Covid-19: Auch Industrie und Agenturen ringen...

Covid-19: Auch Industrie und Agenturen ringen um ihre Existenz

SIPA PRESS / Action Press/Sipa / picturedesk.com
Download von www.picturedesk.com am 24.03.2020 (16:00). ACT action_ -- February 7th 2020 - New York,USA - Blancore Fall Winter 2020 Runway at New York Fashion Week. Photo Credit: Rudy Lawidjaja/SIPA Press//RUDYKPHOTOGRAPHY_RUDY1975/2002071737/Credit:Rudy K/SIPA/2002071742 - 20200207_PD16432
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Bricht jetzt die gesamte Lieferkette zusammen? Die Corona-Krise kommt in der Industrie an und in der Vorstufe. Eine Pleitewelle wird befürchtet.

Die Aufforderung von Katag-Chef Dr. Daniel Terberger, alle Lieferungen und Forderungen an den Handel einzustellen, sorgte für zahlreich Reaktionen aus der Bekleidungsindustrie. Auch ein TZ-Online-Interview mit Günther Rossmanith, Sprecher des Wiener Modehandels, löste zahlreiche Anrufe und Leserbriefe aus. Der Tenor aus Industrie- und Agenturszene: »Auch unsere Ressourcen enden bald, unsere Lieferanten warten genauso auf ihr Geld.«

Stellvertretend für viele Erzeuger sagt Toni Dress-CEO Markus Schreiber in einem Interview mit der TextilWirtschaft: »Eines ist klar, wir leben vom Handel und wir verstehen die aktuelle Situation und die mehr als klaren Botschaften. Allerdings gebe ich zu bedenken: Die Vorstufen liefern, die Ware wurde bestellt, vertragliche Liefertermine zugesichert und auch bestätigt. Wenn der komplette Warenfluss zum Erliegen kommt, unsere Lieferanten aber weiterhin produzieren, wird es hier zu einer riesigen Pleitewelle kommen.«

Auf gemeinsame Lösungen und partnerschaftliches Handeln hofft die Industrie, viele wenden sich in Mails an Händler und Vor-Lieferanten, so auch Sabine und Peter Lohèl von Sem per lei. »Gemeinsam müssen wir diesen Shutdown bewältigen, zusammenhalten, uns unterstützen und mit viel Stärke versuchen diese Zeit zu überstehen. Auch wir versuchen unseren Beitrag zu leisten und unsere Kunden zu unterstützen. Durch Vernetzung Ihrer und unserer Social-Media-Kontakte werden wir unsere Endverbraucherkunden regelmäßig über unsere Händler und deren Artikel sowie entsprechende Kontaktmöglichkeiten auf dem Laufenden halten.«

»Hysterische Stornos«

Drastischer sieht man das derzeitige Geschehen auch auf Seiten der Agenturen, viele davon Klein- und Ein-Mann-Betriebe. »Wenn ich meine Blusenproduktion in Portugal nicht bezahle, geht meine Blusen-Produktion pleite und ich stehe zur Herbst/Winter-Auslieferung ohne Ware da. Denkt denn auch jemand mal an die Lieferkette, die von den vielen Forderungen an die Industrie abhängt?«, fragt sich nicht nur Agentur-Betreiberin Silke Schilcher. Agenturchef Bruno Morawitz kämpft derzeit ebenso an alle Fronten: »Zur Zeit sind wir damit beschäftigt, hysterische Stornos der F/S-20-Orders und zum Teil auch der Herbstorders abzuwehren. Unsere Lieferanten handeln beispielhaft und haben schon im Vorfeld großzügige Valutazusagen getätigt. Dafür sind uns die meisten Kunden dankbar. Leider sieht man im Moment wer zu einer Partnerschaft steht und wer diese ausnützt. Wir haben unseren Schluss daraus gezogen und werden in Zukunft mit diesen so genannten Partnern nicht mehr zusammenarbeiten.« Morawitz fordert alle Verantwortlichen auf, die Messetermine im Sommer um mindestens einen Monat zu verschieben, um Kollektionen fertigstellen zu können und eine Normalisierung der Lieferkette zu ermöglichen.

Branchenrhythmus neu takten

Aber wird es 2020 überhaupt eine »normale« Saison geben? Einige Hersteller orten genau jetzt, im kompletten Geschäftsstillstand, die Chance, eingefahrene Modelle zu überdenken und nicht mehr zum Vor-Corona-Status zurückzukehren. Vorreiter ist der Hamburger Modeagentur-Chef Norbert Gresch, der fordert, die Herbstware für H/W 2020/21 erst im September auszuliefern, um so den gesamten Branchenrhythmus neu und deutlich näher an die Jahreszeiten gerückt einzutakten. »Die Problematik ist doch, dass im Moment im Mai Herbstware und im Oktober Frühjahrsware geliefert wird. Darüber regen wir uns alle seit Saisonen auf. Jetzt haben wir die einmalige Chance, das zu drehen, die Krise zu nutzen und uns endlich wieder die Saisonrhythmen gerade zu rücken. Es wäre eine Win-Win-Situation für alle.«

»Nicht Teil des Problems sein«

So weit ist es noch nicht. Zuerst gilt es, partnerschaftliche Lösungen für Industrie und Handel zu schaffen, der - wenn überhaupt - nur noch online verkaufen kann. Auch Christian Weber, kreativer Kopf von Weber + Weber, denkt schon an die Zukunft: »Die Modewelt steht still. Daher werden sich die Teile der Sommerkollektion 2020 auch in der Frühjahr/Sommerkollektion für 2021 wiederfinden. Denn wenn sich die Welt wieder zu drehen beginnt, wird der Look von 2020 nicht verbraucht sein.« Weber bittet seine Händler, von Stornos Abstand zu nehmen. »Wir arbeiten unter erschwerten Bedingungen an den Produkten für H/W 20/21. Wo Vorleistungen schon erbracht wurden, wollen wir von bestehenden Verträgen auch nicht zurücktreten. Wir sind solidarisch mit unseren vielen kleinen Lieferanten in Italien und wollen in dieser Krise nicht Teil ihres Problems sein.«

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