Corona-Krise: »Bei Vielen ist das Eigenkapita...
Corona-Krise

»Bei Vielen ist das Eigenkapital aufgezehrt«

Foto Weinwurm
Günther Rossmanith, Obmann des Bundesgremiums Handel mit Mode und Freizeitartikeln in der WKO
Günther Rossmanith, Obmann des Bundesgremiums Handel mit Mode und Freizeitartikeln in der WKO

Günther Rossmanith, seit November Obmann des Bundesgremiums Handel mit Mode und Freizeitartikeln, sieht die Verlängerung des Lockdowns als »Katastrophe«. Hauptproblem seien die hohen Warenbestände. Nun gelte es, die staatlichen Hilfsangebote zu nutzen.

Was bedeutet die abermalige Verlängerung des Lockdowns für den Modehandel?
Für uns ist das eine Katastrophe. Damit fehlt uns nach den wichtigen, umsatzstarken Tagen gleich nach Weihnachten auch die komplette Sale-Zeit. Selbst wenn nun der Öffnungstermin 8. Februar halten sollte – was bei weitem nicht fix ist: Die Wintersaison ist komplett gelaufen. Uns fehlen in der wichtigsten Zeit schon jetzt mehr als die Hälfte der Verkaufstage.

Was ist derzeit das Hauptproblem im Handel?
Die Händler sitzen auf Bergen von Winterware, die im Februar niemanden mehr interessiert. Manche Unternehmen haben erst 30 % ihrer Saisonware verkauft – und die Saison ist de facto zu Ende. Vor allem in den Tourismusregionen ist die Lage verheerend. Dazu zählen nicht nur die Schigebiete, sondern auch etwa die Wiener City. Die Frage wird sein, was wir ab dem 8. Februar überhaupt noch verkaufen können, und zu welchem Preis. Das hängt auch vom Wetter ab.

Es wird somit ab dem 8. Februar eine Rabattschlacht geben.
In der derzeitigen Wirtschaftslage herrscht generell große Kaufzurückhaltung. Der Preis ist das einzige Argument, das in dieser Situation bei den Kunden zieht. Fix ist auch, dass die Gastronomie noch zumindest bis März geschlossen bleibt. Wir wechseln also wieder in einen Soft Lockdown – ein Zustand, der schon im November und Dezember sehr schwierig für uns war, weil damit viel vom Shopping-Flair fehlt, speziell in den größeren Einkaufsdestinationen. Durch all das hat der Online-Handel einen massiven zusätzlichen Push bekommen. Auch die drei Wochen im Februar werden also sehr hart und schwierig werden. Dass zeitgleich mit dem Handel die Schulen öffnen begrüßen wir – immerhin ein Schritt zur Normalität, der auch vielen unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehr hilft.

Schon im Frühjahr hat es geheißen, der Lockdown träfe die Branche zur absoluten Unzeit. Da konnte noch niemand ahnen, dass es im Winter noch schlimmer wird.
Im Frühjahr/Sommer ist es uns dann gelungen, die Saison relativ lange bis in den August hineinzuziehen. Viele haben mit dem Schlussverkauf später gestartet. Von Mai bis August hatten wir also vier Monate eine nahezu ungestörte Verkaufszeit, beflügelt noch von der wärmeren Jahreszeit. Jetzt in der Winter-Saison lässt sich hingegen gar nichts mehr retten. Gerade bei den vielen kleinen Unternehmen ist die Verzweiflung groß.

Mit dem Ausfallsbonus wurde gestern wieder ein neues Hilfsinstrument der Bundesregierung vorgestellt.
Damit ist der Bauchladen an Instrumenten erneut um eine Facette reicher geworden. Das macht es für Unternehmer noch einmal schwieriger, sich hier den Überblick zu behalten. Selbst viele Steuerberater sind in dieser Materie nicht wirklich firm, auch weil sich viele Details viel zu oft ändern. Ich kann trotzdem nur jedem Händler raten, sich mit diesen Förderinstrumenten auseinanderzusetzen. Gerade den kleineren Unternehmen ist mit dem Ausfallbonus sicher geholfen, weil er unbürokratisch und ohne Steuerberater beantragt werden kann und schnell fließen soll.

Größere Betriebe stehen hingegen weiterhin bei der Obergrenze von 800.000 Euro an, weil der Ausfallbonus zum Fixkostenzuschuss II zugerechnet wird.
Die Obergrenze wurde soeben auf 1 Mio. Euro angehoben, aber tatsächlich ist diese Grenze weiterhin ein enormes Problem für größere Betriebe. Darum fordere ich auch klar, dass sich unsere Regierung bei der EU noch stärker dafür einsetzt, dass diese Deckelung angehoben wird. Wenn wir tatsächlich am 8. Februar wieder aufsperren können – und das ist wie gesagt alles andere als fix –, dann blicken wir auf insgesamt 90 geschlossene Einkaufstage zurück. Wenn das laut EU nicht mit einer Naturkatastrophe vergleichbar ist, ist das nicht zu verstehen. 
Bis dahin müssen sich größere Betriebe auf den Verlustersatz konzentrieren, wo das Fördervolumen bei bis zu 3 Mio. Euro liegt. Aber auch kleineren Betrieben raten wir, sich beide Varianten – Fixkostenzuschuss wie Verlustersatz – durchzurechnen, welche für sie die günstigere Option ist.

Bleiben wir bei den Förderinstrumenten und kommen wir gleichzeitig zurück zu den vollen Warenlagern: Gibt es beim Fixkostenzuschuss weiterhin die Möglichkeit, die saisonale Ware als »Abschreibungsposten« anzusetzen?
Ja, wir sind froh, dass wir diese Branchenlösung für saisonale Ware auch im Fixkostenzuschuss II verankert haben.

In Deutschland ist schon im Frühjahr eine ganze Reihe an Modehändlern in die Insolvenz gerutscht, in Österreich waren es bisher vor allem Tochterunternehmen ausländischer Filialisten. Sehen Sie jetzt auch auf unser Land eine Pleitewelle zukommen?
Bisher hat es nur solche Unternehmen erwischt, die schon zuvor angeschlagen waren. Ich befürchte aber, dass es jetzt mit zunehmender Dauer der Lockdowns verstärkt Betriebe erwischen wird, die bisher gut gewirtschaftet haben. Bei vielen ist nach zehn Monaten Pandemie das Eigenkapital aufgezehrt. Und besonders unter den kleinen Betrieben sind viele damit überfordert, sich im erwähnten Förderungsdschungel zurechtzufinden. Die Hälfte unserer Betriebe haben ein bis drei Mitarbeiter.

Wann ist all das vorbei?
Wir hoffen genauso wie alle stark auf die baldige Wirksamkeit der Impfung. Wir wünschen uns natürlich alle mehr Planungssicherheit. Aber in Zeiten einer Pandemie ist die tatsächlich nicht zu bekommen. Keiner hat vor drei Wochen gewusst, dass es überhaupt eine britische Mutation des Virus gibt. Und jetzt sind die Karten wieder neu gemischt.

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