Il Signor Nino

Mit einer Ausstellung unter dem Titel Il Signor Nino würdigte die Pitti-Messeleitung einen großen Namen der Branche.

Wer ist Herr Nino?  

Das Messetreiben findet tagsüber innerhalb der trutzigen Mauern einer Bastion aus dem 16. Jahrhundert statt. Abends folgen die Branchenevents in und vor den wunderbaren Palazzi von Florenz. Es ist Pitti – und mein Programm gut getaktet: Von neun bis fünf Interviews und Impressionen sammeln, dann ab ins Hotel, Duschen, Umziehen, die Chefredakteurin treffen, das Shuttle erwischen. Heute lädt Stilpapst Brunello Cucinelli zum Dinner ein: Standesgemäß mit Champagnerempfang im Park und Candle Light Dinner vor einem Palast in den Hügeln oberhalb der Stadt. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Arno liegt das Museo »Marino Marini«. Die ehemalige Kirche beherbergt das Werk des gleichnamigen italienischen Bildhauers, eines Zeitgenossen von Alberto Giacometti und Fritz Wotruba. Zwischen den Plastiken ist viel Platz für Events, den auch die Messeleitung der Pitti Uomo – ihres Zeichens weltgrößte Menswear-Messe – gerne und immer wieder nutzt.  

Unverhofft…  

Da war doch was? War nicht in der Flut der E-Mails, die vor jeder Fachmesse wohl jeden Fachredakteur regelrecht zuschütten, eine Ankündigung über eine Exhibition? Irgendwas mit einem Herrn Nino – im Museo Marino Marini? Die Menschentraube mit den Cocktailgläsern in der Hand weist die Richtung – hinein in das Ex-Gotteshaus. Seltsam, aber nicht gänzlich unerwartet: Hier ist Herrenmode ausgestellt. Aber was für welche: Ein von Mottenlöchern übersätes Sakko, doppelreihige Mäntel mit grässlich überschnittenen Schultern, Anzüge mit einem Hosenschlag, der wohl gegen 50 cm Fußweite tendiert – und das von der Apsis bis zur Empore! Das Geheimnis lüftet sich: Hier ist der Kleiderschrankinhalt (oder wohl eher der eines ganzen Dachbodens) eines Mannes mit Hang zu Eleganz ausgestellt – und damit ein Panoptikum des modischen Zeitgeistes von den 50er-Jahren bis zur Gegenwart. Applaus brandet auf. Da erscheint er - ein alter Herr am Stock gestützt mit zurückgekämmter silbergrauer Mähne und – sagen wir es mal so – ausgeprägten Gesichtszügen: Nino Cerruti.  

…kommt oft  

Der Familienname ist mir natürlich bestens vertraut - auch, weil ich ihn schon oft ganz falsch mit einem R und einem doppelten T geschrieben habe. Der Stoff aus der Edelweberei in Biella ist legendär, doch wer ist der Mann dahinter? Zum Googeln bleibt erst am Flughafen Zeit: Nino Cerruti, Jahrgang 1930, erbte im Alter von 20 Jahren die von seinem Großvater und dessen beiden Brüdern 1881 gegründete Stofffabrik. Ende der 1950er-Jahre wagte er sich an die Produktion von Herrenmode unter dem Namen »Hitman«. 1967 rief er das Unternehmen »Cerruti 1881 Maison de Couture« ins Leben und eröffnete seine erste Boutique am Place de la Madeleine in Paris, um der internationalen Modewelt näher zu sein. Eine Damenkollektion folgte 1968, zwei Jahre später schickte er weibliche und männliche Models gleichzeitig über denselben Laufsteg – revolutionär zu dieser Zeit. Seine Handschrift: klassischer Stil, luxuriöse Stoffe, edle Businessmode für Herren und zierliche Damenmode. Wikipedia weiß auch: Zum eigenen Markenzeichen wurde der lässig um die Schulter gelegte gelbe Pulli. 1990 stattete er gemeinsam mit seinem ehemaligen Mitarbeiter den Hollywood-Film »PrettyWoman« aus: Ihm oblag die Einkleidung von Julia Roberts, Giorgio Armani kleidete Richard Gere ein. Im Jahr 2000 verkaufte Nino Cerruti die Mehrheit seines Modehauses an Investoren und widmet sich seitdem ganz seiner Stoffmanufaktur und Kooperationsprojekten. Zweifellos – der alte Herr, dem ich nun überraschend von Angesicht zu Angesicht im Museum gegenüberstehe, ist einer der großen Modeschöpfer – vielleicht der letzte seiner Garde. Und ich bin hier eher zufällig hereingestolpert…  

Bei der Ankunft Zuhause überrascht mich meine Frau mit einem Parfum, das sie ihrerseits auf einem Businesstrip spontan im Düsseldorfer Airport Duty-free erstanden hat. Die Marke? Cerruti 1881! Na, da kann ich ihr gleich was erzählen.


Von: Christian Derflinger

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In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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