Studie: Corona bedroht 158.000 Jobs in Europa...
Studie

Corona bedroht 158.000 Jobs in Europas Textilindustrie

Die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie wird heuer um 19 % einbrechen, sich nächstes Jahr aber bereits wieder spürbar erholen, heißt es in einer aktuellen Studie des Kreditversicherers Euler Hermes. Die Experten sehen in der Krise auch eine Chance.

»Wir gehen davon aus, dass trotz der zahlreichen Unterstützungsmaßnahmen etwa 13.000 Unternehmen in Europa bis Ende 2021 verschwinden und damit rund 158.000 Jobs in der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie in Gefahr sein dürften«, fasste Ron van het Hof, Chef von Euler Hermes für Deutschland, Österreich und die Schweiz, das Ergebnis zusammen. Das entspricht in etwa 6 % der Branchenunternehmen bzw. 8 % der Beschäftigten.
Laut der Studie dürften die Umsätze der europäischen Textil- und Bekleidungshersteller in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie um rund 19 % einbrechen, sich nächstes Jahr aber immerhin wieder um 15 % erholen. »An das Vorkrisenniveau dürfte der Umsatz aber wohl nicht vor 2023 anknüpfen«, sagte der Euler-Hermes-Branchenexperte Aurélien Duthoit.

Deutschland schlägt sich wacker

Die Textilindustrie in Deutschland dürfte der Studie zufolge noch mit einem blauen Auge davonkommen. Dort werde der Umsatzeinbruch mit 12 % deutlich geringer ausfallen als etwa in Italien (- 22 %) und Frankreich (- 17 %). Die Gründe dafür seien zum einen der wesentlich kürzere und weniger strikte Lockdown und die vergleichsweise schnellere Wiedereröffnung der Einzelhandelsgeschäfte. Zum anderen spiele aber auch die stärkere Diversifizierung und zahlreiche Nischenhersteller, betonte der Kreditversicherer. Dadurch sei die Abhängigkeit vom kriselnden Modehandel geringer.

Krise als Chance zur Abkehr von Fast Fashion

»Es gibt neben Schatten auch Licht, denn die Branche ist weitaus widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger aufgestellt als noch 2009«, heißt es in der Analyse. »Die europäische Handelsbilanz im Textil- und Bekleidungssektor hat sich zuletzt erheblich verbessert. Zudem haben die Unternehmen Produktionsfortschritte und ein dynamisches Wachstum in jenen Segmenten erzielt, in denen sie am wettbewerbsfähigsten sind.«
Mit entsprechender staatlicher Unterstützung könnte die Textilindustrie auch den Forderungen nach einer grüneren und digitaleren Wirtschaft entsprechen, sagt Duthoit. »Der Schlüssel dafür ist insbesondere eine Abkehr vom schnellen Konsum und Fast Fashion.« Eine umweltfreundlichere Textilindustrie würde mehr Wert auf Qualität statt auf Quantität legen und eine Abkehr vom Fast-Fashion-Paradigma darstellen, das den Interessen der europäischen Fertigungsindustrie seit jeher vollkommen widerspricht. Der boomende Pro-Kopf-Kleidungsverbrauch hat seinen Preis: Die Industrie verursacht weltweit etwa 10% aller Treibhausgasemissionen.

Vorbild Italien

Vorbild könne Italien sein, wo die Verbraucher, Einzelhändler und Hersteller entgegen den globalen Trends eine Präferenz für teurere, qualitativ hochwertigere, lokal hergestellte Bekleidung behalten hätten. »Weniger Importe von Kleidung und ein Ersatz durch lokale Herstellung würden der europäischen Textilindustrie spürbar mehr Schwung geben«, betonte Duthoit. Dazu muss allerdings ein Umdenken stattfinden – sowohl bei Verbrauchern als auch im Einzelhandel.

Die vollständige Studie finden Sie hier zum Download (auf Englisch).

stats