Fast Fashion: Textilindustrie als Corona-Hots...
Fast Fashion

Textilindustrie als Corona-Hotspot

Dieu Nalio Chery / AP / picturedesk.com

Nachdem Zalando und Asos die Zusammenarbeit mit dem britischen Fast Fashion-Anbieter Boohoo aufgekündigt haben, zeigen sich die Missstände in der britischen Textilindustrie.

Die Industrielle Revolution hat den Grundstein für unseren heutigen Wohlstand gelegt und die Art, wie wir leben, radikal  verändert – mit positiven, aber auch negativen Auswirkungen. Viele Probleme, die durch den Wechsel vom Handwerk zur Fabriksarbeit oder vom Landleben zum Stadtleben entstanden sind, wurden seit dem 19. Jahrhundert behoben. Manche aber bestehen weiterhin. In den vergangenen Wochen geriet besonders die Fleischindustrie in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht nur der Schlachterei-Gigant Tönnies, auch The Yard im US-amerikanischen Chicago stand und steht massiv unter Beschuss. Diese gigantische Fleischer-Anlage gilt als eine der Keimzellen der Industriellen Revolution auf der anderen Seite des Atlantiks. Auf dieser Seite verbindet man mit der historischen Entwicklung eher die Textilindustrie, die in Europa die Produktion in großem Maßstab begründet hat.

Zustände wie im 19. Jahrhundert

Die Vorwürfe, mit denen beide Branchen zurzeit konfrontiert sind, sind jedoch die gleichen: Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert, Lohndumping, moderne Sklaverei. Allerdings sind die Leidtragenden von heute keine Kinder (zumindest das ist in westlichen Industriestaaten nicht mehr möglich) oder die verarmte Landbevölkerung, sondern Arbeitsmigranten aus Asien und Osteuropa. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich momentan auf das englische Leicester, das durch die Industrialisierung groß wurde. Seit 1796 erzeugte man dort Hemden, ab 1810 setzte man auf die Sockenproduktion, die Handschuhmacherei erreichte 1845 ihren Zenit. Auch heute ist hier noch ein bedeutender Standort der Textilindustrie. Diese bietet fast 10 Prozent der britischen Industrie-Arbeiter Beschäftigung.

Leicester, das heimischen Fußballfans wohl eher wegen Christian Fuchs, der hier seit 2015 kickt, bekannt ist, geriet kürzlich in die Schlagzeilen, nachdem Zalando und Asos ankündigten, Mode des britischen Fast-Fashion-Herstellers Boohoo aus dem Angebot zu nehmen.

Polizeiliche Untersuchungen

Der Hintergrund: In der mittelenglischen Stadt kam es während des Corona-Lockdowns immer wieder zu Verletzungen der Ausgangsbeschränkungen. Kurz nach den Lockerungen stiegen hier die Infektionszahlen. Die Stadt mit rund 350.000 Einwohnern zählte im Wochen-Schnitt 135 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – ein Wert, der dreimal so hoch ist wie der in der nächstfolgenden Stadt. Leicester stellte damit zehn Prozent aller neuen Fälle in Großbritannien. Seit 30. Juni ist Leicester die erste Stadt in Großbritannien, in denen Lockerungen wieder rückgängig gemacht wurden.

In den Textilfabriken vor Ort begannen behördliche Untersuchungen. Wie ein Sprecher der National Crime Agency erklärte, habe man wegen moderner Sklaverei und Menschenhandel Untersuchungen eingeleitet. Laut der britischen Sunday Times würden Arbeiter, die die Kleidungsstücke für Boohoos »Nasty Gal«-Kollektion herstellten, einen Lohn von 3,50 Pfund in der Stunde bekommen – bei einem britischen Kollektivlohn von 8,72 Pfund. Auch würde die grundlegende Arbeitssicherheit systematisch ignoriert. Die Behörden sahen zudem keinerlei Bemühungen, der Verbreitung des Corona-Virus Einhalt zu gebieten. So hätte man keine Arbeiter mit Maske angetroffen und auch Abstandsregeln seien nicht implementiert worden. Zudem seien Arbeiter, die bereits an Covid-19 erkrankt waren, gezwungen worden zur Arbeit zu kommen.

Schadensbegrenzung

Die britische Boohoo-Gruppe ist ein Online-Retailer, der Mode für 16- bis 30-Jährige anbietet. Das Unternehmen wurde 2006 gegründet und setzte 2019 knapp 860 Millionen Pfund Sterling um. Die Kollektionen umfassen über 36.000 Einzelartikel. Erst heuer erwarb man die Online-Geschäfte von Oasis und Warehouse sowie MissPap, Karen Millen und Coast. Bis Februar stieg der Umsatz um 44 Prozent. Die Boohoo-Gründer Mahmud Kamani und Carol Kane erhielten mehr als 1,3 Millionen Pfund als Bonus für das vergangene Geschäftsjahr. Während des Lockdowns gingen die Umsätze des Online-Händlers steil nach oben. Besonders Loungewear und Athleisure waren gefragt.

Seit Juli haben die Aktien von Boohoo auf Grund der aktuellen Vorwürfe allerdings ein Fünftel ihres Wertes verloren. Mittlerweile bemüht sich das Unternehmen um Schadensbegrenzung. Von den Vorwürfen höre man zum ersten Mal, sollten diese aber wahr sein, sei das »völlig inakzeptabel«. Boohoo hatte bereits vor einigen Monaten angekündigt, ein vollständiges Audit aller Fabriken durchführen lassen zu wollen. Man wolle überprüfen, ob alle Lieferanten die Regeln zu Mindestlohn und Sicherheitsbestimmungen einhielten. Auf politischen Druck hin will das Unternehmen dafür nun unabhängige Stellen heranziehen.

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