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Pitti Uomo: Kick-off in Florenz

Die 91. Ausgabe der Pitti Uomo unterstrich einmal mehr die Bedeutung der Inszenierung von Mode.

Anti-Krisen-Stimmung und Gute-Laune-Kollektionen gehören zum harten Business einfach dazu! Keine Pitti Uomo in der Fortezza da Basso ohne Leitmotiv: »Pitti Dance Off« lautete diesmal das Motto, welches sich in der ehemals militärischen Bastion und dem heutigen Ausstellungsgelände wie ein roter Faden durchs künstlerische Layout zog. »Sag mir, wie du tanzt, und ich sage dir, wie du dich kleidest« wurde in der großen Installation vor der Haupthalle gewohnt ironisch umgesetzt: Tanzende Wischmops und Staubwedel, winkende Gummihandschuhe, wackelnde Putzkübel - den Ausfällen der Mechanik konnte man im Verlauf eines Messetages regelrecht zusehen.

Kälteschock in Florenz

War die Kälte daran schuld? Anhaltende Minusgrade sind in Florenz jedenfalls untypisch, die Einheimischen vermummten sich wie Eskimos und schlugen fluchend ihre früchtetragenden Zitrusbäumchen in schützendes Vlies ein. Der Winter ließ auch für manche österreichische Messebesucher die Anreise zur Tortur werden: flugplanbedingt keine Direktverbindung ab Wien/Schwechat, Stornos wegen leichten Schneetreibens über der Flug-Drehscheibe Frankfurt, Blitzeis auf den heimischen Autobahnen - um den Kick-off in die Orderrunde live zu erleben, musste man Strapazen auf sich nehmen. Und die Belohnung für die Mühen? 1.220 Marken und Kollektionen - davon rund 56 % aus Italien und darunter 210 Neuzugänge bzw. Rückkehrer (wie Z Zegna) - in 16 Sektionen thematisch gegliedert und auf 60.000 m² präsentiert.

Die »NEUEN«

Ganz neu: Der Bereich »HI BEAUTY«, welcher sich ums männliche Körperpflege-Drumherum samt Düfte annahm - ein wohlriechendes Beispiel für die Weiterentwicklung der Messe, die längst nicht mehr eine Mode-Schau sondern vielmehr eine Lifestyle-Show ist. Pusher für diesen Eindruck waren auch wieder dutzende Pop-up Stores mit zunehmend transversalem Angebot. Dieses Panoptikum offerierte so wunderliche Dinge wie schmucksteinbesetzte 300-Euro-Hundeleinen, vollverchromte E-Bikes oder leopardgemusterte Schuhlöffel mit Totenschädelgriff - wahrlich ein Ideenparadies für Concept Stores und solche, die es werden möchten!

Einem grundlegenden Treiber des Marktes - der Wiederentdeckung des Handwerks - widmete sich der Bereich »MAKE«. Mittendrin Hutmacher Zapf, seit 1893 im salzburgischen Werfen beheimatet. Für Eigentümerin Theresia Bartolot war es eine erfolgreiche Messepremiere. Freilich: Jägergrün und das Habsburger-erprobte Modell Lambert hatte sie gleich zuhause gelassen, hier in Florenz wurde auf die Trendfarbe Orange gesetzt. Ohne Tradition, dafür mit umso mehr Innovationsgeist präsentierte sich eine österreichisch-deutsche Koproduktion: Zwei vielgereiste Investmentbanker - Michael Kogelnik und Vinzent Wuttke - hängten ihre Jobs an den Nagel, um eine Integration von Trolley und Kleidersack für einen knitterfreien Anzugtransport zu entwickeln. Der Problemlöser namens Vocier (mit Firmensitz in Wiener Neustadt) ist bereits bei Harrods, Saks Fifth Avenue, KaDeWe und Alsterhaus gelistet - und der Pitti ist Türöffner für weitere Exportmärkte: Rund 24.300 Einkäufer aus über 100 Ländern prognostizierte der Veranstalter noch vor endgültigem Messeschluss - wobei der Einbruch bei Besuchern aus der Türkei vom wiedererstarkten Interesse aus Russland wettgemacht worden sei.  

»Made in Italy« by Brunello Cuccinelli

Geht's um den trendweisenden Total-Look »Made in Italy«, dann sind stets viele Augen auf Brunello Cucinelli gerichtet. Unermüdlich stellte er sich auch diesmal höchstpersönlich am Messestand den Gesprächen. Und am Abend gab er - wie zu jedem Pitti - noch den Gastgeber für sein legendäres Dinner für Kunden und Presse - diesmal ausgerichtet in den Glashäusern des größten Privatgartens der Stadt, dem Serre Torrigiani. Die aktuelle Kollektion hat Cucinelli mit »Die Kunst der Melange« übertitelt - eine diffizile Mischung, vor allem von Stilrichtungen. So trifft das Kreidestreifsakko auf Cord- oder Cargo-Hose und Denim-Hemd. Oder eine edle Lammfell-Bikerjacke auf die Flanell-Jogger. Ungewohnt beim Meister der Monochromie sind kräftige Farbakzente, allen voran gebranntes Orange. Neu ist auch der »Smooth Fit«, gekennzeichnet durch weichere, entspanntere Linien mit etwas mehr Volumen. Der Erfolg attestiert dem Designer ein gutes Händchen - Brunello Cucinelli gehört zu den wenigen Luxuslabels, die 2016 in sämtlichen Regionen zulegen konnten. In Europa, das 30 % des Gesamtumsatzes von rund 460 Mio. € ausmacht, kletterten die Erlöse um 5,8 %, in USA und Kanada (37 % des Umsatzes) um 7,1 % und in China (knapp 7 %) betrug das Plus gar 21,8 %.

Special Guest: Paul Smith

Zur Tradition des Pitti zählt, einen »Special Guest« zu präsentieren. Zur 91. Edition der Messe war Paul Smith, Ikone des Brit Style, geladen. Der 1946 in Nottingham geborene Unternehmer startete 1970 mit einem wenige Quadratmeter großen Geschäft. Heute gilt er als einer der erfolgreichsten Designer Großbritanniens (mit weltweit verbreiteter Ladenkette), für seine Verdienste um die Modewirtschaft wurde er von Prinz Charles zum Ritter geschlagen. In Florenz zeigte Sir Paul im Rahmen eines Sonderevents seine Kollektion PS by Paul Smith als Fusion zwischen Luxury Design und Performance-Effekten. Sprich Sportswear-Einflüsse an allen Ecken und Enden bis hin zum City Cycling Suit aus extrem strapazfähigem Cordura-Gewebe. Auch die Wendejacke mit reflektierendem Print war ein Verweis auf die Passion des Designers, der in seiner Jugend eigentlich Radrennfahrer werden wollte.

Menswear Guest Designer: Tim Coppens

Das Verschmelzen von Tailoring mit Active Wear sowie Street Culture war ebenso Thema bei Tim Coppens, diesjähriger »Menswear Guest Designer« der Pitti-Veranstalter. Der Belgier mit Wahlheimat New York war 2014 Finalist beim LVMH Prize und im selben Jahr Gewinner des CFDA Swarovski Award. Im Vorjahr wurde er zum Executive Creative Director von Under Armour berufen - dem von Kevin Plank 1996 gegründeten amerikanischen Sportartikelhersteller, der es mit den Marktführern Nike und Adidas aufnehmen will und dem bereits ein Umsatz von mehr als 4 Mrd. US-Dollar nachgesagt wird. Doch die Show unter der Tribüne des Hippodroms von Florenz galt Coppens eigener Kollektion. Lange Stadionmäntel mit Schwalbenschwanz, Glencheck-Sakkos mit Stretch-Einsätzen zu Trainingshosen und viel sportives Color-Blocking waren prägnante Key-Looks. Prädikat: Ein Hauch Postapokalypse mit Mad Max beeinflusster Ästhetik, dabei eine klar wiedererkennbare Handschrift.

Von: Christian Derflinger