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Pitti Uomo: Pitti. People. Perspektiven.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Was für ausländische Modemessen generell gilt, trifft auf den Pitti Uomo ganz speziell zu.

Wie immer war die internationale Leitmesse für Menswear, die bereits 94. Pitti Uomo, ein visuelles Fest, das neue Horizonte der Wahrnehmung und der Perspektive eröffnen konnte. Das farbenprächtige Kaleidoskop stand diesmal unter dem Motto »P.O.P. PITTI OPTICAL POWER« - und der Titel war Programm. Denn ja, man konnte dort alles entdecken, was in der Männermode angesagt ist: ob in den Kojen der Aussteller oder an den Körpern der »Pitti People«. Ist ja auch nicht schwierig in einer Mode-Ära, die der Prämisse »anything goes« zu folgen scheint. Slim oder oversized, puristisch oder überladen, Streifen oder Hawaii, Schlabberlook oder Spitzfasson - schön ist, was gefällt!

Pitti = Gesamtkunstwerk

Die Messe an sich ist ja ein Gesamtkunstwerk mit italienischer Nonchalance. Permanent feilen die Macher an der thematischen Gliederung, die an jeder Ecke Entdeckungen zulässt und stets mit Neuerungen aufwartet: Da ein Fokus auf neu interpretierte Outdoor Styles (»I GO OUT«), dort Platz für Talente aus Skandinavien (»SCANDINAVIAN MANIFESTO«). Hier ein Kuriositätenkabinett von Handwerklichem (»MAKE, THE NEW MAKERS«). Und vis-à-vis ein Duftlabor, das sich der Body Care für Männer widmete (»HI BEAUTY«). Offizielle Gastnation dieser 94. Ausgabe der Pitti Upmp war Georgien, Gastdesigner der Londoner Craig Green. Der Roberto Cavalli-Gruppe - heuriger »Pitti Special Guest« - räumte man die Möglichkeit ein, ihr jüngstes Herrenmodenprojekt unter Kreativdirektor Paul Surridge auf den Laufsteg zu bringen. Als Location wählte man ein ehemaliges Kartäuserkloster fünf Kilometer außerhalb der Stadt. Nach dem Defilee vor dem Kirchenportal bezogen die 35 Models im Kreuzgang Stellung, um nochmals von den Gästen, darunter Modekritikerin Suzy Menkes, beäugt zu werden. Dass man mit dem Cocktailglas in der Hand über Mönchsgräber stolperte, ist eine andere Geschichte…

Geweihte Orte

Ein anderer geweihter Ort widmete sich dem Thema »Fanatic Feelings - Fashion Plays Football«. Im weitläufigen Komplex der Kirche Santa Maria Novella hatte man dafür ein Multimediaprojekt eingerichtet. Überdimensionale Projektionen von Stadionszenen wurden an die historischen Mauern geworfen. Und ein kleines, grob gezimmertes Ticket-Häuschen in die Ecke gestellt. Wer wollte, konnte dort von einem Designer-Kollektiv eigens entworfene Fashion-Artikel mit Fußballbezug käuflich erwerben. Am Ende dieser als Ausstellung betitelten Installation landete man erneut bei einem Cocktail - gemixt von Charles Schumann höchstpersönlich. Der prominente Münchner Barkeeper kann in seiner Vita auf eine Modetangente verweisen, war er doch jahrelang das Gesicht der Marke Baldessarini.

Inszenierung & Bekenntnis

Ja, der Pitti Uomo in der Renaissancestadt am Arno ist ein idealer Platz für Inszenierung. Bezeichnend, wie sich beispielsweise Birkenstock präsentierte. Einerseits im atemberaubenden botanischen Torrigiani Garten, wo vor 670 Gästen zwischen Zedern und Zypressen die Kollektion dargeboten und zum Picknick im Grünen geladen wurde. Andererseits auf der Messe selbst, wo im üppig dekorierten Pavillon und unter Glas die ausgelatschten Sandalen (Modell »Arizona«) von Apple-Mitgründer Steve Jobs zur Schau gestellt wurden. Weniger augenzwinkernd, dafür mit mehr Tiefgang, konnte man am Pitti Uomo auch einen Trend bemerken, der von den italienischen Messemachern bislang noch nicht an die große Glocke gehängt wurde: Sustainability! Beispiele gefällig? Das Label Safe the Duck hat nebst dem Federvieh seine Liebe zum Meer entdeckt und verarbeitet Plastiktreibgut zu schicken Jacken. Edelweber Reda zeigte auf prominent platzierter Präsentationsfläche Wolle gebondet mit einer Membrane, die biologisch abbaubar ist. Und die nagelneue Bekleidungsmarke Sease launchte eine Kollektion aus nachhaltig produzierten High-Performance-Stoffen (wie bio-basiertem Nylon). Die Entwickler sind allesamt begeisterte Regatta-Segler, was aufs sportive Styling abfärbt. Und die treibende Kraft hinter dem Label trägt einen Familiennamen, der für entsprechenden Background bürgt: Loro Piana. Wahrlich gute Perspektiven!

Von: Christian Derflinger