Heimtextilien: Selbstverpflichtung zur Nachha...
Heimtextilien

Selbstverpflichtung zur Nachhaltigkeit

Baier/Betten Reiter
Die jüngste Filiale von Betten Reiter wurde im September 2020 in Amstetten eröffnet
Die jüngste Filiale von Betten Reiter wurde im September 2020 in Amstetten eröffnet

Cradle-to-Cradle, Fairtrade, GOTS, Vegan: Betten Reiter ist ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Ein bedeutender Teil des Sortiments wird in der eigenen Manufaktur in Oberösterreich hergestellt.

Im Bett ist sich jeder selbst am nächsten. Bei Schlaftextilien werden weniger Kompromisse gemacht als bei Bekleidung, der Wohlfühlfaktor zählt stärker als modische Ansprüche. Hier will man sich was Gutes tun. Eine perfekte Spielwiese also für das Thema Nachhaltigkeit, würde man glauben. Doch das war nicht immer so und stimmt auch heute nur für einen kleinen Teil der Kunden, lernt man schnell im Gespräch mit Peter Hildebrand, dem Geschäftsführer der Reiter Betten & Vorhänge GmbH. Denn Hildebrand, der 2005 gemeinsam mit seiner Frau Cornelia die Mehrheit am Unternehmen übernommen hat, gibt den Kunden nicht nur das, was sie nachfragen, sondern ist ihnen immer einige Schritte voraus. Bereits 2007 wurde Betten Reiter als erster Heimtextil-Erzeuger Österreichs zum Partner von Fairtrade und ist der einzige Filialist in Europa, der Decken und Pölster aus 100 % fair gehandelter Baumwolle selbst herstellt. Seit 2018 führt man zertifiziert vegane Steppwaren – noch dazu komplett aus eigener Erzeugung. Seit dem Vorjahr hat Reiter auch Cradle-to-cradle-zertifizierte Heimtextilien (Handtücher, Bett- und Tischwäsche, Vorhänge) im Programm. Hildebrand macht keinen Hehl daraus, dass man mit diesen Produkten nur eine kleine Minderheit der Kunden anspricht, »trotzdem sehe ich das als Verpflichtung an. Wir wollen bei diesem Thema führend sein. Wenn alle Menschen so leben wollen wie wir hier in Mitteleuropa, würden wir drei Erden brauchen. Wir sind gezwungen, mit unseren Ressourcen anders umzugehen.«

„Das Premium, das Kunden für Fairtrade-Produkte zu zahlen bereit sind, liegt leider nur im einstelligen Prozentbereich. Ist es mehr, gehen die Mengen dramatisch zurück.“
Peter Hildebrand, Geschäftsführer Betten Reiter

Der Umsatzanteil von Fairtrade-Produkten liege derzeit um die 5 % (gemessen am Gesamtumsatz). Die Zusammenarbeit mit der Organisation, die sich um faire Produktionsbedingungen kümmert, bezeichnet der 72-Jährige trotzdem als »Erfolgsgeschichte«: »Die Verkäufe wachsen jedes Jahr, inzwischen ist das ein wichtiges Thema für unsere Kunden«.

Eigene Produktion in Leonding

Auch die eigene Produktion am Firmensitz in Leonding ist Hildebrand eine Herzensangelegenheit. So werden nicht nur Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region gehalten, sondern auch die Kernkompetenz des Unternehmens bewahrt. Über 130.000 Decken und Pölster werden hier jährlich produziert, das ist rund ein Viertel der in den Reiter-Filialen verkauften Steppwaren. Schwerpunkt der eigenen Produktion sind die Spezialitäten, wie die erwähnten Fairtrade-Produkte oder die ausgezeichnete vegane Produktlinie. Dafür werden natürliche Rohstoffe wie Baumwolle, Zirbe, Cashmere, Kamelhaar oder Wildseide aus aller Welt in den oberösterreichischen Zentralraum geliefert und hier verarbeitet.

Cradle-to-Cradle

Seit März 2020 haben alle Fairtrade-Produkte auch Bio-Qualität und sind gleichzeitig vegan. »Wenn der Faden beim Weben mit Kartoffelstärke geschmiert wird, ist ein Stoff vegan, wenn er mit Talg geschmiert wird, nicht«, klärt Hildebrand auf. Die Cradle-to-Cradle-zertifizierten Produkte werden zugekauft. »Die kommen aus der Türkei«, berichtet Hildebrand, »aus einem Tal, wo schon die Baumwolle für die Segel von Cleopatras Schiffsflotte angebaut wurde. Die wächst dort völlig natürlich, ohne Dünger, ohne Pestizide.« Und darum geht es auch bei »Cradle to Cradle«: Wo kein Gift hineinkommt, kann auch kein Gift herauskommen. Wird das Produkt am Ende der Lebensdauer weggeworfen, zersetzt es sich, ohne dass Schadstoffe übrigbleiben. So entsteht Humus für neues Leben. Dem entsprechend dürfen im gesamten Produktionsprozess keinerlei Chemikalien eingesetzt werden. Deshalb steht nur eine eingeschränkte Farbrange zur Verfügung, die Stoffe sind nicht so glatt wie gewohnt. »In einigen Jahrzehnten sollte alles so produziert werden, dass am Ende kein Müll übrig bleibt«, meint Hildebrand. »Eine Tür, eine Heizung, ein Fußboden.« In den Reiter-Märkten werden nicht nur Cradle-to-Cradle-Textilien geführt, sondern auch Zubehör aus »natürlichen Kunststoffen«, etwa Vorhanghäkchen aus dem 3D-Drucker, die sich selbst zersetzen. »Wir stehen hier am sehr frühen Beginn einer großen Entwicklungsgeschichte«, meint der Unternehmer, der selbst von einem Bauernhof stammt und diesen auch immer noch als Hobby weiterführt.

Kunden bleiben preissensibel

Woran hakt es noch bei der breiten Durchsetzung von nachhaltigen Produkten am Markt? »Es ist leider so, dass es wenige Kunden gibt, die bewusst nach solchen Produkten suchen«, sagt er. »Aber viele freuen sich, wenn sie etwas kaufen wollen und dann erfahren, dass es zusätzlich auch noch nachhaltig ist.« Freilich sei auch der Preis ein wichtiges Thema: »Bei Fairtrade kann ich sagen, dass das Premium, das ein Kunde dafür zu zahlen bereit ist, leider nur im einstelligen Prozentbereich liegt. Ist es mehr, gehen die Mengen dramatisch zurück.« Bei Cradle-to-Cradle liegt man derzeit bei etwa 20 bis 25 % höheren Gestehungskosten im Vergleich zu herkömmlichen Teilen – »wir kalkulieren das als Beitrag zur Verbesserung der Umwelt knapper.« Der Personenkreis, der mehr bezahle, weil ihm das Thema ein Anliegen ist, sei »noch nicht sehr groß«. Doch es wäre nicht der Visionär Hildebrand, würde er nicht im selben Satz gleich den Umkehrschluss ziehen: »Das bedeutet, es gibt noch unendlich viel Potenzial!« Immerhin sei wachsendes Interesse am Thema zu spüren, »besonders seit Corona zugeschlagen hat: Wo kommt es her? Wie wurde es produziert? Woraus besteht es?«

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