»Keine Ahnung, wie es im Herbst weitergeht«

»Keine Ahnung, wie es im Herbst weitergeht«

Reed Exhibitions
Benedikt Binder-Krieglstein, CEO Reed Exhibitions
Benedikt Binder-Krieglstein, CEO Reed Exhibitions

Nach der Absage der Tracht & Country spricht Benedikt Binder-Krieglstein, CEO von Reed Exhibitions, im TZ-Interview über die Auswirkungen der Coronakrise auf den Messekalender.

TZ: Das am 13. März ausgesprochene Verbot aller In- und Outdoor-Veranstaltungen hat bis heute das Geschäft innerhalb weniger Tage zum Erliegen gebracht. Welche Auswirkungen hat das auf Reed Exhibitions Österreich bisher gehabt?

Binder-Krieglstein: Bei uns wurden mehr als 46 Messen und fix eingebuchte Kongresse, Tagungen und (Firmen-) Events abgesagt oder verschoben. Das bedeutet ein Fernbleiben von 25 % unserer jährlichen 10.500 Ausstellerinnen und Aussteller und 1 Mio. Besucherinnen und Besucher.

TZ: Die erste größte Messe, die abgesagt werden musste war?

Binder-Krieglstein: Das war die »Wohnen & Interieur«, die am 18. März begonnen hätte, also kurz nach dem Shutdown. Diese können wir nun im Herbst (22.-26. Oktober) ansetzen. Schlimmer ist eine komplette Messeabsage, vor allem für Unternehmen, die diese Plattform für den Absatz ihrer Produkte genutzt hätten. Ein Großteil unserer Aussteller sind Klein- und Mittelbetriebe. Sie generieren bis zu zwei Drittel ihres Jahresumsatzes aus dem Messeauftritt. Eine Messeabsage bedeutet leere Auftragsbücher und folglich einen großen volkswirtschaftlichen Schaden.

TZ: Und bedeutet einen Umsatzrückgang für Reed Exhibitions von?

Binder-Krieglstein: Wir reden hier von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Und das Schlimme daran ist, dass wir keine Ahnung haben, wie es im Herbst weitergeht. Denn im Gegensatz zu Einkaufszentren, Geschäften, Friseuren, Kosmetiksalons die seit 2. Mai wieder offen sind, bleiben Veranstaltungen bis 31. August 2020 verboten. Aber anders als Gastronomie und Hotellerie und die Sportvereine haben wir nicht einmal die vagsten Angaben, ab wann wir unter welchen Voraussetzungen wir wieder arbeiten dürfen. Nicht nur für unsere internationalen Kongresskunden, sondern auch für uns selbst ist das extrem problematisch, da unsere Veranstaltungen einen Vorlauf von 6 bis12 Monaten in der Planung benötigen.

TZ: Sie sind doch politisch sicher gut vernetzt. Was sagen die Regierungspolitiker zu dieser speziellen Misere?

Binder-Krieglstein: Ich habe am 23. April ein Schreiben an mehrere politische Vertreterinnen und Vertreter geschickt, darunter Bundeskanzler Kurz und Vizekanzler Kogler. In diesem Brief mache ich auf unsere dramatische Lage aufmerksam, denn das Veranstaltungsverbot hat den Messestandort Österreich in seinen Grundfesten erschüttert.

TZ: Glauben Sie, dass es Unterschiede zwischen Business-to-Business-Veranstaltungen und welchen mit anonymem Publikum geben wird?

Binder-Krieglstein: B2B-Veranstaltungen, sowohl im Kongress als auch im Messebereich, sind für mich die große Ausnahme. Denn dort wissen wir ganz genau, wer, wann teilgenommen hat. Daran kann man im Nachgang auch die Infektionskette nachverfolgen – sofern das nötig wäre.

TZ: Welche Rahmenbedingungen wären denn für Sie vertretbar?

Binder-Krieglstein: Ich denke die Vorgaben, die es bereits für Einkaufszentren gibt, sind einmal ein Anhaltspunkt. Darauf aufbauend gilt es noch die Spezifika von Fach- und Publikumsmessen zu berücksichtigen. Ein konstruktiver Dialog mit den Behörden wäre aber dringend nötig! Man soll uns endlich sagen, unter welchen Bedingungen wir was wieder tun dürfen.

TZ: Wie agieren Sie jetzt für den Herbst?

Binder-Krieglstein: Wir gehen derzeit davon aus, dass alles, was nach dem 31. August auf dem Programm steht, auch durchgeführt wird. Fest an die Umsetzung nach Ende August zu glauben, ist auch notwendig.

TZ: Die Tracht & Country ist mittlerweile abgesagt.

Binder-Krieglstein: Die Tracht & Country Premiere hätte am 21. und 22. Juli 2020 und die Tracht & Country Herbst von 28. bis 30. August stattgefunden. Beide Termine müssen wir absagen. Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, war aber der einzig gangbare Weg, die derzeit gültigen Vorschriften einzuhalten. Absagen wie die des Oktoberfestes, das Ausbleiben von Volksfesten oder privaten Veranstaltungen haben zudem direkte Auswirkungen auf die Auftragslage der Trachtenmodenbranche.

TZ: Haben Sie schon darüber nachgedacht, virtuelle Messen anzubieten?

Binder-Krieglstein: Wir arbeiten seit Jahren mit Hochdruck daran, neben unseren analogen Messen digitale Plattformen zu entwickeln. Wir haben enorme Reichweiten in den Zielgruppen unserer Kunden. Sei es über Social Media, per Newsletter oder auf unseren Webseiten. Zudem haben wir nicht nur umfangreiche Kundendaten sondern auch ein großes Team an Spezialisten, die sich ausschließlich mit unseren digitalen Produkten beschäftigen. All das können wir jetzt nutzen, um unseren Kunden (Ausstellern) zu helfen, in der digitalen Welt Aufmerksamkeit zu erzielen.

TZ: Haben Sie eigentlich schon eine Antwort auf Ihr Schreiben an den Bundeskanzler bekommen?

Binder-Krieglstein: Ich gehe davon aus, dass wir hier sehr bald eine entsprechende Antwort erhalten werden, denn bis dato hat die Regierung sich für uns immer als verlässlicher Partner erwiesen.

Von: Dagmar Lang

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