Testkauf mit Konsequenzen

Fürs Shoppen auch noch Geld kassieren – das ist wohl gängiges Klischee. Meine persönliche Erfahrung dagegen: Testkauf kann neben Nerven auch Geld kosten!

Meine Frau macht oft mal den einen oder anderen Testkauf. Nicht immer, doch immer mal wieder. Sich als Modekundin nicht lästig, aber anspruchsvoll zu geben, das liegt ihr. Dafür gibt's Honorar und Spesenersatz. Und natürlich volles Rückgaberecht der zum Schein erstandenen Garderobe. Die Gegenleistung: ein ellenlanges Protokoll über alle Beobachtungen am POS. Von der Begrüßung bis zur Verabschiedung – nichts darf entgehen. Da sehen und hören vier Augen und vier Ohren mehr als zwei. Ich bin also eingeladen – als Chauffeur und als Einkaufsbegleitung. Der Auftrag: Check einer Filialleiterin. Die Zahlen stimmen nicht, die Beschwerden häufen sich. »Zu der braucht man nicht mehr gehen« ist dem Firmenchef zu Ohren gekommen. Die Person – nennen wir sie Frau Gabi – steht also am Prüfstand durch einen Testkauf. Spielt sie ihre Gastgeberrolle so, wie es Kunde und Unternehmer erwarten? Mit mir im Schlepptau betritt meine durch und durch modeaffine und in Verkaufstechniken absolut fitte Gattin die Trachtenboutique. Freilich: Dirndl sind ihr persönlich ein Graus, taillierte Rüschenblusen lehnt sie kategorisch ab. So etwas anzuprobieren: undenkbar! Schnell ist Frau Gabi ausgemacht. Der erste Eindruck: Für's Kaugummikauen gibt's schon mal Punkteabzug. Die altbekannte Begrüßungsfloskel macht's nicht besser: Nein, uns ist nicht zu helfen…  

Netter Smalltalk, mangelnde Verkaufstechnik  

Vielleicht klappt ja die Bedarfsermittlung beim Testkauf. »Was hätten Sie sich vorgestellt?« bringt nicht wirklich weiter. Eher aus Verlegenheit wendet sich meine Frau den Lederhosen zu. Auftrag ist ja, ein Outfit zu kaufen – um alle Aspekte eines perfekten Verkaufsgesprächs – inklusive Zusatzempfehlung, Kaufsicherung und Einladung zum Wiederkommen - abzutesten. Flugs ist sie in die Umkleidekabine entschwunden. Während der Anprobe taut die spröde Frau Gabi, die zu unserer Besuchszeit alleine das 150-m²-Geschäft schaukelt, etwas auf. Wir plaudern übers Wetter, die Dirndlphobie meiner Holden und handgemachte Lederhosen als Erbstück. Währenddessen kommt eine siebenköpfige Pensionistengruppe zur Tür herein. Ein knappes »Grüß Gott«, dann läuft der Smalltalk weiter – mit mir. Eine Person beim Probieren reicht Frau Gabi wohl, Mehrfachberatung ist nicht ihre Sache. Die dritte Lederhose passt wie angegossen, siegesgewiss schnappt sich die Filialleiterin das gute Teil der 200-€-Kategorie und marschiert zur Kasse. Offensichtlich ist ihr verkäuferischer Ehrgeiz damit befriedigt. Die Senioren verlassen das Geschäft. Ein resigniertes »Schaun wir noch woanders hin« kann ich beim Testkauf gerade noch aufschnappen.  

Lizenz zur Rückgabe  

Der Auftrag Testkauf ist noch nicht erfüllt. Meine Frau versucht nonverbal zu signalisieren, dass es noch ein bisserl mehr sein darf. Vergeblich! »Wie wär's mit einem Gürtel?« ist schließlich ein Impuls, den sie als Kundin setzen muss – unglaublich, aber wahr. Mühsam gesellen sich in der Folge noch ein Print-Shirt und ein Halstücherl dazu. Eine geschlagene dreiviertel Stunde dauert die Suche nach dem Outfit mit Lizenz zur Rückgabe, »gefühlt« war's für mich viel länger. Dann geht's ans Zahlen. So ein Pech auch – meine Liebste hat ihr Geldtascherl im Auto vergessen. Jetzt muss ich mit meinem Bargeld herhalten. Endlich verlassen wir den Laden und meine Frau resümiert: Das Verkaufsgespräch war unter jeder Kritik. Aber: Die Lederhose hat eigentlich ganz toll gepasst, so etwas fehle noch im Kleiderkasten. Das T-Shirt sei wirklich ganz adrett, der Gürtel ist sowieso tipptopp. Und das Tücherl? »Das Tücherl zurückschicken zahlt sich nun wirklich nicht mehr aus« kommt resolut aus ihrem Mund. Und weiter, mit zuckersüßem Klang in der Stimme: »Gell, ich g'fall dir in meinem neuen Trachtengwandl?!« Da schwant mir: Mein Geld für ihren Testkauf werd' ich wohl genauso wenig wiedersehen wie Frau Gabi in diesem Geschäft.


Von: Christian Derflinger

Kommentar

In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

Lesen Sie mehr!