Greenpeace/AK: 185 Mio. Kleidungsstücke liege...
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185 Mio. Kleidungsstücke liegen ungenutzt im Kasten

Mitja Kobal/Greenpeace
Lisa Panhuber, Konsumexpertin bei Greenpeace Österreich
Lisa Panhuber, Konsumexpertin bei Greenpeace Österreich

Den Österreichern ist der Schaden, den die Fast-Fashion-Industrie anrichtet, sehr wohl bewusst. Trotzdem bestimmen schnelllebige Mode und günstige Preise weiterhin das Einkaufsverhalten. Dabei wünscht sich eine überwältigende Mehrheit politische Maßnahmen zur Kontrolle der Branche.

Rund die Hälfte der Kleidung, die in den Kästen der Österreicherinnen und Österreicher liegt, wird kaum bis gar nicht getragen. Eine Umfrage im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) und Greenpeace errechnete 185 Mio. fast ungenützte Kleidungsstücke. „Die Trends von heute sind morgen schon wieder Müll“, brachte es Greenpeace-Konsumexpertin Lisa Panhuber bei einer Pressekonferenz auf den Punkt.

Dass die Fast-Fashion-Industrie ein Problem für die Umwelt ist, wissen längst auch die Konsumenten: Unter den Studienteilnehmern herrschte beinahe Einigkeit darüber, dass Menschen zu viel Kleidung kaufen (92 %). Vier Fünftel der Befragten stimmten der Aussage zu, die Umwelt werde durch Kleiderüberproduktion massiv belastet (86 %) und Fast Fashion sei ein großes Übel (81 %). Tatsächlich werden laut Panhuber nur 3 % der Textilien weltweit recycelt. „Es wird zu viel produziert und weggeworfen, Kleidung wird zu kurz getragen“, betonte auch AK-Konsumforscherin Nina Tröger. „Es braucht Änderungen im Verhalten – ein Umdenken bei Produzentinnen und Produzenten, Händlerinnen und Händlern, aber auch Konsumentinnen und Konsumenten – und gesetzliche Regeln.“

Jeder kauft um 800 Euro

Für die Erhebung wurden 1.506 Personen vom Institut Integral online befragt. Die Befragten gaben an, im Schnitt jährlich knapp 800 Euro für Bekleidung auszugeben. Jeder Zweite nennt große Modeketten wie H&M oder Zara (49 %) als wichtige Bezugsquelle, fast ebenso viele Online-Shops (48 %). „Obwohl den Konsumentinnen und Konsumenten die Schattenseiten der Modebranche bewusst sind, sind oft ein günstiger Preis und Bequemlichkeit, Stichwort Online-Shoppen, bestimmend“, sagte Tröger. Hinsichtlich der wichtigsten Kaufkriterien gefragt, gaben die meisten Befragten an, sehr oder eher auf Funktionalität (92 %) sowie hohe Qualität und Verarbeitung (85 %) zu achten. Aber auch der günstigste Preis ist für 78 % sehr oder eher kaufentscheidend. Deutlich weniger Befragte nannten hohe Umweltstandards (44 %) oder Sozialstandards (40 %).

Warum diese Lücke zwischen (Umwelt-)Bewusstsein und Handeln? „Der Wandel im Bewusstsein der Bevölkerung ist nicht genug, um einen Wandel in der Modeindustrie zu bewirken“, meint Panholzer. „Der hohe Preis von fairer Mode, das geringe Angebot von Secondhand, Reparatur und Tauschmöglichkeiten und der soziale Druck durch ständige Werbung von neuen Trends spielen eine entscheidende Rolle“, ergänzt AK-Konsumforscherin Tröger. „Und ein Konsument als Einzelperson kann nie überprüfen, ob Sozial- und Umweltstandards wirklich eingehalten werden.“ Deshalb seien auch 91 % der Befragten für ein Lieferkettengesetz, 86 % für ein Vernichtungsverbot für neuwertige Ware.

Gegenvision

„In einer klimaverträglichen Welt kaufen wir nicht Wegwerfkleidung, sondern können in vielen Geschäften Second-Hand-Kleidung kaufen, Mode ausleihen und reparieren“, versuchte Panhuber eine positive Gegenvision zu zeichnen. Immerhin ein Drittel der Befragten haben im vergangenen Jahr zumindest einmal Kleidung secondhand gekauft, nur 17 % tun das regelmäßig – allen voran junge Menschen, die allerdings auch gerne bei Billig-Versendern wie Shein kaufen, wo T-Shirts auch zu einem Preis von unter einem Euro zu haben sind.
„Die Fast Fashion-Industrie heizt die Klimakrise an, verschmutzt Flüsse und Meere und ist für untragbare Arbeitsbedingungen für Millionen von Menschen verantwortlich.“
Lisa Panhuber, Greenpeace
Rund die Hälfte der Kleidung (48 %) wird oft getragen, 25 % gelegentlich, 15 % selten bzw. maximal einmal im Quartal und 12 % nie. Die Nutzungsdauer liegt bei Schuhen bei rund 2,9 Jahren, bei Hosen bei rund drei Jahren und bei Jacken und Mänteln bei 4,8 Jahren. Junge Menschen tauschen ihre Garderobe öfter aus als ältere. Der Anteil von Kleidung, die nur ein Jahr lang getragen wird, ist im Vergleich zu einer ähnlichen Umfrage aus 2019 gewachsen. Im Bundesländervergleich geben die Tiroler monatlich das meiste Geld für neue Kleidung aus. Die Niederösterreicher besitzen die meisten Kleidungsstücke, die Vorarlberger die wenigsten. In Wien wiederum ist der Anteil der nicht getragenen Kleidung am höchsten.

Recycling-Lücke

Nur ein geringer Teil der entsorgten Kleidung wird recycelt. Jeder zweite Befragte sagt, aussortierte Kleidung in Textilboxen zu geben. 38 % spenden sie an gemeinnützigen Organisationen. Jeder bzw. jede Dritte (33 %) entsorgt Textilien im Restmüll – diese Kleidungsstücke werden in der Folge verbrannt. 24 % verschenken sie weiter, 12 % verkaufen sie weiter.

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Laut Greenpeace-Sprecherin Panhuber wird bis zu einem Drittel der von Handel angebotenen Waren nie verkauft sondern unverkauft aus dem Verkehr gezogen. Davon wiederum werde der größte Teil in den globalen Süden exportiert. Dort flute er die Textilmärkte, werde verbrannt oder lande im Müll. So wurden 2018 in Österreich 170.042 Tonnen Textilabfälle verbrannt und 41.000 Tonnen getragene Kleidung exportiert, aber nur 15.071 Tonnen recycelt. Weltweit wird jede Sekunde eine Lkw-Ladung an Kleidungsstücken verbrannt oder auf einer Mülldeponie entsorgt.

Umdenken bei Konsumenten, Industrie und Politik

AK und Greenpeace appellierten für ein Umdenken bei den Konsumenten, bei Handel und Industrie und der Politik. Aus Klimasicht die wichtigste Maßnahme sei es, Kleidungsstücke möglichst lange zu nutzen. Für Reparaturdienstleistungen sowie Leih- und Sharingsysteme sollte es mehr Förderungen geben. „Reparaturen müssen einfacher und billiger als ein Neukauf sein“, hieß es. Schon im Design sollen umwelt- und klimaverträgliche Kriterien stärker berücksichtigt werden – dazu brauche es eine rasche Verabschiedung der in Verhandlung befindlichen Ökodesign-Verordnung der EU sowie der Textil-Strategie.

Durch das ebenfalls geplante EU-weite Lieferkettengesetz müssen Hersteller und Händler bald die Stationen ihrer Lieferkette transparent offenlegen und für Menschenrechtsverletzungen, Gesundheitsschäden oder Umweltschäden in der Produktion haften. Doch auch hier sehen die Organisationen noch Nachbesserungsbedarf, etwa um auch mittelgroße Unternehmen zu erfassen. Darüber hinaus werde derzeit über ein nationales Vernichtungsverbot für neuwertige Textilien diskutiert.
„Gesetzliche Mindeststandards, Grenzen für Fast Fashion und staatliche Förderung alternativer Konsummöglichkeiten sind dringend nötig und finden unter den Befragten breite Zustimmung.“
Nina Tröger, Arbeiterkammer
Für die Konsumenten braucht es außerdem mehr Transparenz über Materialien und Herstellung der Produkte, zum Beispiel durch einen digitalen Produktpass und einfache verständliche Gütezeichen, die unabhängig kontrolliert werden. Und schließlich müssten Konzerne damit beginnen, Alternativen zum Neukauf anzubieten, etwa Reparatur-Services, Secondhand-Angebote sowie Möglichkeiten zum Mieten, Tauschen oder Teilen. Eine Standardisierung der Kleidungsgrößen wiederum würde den Online-Kauf erleichtern und Retouren verringern.

„Österreichische Konsumdialoge“ zu Textilien im Juni 2023

Von 29. Juni bis 1. Juli finden zum Thema Kleidung die nächsten „Österreichischen Konsumdialoge“ in Hallein bei Salzburg statt. Drei Tage lang wird in Zusammenarbeit mit drei Bundesministerien, dem Land Salzburg, der Modeschule Hallein sowie zahlreichen Organisationen, Unternehmen und Expertinnen und Experten über Fast Fashion und Alternativen dazu gesprochen. Für die inhaltliche Gestaltung zeichnet im Auftrag der Gemeinwohlstiftung Común die bekannte Autorin und Nachhaltigkeits-Expertin Nunu Kaller verantwortlich.

Als besondere Gäste werden nicht nur österreichische Designerinnen und Designer sowie Textilunternehmen mitwirken, sondern auch Aktivistinnen und Aktivisten aus drei Kontinenten teilnehmen, die über die Erzeugung, den Handel und die Deponierung von Kleidung informieren. „Die Konsumdialoge in Hallein eröffnen einen Raum, um über die Zukunft der Textilproduktion zu sprechen. So wie bislang kann es nicht weitergehen, das zeigt auch diese wichtige Umfrage. Nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten, sondern vor allem Politik und Wirtschaft müssen neue Hebel finden. Darüber wollen wir bei den Konsumdialogen sprechen – und wir laden alle Interessierten ein sich zu beteiligen“ so Nunu Kaller.


Mehr Informationen zur Studie: https://wien.arbeiterkammer.at/modekonsum

Informationen zu den Österreichischen Konsumdialogen: https://konsumdialoge.at/

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