Annalen der Veränderung

Fakten, Einschätzungen & eine Prise Wehmut: Ein neues Fachbuch beschäftigt sich mit dem Wandel der deutschen HAKA-Industrie vom Gründungsboom bis zum Ist-Zustand.

Dr. Karl-Wilhelm Vordemfelde ist studierter Jurist und trat nach abgeschlossener Ausbildung als Junior ins väterliche Unternehmen Wilvorst ein, welches er seit 1983 als Geschäftsführer leitet. Der Anlassmode-Fabrikant - Vater von drei Töchtern und begeisterter Jazzpianist – ging nun auch unter die Fachbuch-Autoren. »Aufstieg und Niedergang der deutschen Herrenbekleidungsindustrie« (erschienen bei der dfv Mediengruppe) nennt sich sein Branchenrückblick.  

Vom Aufstieg…  

Wie so oft in der Geschichte war ein Krieg Vater des Gedankens: Der Uniform-Schneider Johann Desch gelangte im preußisch-österreichischen Krieg zur Erkenntnis, es wäre besser, Bekleidung nach schnitttechnischen Grundsätzen in Serie zu fertigen, als sie nach üblicher Handwerksmethode einzeln herzustellen. Diese Idee, umgesetzt ab 1874 im eigenen Fertigungsbetrieb in Aschaffenburg, hatte durchschlagenden Erfolg – die »Bekleidungsindustrie« nahm ihren Anfang. Es folgte ein regelrechter Gründungsboom. Neben Aschaffenburg wurden Stettin, Berlin und einige Regionen mehr zu Zentren der Branche. Nach dem ersten Weltkrieg wandelten sich die Unternehmen vom »Verlagsbetrieb« (Zuschnitte wurden an Zwischenmeister weitergegeben) zum»Werkstattbetrieb« (Zuschnitt, Näherei und Bügelei unter einem Dach). In der Zwischenkriegszeit rissen Erfolgsstorys trotz Weltwirtschaftskrise nicht ab. So wurde Wilvorst, entstanden 1916 durch einen Aufkauf durch Wilhelm Vordemfelde in Stettin, mit rund 1.300 Mitarbeitern zweitgrößter Bekleidungsbetrieb seiner Art in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg, seinen Zerstörungen und dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands folgte der Wiederaufbau samt enormem Nachholbedarf bei Bekleidung. 1966 war das Spitzenjahr fürs westdeutsche Bekleidungsgewerbe: 5.628 Betriebe gaben 406.000 Menschen Beschäftigung. Die Kapazität an Personalressourcen war erreicht, Gastarbeiter wurden zu Niedriglöhnen und schlechten Wohnbedingungen ins Land geholt: Für Dr. Vordemfelde die Vorstufe zur späteren Verlagerung der Produktionen ins Ausland.  

…zum Niedergang  

1967 endete das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit: Erstmals seit 1949 brach das Wachstum ein. Diese erste Rezession brachte Arbeitslosigkeit und ein Gegensteuern der Politik mit einer Sozialgesetzgebung, die letztendlich die Bundesrepublik zum Hochlohnland entwickelte. Für die heimische Bekleidungsindustrie war die Trendwende markiert. Der Abschied vom Verkäufermarkt führte nunmehr zur Wachstumssuche im Export. Der Fachbuchautor analysiert den weiteren Weg bis zum gegenwärtigen Ist-Zustand und seinem ernüchternden Fazit: »Die deutsche Herrenbekleidungsindustrie ist heute eine Industrie ohne Produktion in Deutschland«. Dabei beleuchtet Dr. Vordemfelde fachkundig viele Aspekte, Entwicklungen und auch Versäumnisse. Zum Beispiel, dass nach dem Mauerfall die ganze Branche in Ostdeutschland geopfert wurde. Oder wie es dazu kam, dass Köln als selbsternannte »Stadt der Herrenmode« diesen Status wieder verlor. Und wie das Modemessewesen durch Selbstzweifel und Taktieren mehrmals sich selbst schädigte. Die unrühmliche Rolle des HAKA-Verbandes wird ebenso thematisiert, wie das Aufblühen und Verschwinden der Einkaufsverbände à la Sütex, abz und KMT. Betriebswirtschaftliches (wie die Tücken handelsüblicher Kalkulationsmodelle) und Vertragstechnisches (wie das Abbröckeln der einst hochgeschätzten Einheitsbedingungen) finden ebenso eine Betrachtung wie die Risikoverschiebung von (marktdominierenden) Handelsformen in Richtung (um Aufträge ringende) Industrie - bedingt in Kommissions-, Konsignations- und Depotgeschäften. Breiten Raum widmet der Autor dem Exodus der Produktion nach Süd-, Ost- und Südost-Europa bzw. in die Türkei und nach Fernost – dokumentiert durch Tabellen, wie sie noch nie veröffentlicht wurden. Ein Exempel von vielen: Betrug der Auslandsanteil der Herrenhosenproduktion in der Saison F/S 1989 noch 15,6 %, stieg er belegbar bis zur Saison F/S 2003 auf 88,2 % und ist heute wohl noch viel höher! Die Konsequenz aus der Entwicklung: Nicht nur zigtausende Arbeitsplätze verschwanden aus Mitteleuropa, auch viele einst klingende Herrenmodenmarken wurden Opfer der Umstände, ob selbstverschuldet oder von außen getrieben.  

Chronist gesucht  

Karl-Wilhelm Vordemfelde erinnert mit seinem Werk an glorreiche Zeiten, an die Vergänglichkeit im Wirtschaftsleben und an Fehlentwicklungen, die sich mit zeitlicher Distanz besser beurteilen lassen, als zum Momentum des Entstehens. Wünschenswert wäre, wenn sich ein Chronist auch um die einstige Herrenbekleidungsindustrie in Österreich annähme. Möglichst, bevor Namen wie Krautzberger, Kleider AG, Siko Sinai KG oder Licona gänzlich in Vergessenheit geraten. Die Zeitzeugen werden rar.


Von: Christian Derflinger

Kommentar

In unserer Kategorie Kommentar schreiben die Redakteure der Österreichischen Textil Zeitung darüber, was sie in der vergangenen Woche bewegt hat. Die Welt der Modeindustrie und des Modehandels, ihre Tücken, Herausforderungen und Kuriositäten - ganz persönlich im Kommentar auf den Punkt gebracht.

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