Pleitewelle: Adler darf sich in Eigenregie sa...
Pleitewelle

Adler darf sich in Eigenregie sanieren

Adler Modemärkte

Die Modekette Adler darf sich in Eigenregie sanieren. Das zuständige Gericht gab dem Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung statt. Der deutsche Branchenverband sieht zehntausende Modegeschäfte gefährdet.

Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung bleibt der Vorstand im Amt, jedoch unter der Aufsicht eines Sachwalters, der die Interessen der Gläubiger vertritt. Mit dieser Aufgabe wurde der Rechtsanwalt Tobias Wahl von der Mannheimer Kanzlei Anchor beauftragt. Er hatte für das Gericht bereits ein Gutachten über die Lage bei Adler angefertigt. Nun wird ein Insolvenzplan erstellt. Das Geschäft soll weitergeführt werden – aufgrund des Lockdowns allerdings vorerst hinter geschlossenen Geschäftstüren.

Adler in Österreich

Die Auslandstöchter sind von der Insolvenz derzeit nicht betroffen. Adler ist auch in Österreich mit 24 Filialen vertreten und beschäftigt hierzulande rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die hiesige Landesgesellschaft werde »ihre Geschäfte im normalen Geschäftsbetrieb unverändert fortführen«, teilt Adler mit. Freilich erfolgt etwa der Warenbezug der österreichischen Gesellschaft annähernd zu 100 % über die deutsche Muttergesellschaft. Schon früher haben Pleiten deutscher Gesellschaften ihre Ableger in Österreich mit in die Insolvenz gerissen. Die größte Pleite des Jahres 2020 im österreichischen Modehandel war jene des Filialisten Colloseum mit 57 Standorten, die auf die Insolvenz der deutschen Muttergesellschaft folgte. Mit 329 betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war sie eine der größten Insolvenzen des Jahres 2020 in Österreich.2019 hat Adler in Österreich mit 67,3 Mio. € weniger umgesetzt als 2018 (68,2 Mio. €). Der Österreich-Gewinn hat sich im Jahr 2019 auf 0,6 Mio. € mehr als halbiert.

Nach neun Monaten mehr als 60 Mio. Euro Verlust

Adler hatte am 11. Jänner Insolvenz wegen Überschuldung angemeldet und den Sanierungsexperten Christian Gerloff zum Generalbevollmächtigten bestellt. Die angeordnete Schließung fast aller 171 Geschäfte in Deutschland habe zu einem neuerlichen Umsatzeinbruch und einer Liquiditätslücke geführt, hatte Adler erklärt. Es sei kurzfristig nicht gelungen, frisches Geld von Investoren oder Staatshilfen zu bekommen.
Adler hat sich auf Kunden über 55 Jahre spezialisiert, im Onlinehandel ist das Unternehmen schon lange aktiv, der weitaus größte Teil des Geschäfts findet allerdings in den Filialen statt. Der Umsatz war schon in den ersten neun Monaten – also vor dem zweiten Lockdown, der in Deutschland seit 16. Dezember in Kraft ist – um ein Drittel eingebrochen. Der Jahresverlust nach Steuern summierte sich bereits bis Ende September auf 63 Mio. € (9M 2019: - 10,3 Mio. €). Seither habe sich die Situation nochmals »massiv verschärft«, teilt Adler mit.
Eine Überschuldung liegt vor, wenn ein Unternehmen in absehbarer Zeit seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Offenbar hatte Adler angesichts der prekären Lage keine positive Fortführungsprognose von einem externen Experten mehr attestiert bekommen. Mit dieser Bestätigung guter Sanierungschancen hätte sich eine Insolvenz wegen Überschuldung abwenden lassen. Adler hatte im Frühjahr einen Hilfskredit über 69 Mio. € erhalten, der mit einer Staatsbürgschaft abgesichert war.

Vorstand sieht gute Marktposition

Der Vorstand zeigt sich ungeachtet der aktuell prekären Lage optimistisch: Man sehe sich »für die Zukunft angesichts der marktführenden Position in dem kaufkraftstarken Segment der Altersgruppe ab 55 Jahre und der einzigartigen Kundenbindung mit mehr als drei Millionen aktiven Kundenkartenbesitzern gut positioniert, um nach erfolgter finanzieller Sanierung wieder auf einen profitablen Wachstumskurs zurückzukehren«, teilt das Unternehmen mit. Unter anderem sei nun »ein massiver Ausbau der Online-Aktivitäten« geplant.

Enorme Insolvenzwelle im Rollen

Im deutschen Modehandel hat bereits im Frühjahr eine enorme Insolvenzwelle begonnen. Betroffen waren u. a. Großunternehmen wie Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, AppelrathCüppers und Hallhuber. Und weitere dürften bald folgen. Davon gehen sowohl der Kreditversicherer Euler Hermes als auch der deutsche Handelsverband Textil (BTE) aus. Bei Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn und AppelrathCüpper ist die Sanierung über einen Insolvenzplan bereits geglückt, auch das Verfahren über mehrere Gesellschaften der Esprit-Gruppe wurde mit Ende des Vorjahres erfolgreich beendet.
Doch mit der zweiten Lockdown-Phase droht nun eine abermalige Pleitewelle. »Viele Unternehmen haben auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt«, sagte der Deutschland-Chef des Kreditversicherers Euler Hermes, Ron van het Hof, der Deutschen Presse-Agentur. Mit dem Lockdown sei diese Hoffnung allerdings verflogen. Auch beim Handelsverband Textil (BTE) heißt es mit Blick auf den Adler-Insolvenzantrag: »Das wird nicht der Letzte sein.« Modehändler benötigten aktuell viel Geld, um die Ware für das Frühjahr und den Sommer zu bezahlen. Doch Geld sei knapp – auch weil bisher keine nennenswerten Hilfen des Staats in der Branche angekommen seien. Ende Jänner dürften sich nach Schätzungen des BTE eine halbe Milliarde unverkaufter Modeartikel in den Läden auftürmen. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Winterware, die angesichts des nahenden Frühlings Tag für Tag an Wert verliert. Branchenkenner Ron van het Hof rechnet nach der Wiedereröffnung der Läden deshalb mit regelrechten »Rabattschlachten«. Der BTE befürchtet, dass in Deutschland zehntausende Modegeschäfte und über 100.000 Arbeitsplätze gefährdet sind.

Insolvenzverfahren als Sanierungsinstrument

Auffällig ist: Bisher sind es vor allem die Großen, die trotz der Teil-Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Schutz im Insolvenzverfahren suchen. Euler Hermes registrierte im textilen Einzelhandel allein in den ersten neun Monaten 2020 insgesamt acht sogenannte Großinsolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von mehr als 50 Mio. €. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2019 waren es nur drei. Die Branchenriesen nutzen damit mehr noch als kleinere Wettbewerber das Insolvenzverfahren als Sanierungswerkzeug, um Schulden loszuwerden, aus lange laufenden, teuren Mietverträgen herauszukommen und sich leichter von Mitarbeitern zu trennen.

Erholung erst 2023 erwartet

Rasche Besserung für die Branche ist nicht in Sicht, selbst wenn es im Laufe des Jahres gelingen sollte, die Pandemie dank der Impfungen in den Griff zu bekommen. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erwartet Euler Hermes im Modehandel erst im Laufe des Jahres 2023 – und somit später als in den meisten anderen Sektoren. »Es ist also eine lange Durststrecke, die die Unternehmen meistern müssen. Es trennt sich die Spreu vom Weizen«, meinte Ron van het Hof.
Dabei stand die Branche schon vor der Pandemie unter Druck. Die Umsätze im stationären Modehandel sind seit Jahren rückläufig. Gut liefen die Geschäfte vor allem für Online-Händler und Fast-Fashion-Anbieter wie Primark. Die Anzahl der Betriebe in der Bekleidungsbranche sank nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung PwC zwischen 2010 und 2019 um fast ein Drittel. Vor allem viele kleinere Betriebe mit weniger als 100 Beschäftigten verschwanden vom Markt. »Wir beobachten, dass Marktteilnehmer ohne strategische Neuausrichtung verschwinden und für hohe Leerstände in deutschen Innenstädten sorgen«, sagt PwC-Handelsexperte Stefan Schwertel.

In Österreich kommt die Pleitewelle verzögert an

In Österreich ist die Zahl der Insolvenzen im Vorjahr dank der staatlichen Coronahilfen sogar deutlich um rund 40 % gesunken. Für heuer erwarten die Kreditschutzverbände spätestens ab dem zweiten Halbjahr eine Insolvenzwelle, sowohl bei Firmen als auch bei Privaten. Aufgrund des »extremen Rückstaus an Insolvenzen und der Zunahme der verschuldeten Haushalte infolge des Verlusts tausender Arbeitsplätze steht fest, dass auf Österreich eine Insolvenzwelle zukommen wird«, heißt es etwa vom Alpenländischen Kreditorenverband (AKV). Man rechne damit, dass die Stundungen der öffentlichen Abgaben und Beiträge über den 31. März 2021 hinaus nicht verlängert werden.
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