Hygiene Austria: Lenzing gibt alle Anteile an...
Hygiene Austria

Lenzing gibt alle Anteile an Palmers ab

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Der Faserhersteller steigt aus dem Maskenproduktions-Joint-Venture aus und überträgt alle Anteile an Palmers – unentgeltlich. Tino Wieser gibt die Geschäftsführung ab.

Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing ist aus der Hygiene Austria ausgestiegen. Per Ende März wurden alle Anteile an dem Joint Venture, das gemeinsam mit Palmers zur Maskenproduktion gegründet wurde, an Palmers übertragen. Das teilte Lenzing am Freitag mit. Lenzing hatte bisher 50,1 Prozent, Palmers 49,9 Prozent an der Hygiene Austria gehalten. Bei der Umsetzung des Projekts habe es »Fehler« gegeben, räumte Lenzing mit Blick auf den Skandal um chinesische Masken mit »Made in Austria«-Werbung ein.
»Starke Werte und ein international anerkanntes Prozess- und Governance-System charakterisieren Lenzing. Bei der Hygiene Austria wurden in der Umsetzung aber Fehler gemacht«, heißt es in der Lenzing-Aussendung. Vorstand und Aufsichtsrat würden für die Zukunft entsprechende Lehren ziehen. So werde künftig auch für Kleinprojekte ein vollumfängliches Beteiligungsmanagement aufgesetzt.

Lenzing verzichtet »zunächst« auf Kaufpreis

Lenzing-Vorstand Stephan Sielaff, der Anfang März mit der Aufarbeitung der Vorkommnisse betraut worden war, blickt auf »intensive Wochen« zurück: Man habe gemeinsam mit Palmers die zentralen Mängel festgemacht und die Weichen für eine »professionelle Geschäftsführung, hervorragende Qualitätssicherung und gute Arbeitsbedingungen« gestellt.
Darüber hinaus hätten sich »die beiden Gesellschafter auf die Übertragung der Lenzing-Anteile an Palmers geeinigt. Um den gründungskonformen Fortbestand zu gewährleisten, verzichtet Lenzing zunächst auf einen entsprechenden Kaufpreis. Das soll Palmers wiederum ermöglichen, die Gesellschaft mit weiteren Finanzmitteln auszustatten«, heißt es in der Lenzing-Aussendung. Wenn sich die Gesellschaft gut entwickle, könne Lenzing auch im Nachhinein noch profitieren, hieß es vom Lenzing-Sprecher zur APA.

Tino Wieser legt Geschäftsführung zurück

Der Neuanfang des Maskenproduzenten soll mit einer neuen Geschäftsführung gelingen: Mit Claudia Witzemann und Michael Schleiss wurden zum 2. April zwei externe Führungskräfte als Geschäftsführer der Hygiene Austria neu bestellt. Der bisherige Geschäftsführer Tino Wieser, gleichzeitig mit seinem Bruder Luca Wieser und Matvei Hutma auch Geschäftsführer von Palmers, scheidet aus.
Weitere Ergebnisse der Aufarbeitung laut Lenzing: Die sowohl in Österreich produzierten als auch die aus China bezogenen FFP2-Masken seien nochmals geprüft und technisch in jeder Hinsicht als einwandfrei beurteilt worden. Die CE-Kennzeichnung sei gesichert: In einem erneuten Audit des ungarischen Institutes Gépteszt am 25. März wurde die Qualität der Produktion und des Baumusters den Angaben zufolge nochmals bestätigt. Und die Verträge mit den Personaldienstleistungen werden neu ausgeschrieben: Die neue Geschäftsführung werde auf Arbeitskräfteüberlassungsfirmen mit höchsten Qualitätsansprüchen zurückgreifen, wird in der Lenzing-Aussendung versichert.

Vorwürfe: Betrug und Irreführung

Der Maskenproduzent mit Sitz in Wiener Neudorf war im Zuge der Coronakrise vor knapp einem Jahr gegründet worden. Die beiden Gründungsunternehmen Lenzing und Palmers teilten damals mit, sie wollten mit der Schutzmaskenproduktion die heimische Versorgung sichern und den Standort stärken. Die Hygiene Austria geriet aber im Vormonat infolge einer Hausdurchsuchung im Zuge von Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) massiv unter Druck. Ermittelt wird wegen des Verdachts der organisierten Schwarzarbeit sowie schweren gewerbsmäßigen Betrugs. Die Firma räumte daraufhin ein, FFP2-Masken zwar als »Made in Austria« beworben, einen Teil davon aber in China zugekauft zu haben. Außerdem wurden die Arbeitsbedingungen der großteils über Leiharbeitsfirmen beschäftigten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kritisiert.
Neben der WKStA wird sich auch das Handelsgericht mit der Causa beschäftigen: Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) geht im Auftrag des Sozialministeriums mit einer Klage gegen die nach Ansicht der Verbraucherschützer irreführende Bewerbung vor. Das Handelsgericht Wien soll klären, ob zugekaufte Masken aus China als »Made in Austria« vertrieben werden dürfen.

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