Kommentar: Echter Wandel – oder alles nur Sh...
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Bleiben wir immun gegen Veränderung? Ein Kommentar von ÖTZ-Chefredakteurin Brigitte Pfeifer-Medlin.

Die Masken werden fallen. In knapp zwei Wochen wird rein optisch von Covid-19 wenig übrigbleiben. Zwar sind die Innenstädte weiterhin leerer als sonst, hingegen spürt man in den großen Tourismus-Regionen schon, wie groß der Wunsch der Quarantäne-Bürger nach Tapetenwechsel ist. Einfach raus, nur nicht mehr »weggesperrt« sein!

Der Handel insgesamt und der Modehandel im Speziellen profitieren von der wieder gewonnenen Freiheit noch immer nicht. Viele Händler reagieren mit Rabattaktionen, der Druck durch Filialisten, Onlinehändler und offene Rechnungen ist einfach zu groß geworden. Auch Unternehmer in Top-Lagen berichten von Umsatzeinbrüchen zwischen 50 und 70 % in den letzten Wochen. Welche Alternativen gibt es da noch zu durchgestrichenen Preisen? Allerdings: Allheilmittel ist der Sale keines, nicht einmal ein Minus-50 %-auf-alles-Schild bringt Leben in so manches Geschäft.

Und jetzt? Beinhart am alten Saisonrhythmus festhalten und die ersten Herbst-Lieferungen in den Laden hängen? So tun, als ob nichts geschehen wäre und die Sommerware schnell und reduziert unter die Leute bringen? Alle Vorsätze, die man während des Lockdowns fasste, fallen lassen wie die Masken?

Während der Handel gerade an der Front kämpft, arbeitet die Industrie fieberhaft. Nicht nur an den Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2021, sondern auch an Wegen, eine Orderrunde ohne Messen und Events über die Bühne zu bringen. Plötzlich hat der gute, alte Showroom wieder Bedeutung – vor allem für jene Händler, die sich nicht zu 100 % auf die digitale Order verlassen wollen.

Eine Orderrunde ohne Berlin, vielleicht auch ohne Florenz, sicher ohne Events – eine Orderrunde ohne Show. Das bietet viele Möglichkeiten, noch einmal die guten Vorsätze der letzten Wochen zu besprechen. Keine Ware zum falschen Zeitpunkt, keine me-too-Kollektionen. Keine Produkte mehr, die Mode so schnell verderblich wie Obst und Gemüse erscheinen lassen. Klar, man kann auch weitermachen wie bisher. Das werden aber mit Sicherheit nicht alle Händler und nicht alle Hersteller überstehen. Selbst wenn jetzt bald wieder »alles beim Alten« ist: Die Kunden haben sich verändert. Wer sich darauf nicht einstellt, wird untergehen. Mit und ohne Pandemie.

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