Consumer Goods Digital Day: Gemeinsamhandel s...
Consumer Goods Digital Day

Gemeinsamhandel statt Einzelhandel

Messe Frankfurt

Corona bedeutet auch eine Zwangspause für Publikumsmessen. Wie man jedoch eine eigenständige Info- und Networking-Veranstaltung kreieren kann, zeigte die Messe Frankfurt mit ihrem Consumer Goods Digital Day.

»No man is an island«, befand der britische Dichter John Dunne bereits im Jahr 1624. Wie sehr wir die anderen auch in Zeiten der Pandemie brauchen, spüren wir Tag für Tag. Gerade kleinteilige Branchen wie der Einzelhandel benötigen den Austausch mit den Branchenkollegen. Entsprechend wurde der Entfall der Messen als eine der schmerzhaftesten Nebenwirkungen der Corona bedingten Schließungen genannt.

Neue Formate

Ob Ordermessen, Branchen-Talks oder Info-Events, die Veranstalter haben sich rasant selber neu erfunden und in vielen Fällen die Not zur Tugend gemacht. Der Consumer Goods Digital Day der Messe Frankfurt widmete sich der Entwicklung, die der Handel in den letzten Monaten genommen hatte und gab klare Handlungsempfehlungen in Form von Expertenvorträgen und Workshops – und kam dabei ohne Corona-Gejammer aus. Die Wegweiser zeigen bereits seit Jahren in die Richtung, die Pandemie hat die Reise, auf der sich die Branche befindet, nur beschleunigt. Nun muss man mit dem arbeiten, was man hat. Digitale Veranstaltungen könnten da durchaus auch zukünftig Teil der Kommunikation sein und die Zeit zwischen den Live-Veranstaltungen überbrücken.


Eröffnungsredner Sanjay Sauldie, Digital Business Consultant, sprach in seinem Vortrag gleich ein Kernproblem der Branche an: »Wir müssen daran arbeiten, Gemeinsamhändler zu werden – statt Einzelhändler.« Die Konkurrenzsituation im Handel habe sich bereits vor längerer Zeit geändert: »Bis etwa 2015 gab es die großen und die kleinen Fische. Und die großen haben die kleinen gefressen«, so der Digitalisierungsprofi. »Dann überholten die schnellen Fische die langsamen. Ab 2018 erlebten wir eine Disruption: Da griffen viele kleine Fische die großen in Nischen an. Mittlerweile sind wir in einer Transformationsphase angekommen, wo die Großen wie Haie agieren und die Kleinen die Nischen besetzen.«

Giganten wie Amazon würden es mit der Masse machen und versuchen, kleine Händler auf ihre Marktplätze zu holen, insofern findet es Sauldie sehr bedenklich, dass Institutionen wie der deutsche Handelsverband mit Google & Co. kooperieren: »Wir müssen überlegen, wie wir unsere Stärken stärken, statt zu hoffen, dass uns Amazon und Google helfen.« Daher sollte eine Strategie entwickelt werden, richtig mit dem umzugehen, was den Einzelhandel groß gemacht hat: »Die Liebe zu den eigenen Produkten, die Fachkompetenz, der Kontakt zu den Kunden.«

Motor statt Pferden

Man solle daher »nicht mehr Pferde vor die alte Postkutsche spannen, sondern überlegen, ob man nicht einen Motor einbaut.« Zentral sei auch ein gemeinsames Agieren: »Wir müssen ein intelligenter Schwarm werden, der gemeinsam mit der gleichen Strategie vorgeht. Wir müssen die Kunden in den Mittelpunkt stellen, sie kompetent begleiten und mit eigenen Ideen begeistern.«
Dazu sei es allerdings wichtig, sich anzusehen, welche Technologien man zur Verfügung habe, um sich gegen die Großen durchzusetzen. »Hier sollten sich die Kleinen besonders auf die drei Aspekte Big Data, Digital Branding und digitales Marketing konzentrieren. Es kann aber nicht sein, dass der Kleine, weil er weniger Geld hat, nicht an der Digitalisierung partizipieren kann.« Gefordert seien hier auch die Innenstädte, die in einem konzertierten Stadtmarketing digitale Einkaufsstraßen entwickeln sollten: »Amazon bringt neuerdings Shops in die Fußgängerzonen. Da müssen wir mit Einigkeit dagegen halten.« Man müsse Offline-Erlebnisse mit Online-Vorteilen kombinieren, etwa stationär shoppen und die Einkäufe liefern lassen.
Eine Kerbe, in die auch Boris Hedde, Geschäftsführer des Marktforschers IFH Köln, schlug: »Ohne attraktiven Handel gibt es keine attraktiven Innenstädte.« Shoppen sei mittlerweile Teil der Freizeitkultur und müsse daher einen Erlebniswert bieten: »Wir brauchen einen Masterplan, der Handel, Stadt und Erlebnis kombiniert.«

Raus aus der Komfortzone

Marilyn Repp ist Projektleiterin bei Mittelstand 4.0, einem Kompetenzzentrum für Händler. Sie sieht für die Zukunft vier zentrale Trends, die das Überleben des stationären Handels sichern können. Zum einen ist da das sogenannte Community Building: »Wir sind durchschnittlich 84 Minuten am Tag auf Social Media Plattformen unterwegs. 95 Prozent aller Produktrecherchen finden auf Google statt. Die Wahrheit mag nicht schön sein, aber wer hier nicht auffindbar ist, der findet nicht statt.« Es sei daher elementar, die eigene Zielgruppe zu kennen, auf Inhalte und Storytelling zu setzen und die Nutzer zu aktivieren: »Also, raus aus der Komfortzone, rein in Social Media!«
Ein weiterer Trend ist die Verkleinerung der Flächen. Pop-Up-Stores boomen, selbst Riesen wie Ikea eröffnen mittlerweile Studios in der City um das urbane Publikum anzusprechen. Concept-Stores und kleinere Standorte, die mit Beratung punkten, sind besonders bei den Millenials gefragt und somit die Zukunft. Diese informieren sich digital, wollen aber durchaus regional einkaufen. Die lokalen Marktplätze, die als großer Corona-Trend gelten, seien jedoch nicht die Erfolgsgaranten, als die sie oft kolportiert werden: »Viele Händler mussten feststellen, dass sie sehr viel Zeit und Geld in diese Plattformen steckten, aber nur wenig Erfolg hatten.« Google sei hier nach wie vor das Maß aller Dinge, daher: »Sie müssen dort sein, wo ihre Kunden sind.« Auf je mehr Plattformen man sei, desto besser, allerdings müsse dann auch das Warenwirtschaftssystem State-of-the-art sein, etwas, mit dem sich viele der Kleinen bisher noch nicht auseinandergesetzt hätten. Und auch Repp betont die Bedeutung des Erlebnisses beim Einkaufen: »Läden sind dritte Orte, an denen wir unsere Freizeit verbringen. Hier sind Erlebnishandel und Gastro-Mixkonzepte erfolgreich.«

Fugenkitt

Die sozialen Medien waren eines der Kernthemen des Consumer Goods Digital Days. »Aber was erwartet man von Social Media«, fragte der Berater für Digitalisierung und Social Media-Experte Frederik Gottschling zu Beginn seines Referats. Was zähle, sei »the bigger picture«, das Narrativ oder der »Fugenkitt der Inhalte«. Wer nicht mit Plattformen wie Facebook, Instagram oder Tik Tok sozialisiert wurde, der müsse diese Welt tatsächlich erst erlernen. Gottschlings Tipp: »Konzentrieren Sie sich zuerst 12 Monate darauf, guten Content zu erstellen.« Dabei müsse man darauf achten, dass diese Inhalte immer entweder eine Problemlösung bieten, etwas Neues erzählen oder zumindest unterhaltsam sind. Im Anschluss müsste man weitere 12 Monate am eigenen Workflow arbeiten und der Rest würde sich dann automatisch entwickeln.
Über soziale Medien agieren auch Influencer, die neuen Marketing-Geheimwaffen. Daniel Zoll ist Social Media-Berater und versucht, seinen Kunden die Scheu vor dieser oftmals unbekannten Spezies zu nehmen: »Influencer Marketing gibt es schon seit hunderten von Jahren.« Früher kannte man das Konzept als Mundpropaganda, mittlerweile findet die eben in einem anderen Medium statt. Aber auch hier ist die Evolution vorangeschritten. Irgendeinem Internet-It-Girl Produkte zu schicken, damit diese sie möglichst fotogen in die Kamera hält, ist nicht mehr genug: »Die Funktionen von Influencern sind sehr breit. Wir müssen hier ständig dazulernen.« Mit den Einflüsterern aus dem Netz könne man sehr wohl die Marke in eine bestimmte Richtung drücken. Wichtig sei, sich mit dem Thema zu beschäftigen, die unterschiedlichen Plattformen kennenzulernen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen: »Wenn man guten Content produziert, dann sollte man immer auch noch einen Schritt weiter denken.«

Der Greta-Effekt

Das zweite große Thema neben der Digitalisierung ist zurzeit die Nachhaltigkeit. Entsprechend gab es beim Consumer Goods Day auch hier einen Schwerpunkt. Für Unternehmerin und Retail-Expertin Silvia Talmon geht es dabei weniger um »bio« als um eine generelle Haltung. Die Neo-Ökologie ist ein Megatrend, der in unterschiedlichen Ausrichtungen und mit einer Vielzahl von Subtrends daherkommt. Unternehmen sollten sich vorab fragen: »Was mache ich wann, wo, wie viel und warum?« Egal ob Circular Economy, Achtsamkeit, Bio-Boom oder Ladenbau, der komplett aus Müll besteht, zentral sei Glaubwürdigkeit und eine zeitgemäße Umsetzung. Die Kölner Boutique Shipsheip etwa setzt auf Fair Fashion, allerdings in cleaner Anmutung und hippem Ambiente: »Das ist keine Müsli-Bude, sondern sehr modern.« Keine Ausnahme, sondern mittlerweile die Regel, denn: »Natürlich gibt es die Althippies mit Jutetasche, das Thema Nachhaltigkeit wird aber gesellschaftlich immer breiter. Das ist der Greta-Effekt. Und langfristig ist diese Haltung ein handfester Wettbewerbsvorteil.«
Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Live-Schaltung nach New York, wo die Expertinnen des Marktforschers Fashion Snoop die Verbindung zwischen den Bedürfnissen der Konsumenten und zukünftigen Produkten aufzeigten. So führt beispielsweise der Trend zum Selberkochen dazu, dass immer mehr Menschen auch ihr eigenes Gemüse anbauen wollen. Entsprechend boomen Gartenbedarf und Anbausets für die Terrasse. Der Wunsch nach mehr Natürlichkeit fördert den Einsatz ursprünglicher Ressourcen, das Pendel schlägt zurück zu Low Tech und Personalisierung und die tiefere Bedeutung von Produkten werden zu Schlüsselargumenten im Verkauf: »Die Konsumenten beginnen über die Herkunft der Dinge, die sie kaufen, nachzudenken. Das ist ein Prozess, den man nicht mehr stoppen kann.«

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