Aigner: 55 Jahre und kein bisschen leise
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55 Jahre und kein bisschen leise

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In der Modelleria von Aigner werden auch Lehrlinge ausgebildet und Reparaturen durchgeführt.
In der Modelleria von Aigner werden auch Lehrlinge ausgebildet und Reparaturen durchgeführt.

Das Münchner Label Aigner performt von Saison zu Saison besser, selbst in Corona trotzen die Münchner im DACH-Raum der Krise. Die ÖTZ hat Sibylle Schön und ihre Erfolgsmannschaft am neuen Firmensitz besucht.

München-Sendling, Zielstattstraße 27: Auf 4.000 Quadratmetern residiert hier das Münchner Label Aigner, das heuer sein 55jähriges Bestehen feiert. Neben Büros und einem Designcenter gibt es sogar eine eigene Feintäschnerei (Modelleria), in der Lehrlinge ausgebildet und Stücke aus aller Welt repariert werden.
Im 900 Quadratmetern großen Showroom kommt die wunderschöne Kollektion für FS 2021 so richtig gut zur Geltung und dank der großzügigen Anordnung ist Abstand-Halten kein Problem. Viele Händler haben sich in den vergangenen Wochen dort eingefunden, um sich die Kollektion persönlich anzusehen, obwohl die gesamte Order coronabedingt auch digital verfügbar ist. Wer noch Zeit hat, sieht sich den History-Room an: ein Ausstellungsraum für die Aigner-Highlights aus den letzten fünf Jahrzehnten. Denn die Marke hat ihre Wurzeln beim gebürtigen Ungar Etienne Aigner, der in den 1930er Jahren bei den Pariser Haute-Couture-Schauen erste Erfolge feierte.  In den 1950er Jahren ging es über Wien, Paris und New York nach München, wo 1965 die Geburtsstunde der Kultmarke Aigner in Deutschland schlug.

Geschichte als Visitenkarte und Inspiration

Im History-Room gibt es nicht nur Gürteln und Taschen, sondern auch Pfeifenaschenbecher, Briefständer und -öffner, riesiges Reisegepäck ohne Ende, klassische Spiele wie Schach und Kleinlederwaren - alle im typischen Burgundy mit dem Hufeisen als Markenzeichen. Von einem Gürtel als Abiturgeschenk haben Mädchen Jahrgang 1965 und älter geträumt, jene aus begütertem Haus durften sich zu Weihnachten auch Stiefel wünschen. Denn in den 1970er-Jahren war Aigner eine deutsche Jet-Set-Marke. Heute ist Aigner repositioniert – national wie international.


Der History-Room am Firmensitz von Aigner
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Der History-Room am Firmensitz von Aigner

Der Raum ist für Christian Beck eine wichtige Inspirationsquelle für neue Kollektionen und Produktideen. Seit ihn Sibylle Schön, die seit 2008 an der Spitze des damals schwer angeschlagenen Labels steht, ins Boot geholt hat, performt Aigner kontinuierlich von Saison zu Saison. »Produkt, Distribution, Marketing« lautet die Erfolgsstrategie von Sibylle Schön, die keinen der drei Punkte vernachlässigt. Für das Produkt sorgt Christian Beck mit höchster Kreativität, für die Distribution Peter Schwarz, ein Sales-Direktor der Sonderklasse, im Handel vernetzt, sympathisch und stets in engstem Kontakt mit den Kunden. All dies liegt Schön am Herzen, ebenso wie das Marketing. Mit dem Gefühl für die richtigen Testimonials zur richtigen Zeit – man erinnere sich doch an den Hype um Iris Apfel – dem balancierten Mix aus Social Media und Printwerbung in hochwertigen Modemagazinen erntet man selbst in Corona-Zeiten die Früchte: Ein sechsseitiges Porträt in der deutschen Gala, dort auch noch zur „deutschen Antwort auf Hermès“ geadelt, das zeigt die Positionierung der Marke. »Das tut schon ganz gut in diesen Tagen«, so Sibylle Schön.


Kreativdirektor Christian Beck
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Kreativdirektor Christian Beck

Zeitlos, klassisch, hochwertig

Was lief schief, bevor Aigner-Eigentümerin Evi Brandl Sibylle Schön für die Marke gewinnen konnte? »Unsere DNA ist zeitlos, klassisch und qualitativ hochwertig. Dann gab es einen Punkt, da hat man sich für diese Werte geschämt, klassisch mit angestaubt verwechselt. Man wollte Gucci und Prada sein, hat sich aufgeführt wie Louis Vuitton. Das war Aigner nie und wird es nie sein«, erzählt Schön. Back to the roots war die Devise. »Die ersten fünf Jahre waren schwierig, wir konnten immer nur das investieren, was auch verdient wurde«, erinnert sich Schön. Die Internationalisierung der Marke trieb sie mit sehr viel persönlichem Engagement an. Sie reiste viel in den Nahen und den Fernen Osten, um mit den richtigen Partnern an den richtigen Standorten Aigner-Shops zu etablieren.
Seit 2009 gehört Aigner zu den ganz wenigen deutschen Labels, die bei der Mailänder Fashion Week zweimal im Jahr ihre Kollektion zeigen. Das letzte Mal bei traumhaftem Wetter direkt neben dem Mailänder Dom im September 2019. Für 2020 hatte Schön keine Show geplant, sondern die Teilnahme am Wiener Opernball. Das sollte das Auftakt-Event für das Jubiläumsjahr werden – ein paar Tage später stand die Welt Kopf. Das im Zelt der Aigner-Eigentümerin Evi Brandl geplante 55-Jahr-Geburtstagsfest fiel mit der Wiesn-Absage ins Wasser. »Wir waren schon froh, als wir unsere Kunden wieder besuchen durften«, sagt Peter Schwarz, der sich am ersten möglichen Tag ins Auto setzte und zum größten österreichischen Aigner-Händler in Waidhofen an der Ybbs fuhr.  Was den Kunden positiv aufgefallen ist. »So mancher Außendienst stellt sich noch immer tot«, schüttelt Schwarz den Kopf. Diesen in den Sand zu stecken ist keine Strategie der Münchner. Für die Herbst/Winter-Kollektion 2020 gibt Schön richtig Gas. Die Kampagne wurde mit dem Topmodell Kim Riekenberg geshootet, der Folder mit einem sehr klassischen Aigner-Beutel am Cover ist so prächtig wie man es von Aigner gewohnt ist.

Jubiläums-Aktivitäten

Im Shutdown hat Christian Beck mehrsprachig kleine Videos gedreht, um den Kunden die neuen Teile präsentieren zu können. Ende August, zum Start der Wintersaison, machte Aigner mit einer aufwändigen Schaufenster-Kampagne bei Oberpollinger in München und in den Galeries Lafayette in Berlin von sich reden. »Wir haben das Glück, dass Aigner eben nicht nur mit Touristen funktioniert«, erklärt Schön.
Es passt zur DNA des Unternehmens, dass es zum Jubiläumsjahr unter »Cybill one of one« 55 Unikate gibt, die sich trotz Corona bestens verkaufen. Sie tragen klingende Namen wie Perla, Ferro, Scala oder Charleston und es gibt sie nur einmal auf der Welt. Jede wurde in Florenz bei einem Produzenten, mit dem man seit über 40 Jahren zusammenarbeitet, handgefertigt und erscheint in einem eigenen, unverwechselbaren Look. Von hochwertigen Materialien, aufwendigen Stickereien und Applikationen bis hin zu aufwendiger Handwerkskunst. Die Farbpalette umfasst Naturtöne aber auch knallige Töne wie Pink. Das Besondere: Auf der Rückseite der Tasche befindet sich eine goldene Limitierungs-Plakette. Die Taschen kosten ab 3.500 € und allein der Shop in Kitzbühel hat schon sechs verkauft. Apropos Kitzbühel: Dieser Aigner-Laden gehört zu den Best-Performern im Jubiläumsjahr.


Der Showroom am Firmensitz
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Der Showroom am Firmensitz

Sorgenvoll schaut Sibylle Schön auf den Export. Manche Länder sind aus Corona noch nicht erwacht, in anderen läuft es besser – im DACH-Raum eigentlich sehr gut. In diesen schwierigen Zeiten bewährt es sich, dass Aigner die vergangenen Jahre sehr verantwortungsvoll gewirtschaftet hat. Schön führt das Unternehmen nach dem Motto: »Wenn ich meine Miete nicht zahlen kann, dann kaufe ich mir keine neue Wohnungseinrichtung.«
Für 2021 hat Aigner große Pläne. Unter anderem wurde ein Mega-Star als Testimonial unter Vertrag genommen. Es bleibt spannend in der Zielstattstraße.  

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