von Fashion Week, bestückt mit Labels mit eher überschaubarer Breitenwirkung und mehrheitlich lokalem Publikum? Nun, dass eine Österreicherin die Fashion Week eröffnen durfte, erfreut. Dass Heidi Klums Tochter in Berlin ihre erste Kollektion präsentierte, verwundert. Und wie wenig in der Tagespresse vom einstmaligen Lieblingsevent der Journalisten zu lesen war, erschreckt.

Frankfurt als neues Berlin?

Im Januar also Frankfurt. Gut, die erste Messe in der Bankenstadt, im Juli diesen Jahres Corona-bedingt nur digital durchgeführt, haben sich die Macher wohl auch anders vorgestellt. Denn auf all das, was Berlin immer noch zu bieten hat, musste in Frankfurt verzichtet werden. Keine Laufstegshows an den unmöglichsten Orten, kein glamouröser Modezirkus, schon gar keine großen Partys. Und dass rein digitale Messen bei der Vielzahl der Händler und Einkäufer nach wie vor auf wenig Gegenliebe stoßen, darf als gegeben angenommen werden.
Im Januar 2022 soll Frankfurt dann wirlich zeigen, was es kann. Und während der neue Standort anfangs mit großer Skepsis kommentiert wurde (stellvertretend für viele Modeschaffende brachte es das Designer-Duo von Odeeh, Otto Drögsler und Jörg Ehrlich in einem Interview über die FFW auf den Punkt: »Wir sind skeptisch. Wer ist das nicht? Naheliegend ist Frankfurt zunächst nicht, das kann man sich nur sehr bedingt zurechtreden. Die Hessen müssen sich ganz schön anstrengen, soviel ist sicher. Und es geht dabei nicht nur um die passenden Messehallen«) sehnen sich jetzt viele Modeerzeuger einfach wieder nach einen Messeort, der mehr internationale Austrahlung hat als die Oderzentren zwischen Hamburg und Sindelfingen.
Die Branche braucht eine Messe, die für Händler aus Graz, Basel, München oder Bozen interessant ist. Eine Plattform, auf der sich, wenn schon nicht die ganze Welt, so doch halb Europa oder zumindest die Region D-A-CH trifft, um sich auszutauschen. Nein, dort soll und muss nicht geordert werden, in den letzten 18 Monaten hat sich gezeigt, dass lokale Orderzentren dafür allemal ausreichen. Aber zweimal im Jahr über den Tellerrand zu schauen und live mitzuerleben, wie die Vibes im Modegeschehen grad sind, gehört nun mal dazu. Von 17. bis 21. Januar 2022 hat die Branche erstmals die Gelegenheit, sich anzuschauen, ob und wie aus Frankfurt eine Modestadt wird.
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