Brinkmann: »Wir brauchen mehr als offene Läde...

Brinkmann: »Wir brauchen mehr als offene Läden«

Bugatti GmbH
Klaus Brinkmann, geschäftsführendem Gesellschafter der Bugatti-Brinkmann-Gruppe
Klaus Brinkmann, geschäftsführendem Gesellschafter der Bugatti-Brinkmann-Gruppe

Die Textilzeitung sprach mit Klaus Brinkmann, geschäftsführender Gesellschafter der Bugatti-Brinkmann-Gruppe, über Frequenz und Stimmung im Handel sowie Messe- und Liefertermine.

Am 2. Mai dürfen in Österreich alle Shoppingcenter und alle Läden wieder aufsperren, die Gastronomie allerdings erst am 15. Mai. Welche Erwartungen haben Sie in die schrittweise Öffnung?

Brinkmann: Drehen wir den Spieß doch einmal um. Wir wissen, dass Modegeschäfte Erlebniswelten, Kaffee- und Champagnerbars brauchen, Unterhaltung und Events, damit die Frequenz entsteht. Und mit der Frequenz entsteht der Umsatz. Wenn es diese Frequenzbringer nicht gibt, dann kommen ein paar Modeenthusiasten und Bedarfskäufer.

Österreichs größte Tageszeitung hat am Sonntag in ihrer Beilage getitelt: „Frühlingsmode: Wir blühen auf. Endlich raus aus Pyjama & Jogginghose, rein in die neuen Blütenkleider.“ Marketing-Wunschdenken oder Realität?

Brinkmann: Das lässt sich noch schwer einschätzen. Wir dürfen einen Fehler nicht machen: von uns selbst auszugehen. Wir haben ein schönes Zuhause, einen Garten, genügend Platz. Der Mainstream wohnt auf 60 bis 80 Quadratmetern mit zwei Kindern und einem Hund. Wenn diese Menschen sich draußen wieder bewegen können, miteinander etwas erleben dürfen, dann ist die Grundstimmung wieder positiver. Ich war daher immer für die schnelle Öffnung, egal wie viele Quadratmeter, nur keine kostbare Zeit verschenken. In Deutschland ist das nicht so einheitlich wie in Österreich, da hat ja jedes Bundesland seine eigenen Regeln. Natürlich muss man sich das von Woche zu Woche anschauen, wie sich die Zahlen entwickeln. Das wird jetzt wirklich die Politik der kleinen Schritte.

Dennoch muss die Branche planen, Messetermine sind zu vereinbaren, Liefertermine zu verschieben. Nach dem Totalausfall von Berlin konzentriert sich alles auf Düsseldorf.

Brinkmann: Als Vorsitzender von Fashionet, das den Termin für die Showrooms in Düsseldorf ja koordiniert, kann ich Ihnen versichern: Wir haben lange hin und her überlegt und uns jetzt für das Wochenende 8 bis 10. August entschieden. Das ist deutlich später als sonst, aber früh genug, damit wir die Teile dann auch noch rechtzeitig produzieren können.

So gesehen mutet der Termin von Pitti Uomo Anfang September dann doch seltsam an?

Brinkmann: Ich glaube, dieser Termin ist der besonderen tragischen Situation in Italien geschuldet. Es ist ein Termin, an den jetzt alle glauben wollen. Wenn er so stattfindet, dann wird Pitti Uomo eine ganz andere Idee brauchen als die Trends der HAKA-Sommermode 2021 vorzustellen.

Es gibt viele Stimmen, die meinen, man sollte Corona nutzen und die Saisonen endlich der klimabedingten Änderung der Temperaturen anpassen. Bis Ende November braucht man in Mitteleuropa keinen Wintermantel.

Brinkmann: Wir werden sicher einige Wochen nach hinten verschieben, aber dass wir Wintermäntel erst im November ausliefern, das glaube ich nicht. Bei den hochwertigen Teilen will der Konsument ja nicht „ready to wear“ sondern „so früh wie möglich“. Diesen Trend wird auch Corona nicht verändern.

Manche Händler meinen, die Industrie werde auch nicht alles rechtzeitig liefern können?

Brinkmann: Wir könnten die Ware pünktlich ausliefern. Aber der Handel hat zwei wesentliche Themen: den enormen Warendruck und die Liquidität. Beides versuchen wir partnerschaftlich zu lösen. Wir liefern weniger und später aus und wir haben neue Zahlungsziele vereinbart, die von Land zu Land zwischen 30 und 60 Tagen liegen. Ich bin seit 40 Jahren in dieser Branche: Zu wenig Ware habe ich noch nie erlebt. Sollte die Konsumlust stärker sein, dann haben wir genug Ideen und Kapazitäten, das auch zu bewältigen.

In der jetzt laufenden Saison wird der Warendruck aber enorm sein?

Brinkmann: Das befürchte ich auch. Nur so viel: Verbrennen können wir die Ware nicht, das hält die Industrie nicht aus. Man kann Dinge in die nächste Saison mitnehmen.

Wenn die Läden jetzt aufsperren, auch die großen, wird es wohl zu einer nie dagewesenen Rabattschlacht kommen? Obwohl das niemand brauchen kann.

Brinkmann: Ich würde mich ja gerne positiv überraschen lassen, aber ich bin skeptisch. Immer, wenn zu viel Ware am Markt war, hat es frühe Rabatte gegeben. Der Handel will die bestmöglichen Zahlen erreichen, muss liquide bleiben. Egal ob zu viel Sonne oder zu viel Schnee – das hat immer im frühen Rabatt geendet. Wir würden es uns alle wünschen, dass es nicht über den Preis gespielt wird. Doch wenn der erste Große anfängt, dann braucht man schon viel Stärke, da nicht mitzuspielen. Ich hoffe wenigstens, dass nicht die wirkliche Sommerware verschleudert wird. Rabatte auf Hochsommerbermudas und Trägerkleidchen sind jetzt echt nicht notwendig. Das kann man noch viele Wochen regulär verkaufen.

Die Läden waren jetzt mehr als vier Wochen zu. Aber auch Online ging nicht die Post ab?

Brinkmann: Niemand muss Mode kaufen, weil er sie braucht. Dafür muss man in Stimmung sein, sich das leisten wollen. Diese Grundstimmung braucht der Modemarkt. Wir waren die ersten betroffenen und wir werden leider zu den letzten gehören, die sich erholen werden. Die Branche hat Angst – zurecht – denn es werden viele Marktteilnehmer die Krise nicht überleben.

Die Brinkmann-Gruppe schafft das aber?

Brinkmann: Davon gehe ich ganz sicher aus.

In Österreich fehlen im Handel auch die Touristen…

Brinkmann: Sie werden die ersten in Europa sein, die wieder welche haben werden, davon bin ich überzeugt. Ihr habt die Pandemie so gut im Griff, es ist so ein schönes Urlaubsland, wir Deutschen lieben es.

Ihr Außenminister Maas ist da anderer Meinung, die Deutschen sollen in Deutschland Urlaub machen.

Brinkmann: Die Deutschen machen in so vielen Ländern Urlaub, wo sie bestimmt im Sommer nicht hindürfen oder wollen, die fahren gerne nach Österreich und kaufen da dann auch das eine oder andere farbige Urlaubsteil, das sie zu Hause nie mehr anziehen. Diese Urlaubskäufe zeigen doch am besten, wovon Modeeinkauf abhängt: von der Stimmung, sich was zu gönnen. Da müssen wir wieder hin.

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